Wie immer: _ _ _ (bitte betreffendes Adjektiv einsetzen)

So war das Immergut 2016

Daniel Koch berichtet vom Immergut, der beliebten Indie-Sause bei Neustrelitz, die eigentlich nie enttäuscht und durchweg mehr als nur okay abschneidet...
Es ist so fürchterlich: Der Witz ist so alt. Jedes Wortspiel, das man aus den Zutaten »immer« und »gut« bauen kann, ist auch in diesem Magazin mindestens einmal durchexerziert worden. Und trotzdem ist das erste, was einem nach dem Wochenende in Neustrelitz auf die Frage »Wie war`s?« einfallen will: »Wie immer. Gut.« Karl Lauer lässt grüßen, das Ehepaar Schenkel-Klopfer ebenfalls. Dabei ist der Satz wirklich nur rausgerutscht, weil er die Sache einfach immer zu gut trifft.

Das Immergut war bisher – in all den sieben oder acht Jahren, die der Autor dieser Zeilen dort war – immer gut. Und das spürt man spätestens in dem Moment, in dem man zum ersten Mal diese Waldlichtung betritt, die man in zwischen so liebgewonnen hat. Aber natürlich beenden wir die Nachlese nicht an dieser Stelle.
Obwohl die Wetter-Apps im Vorfeld Unwetter-Panik verbreiteten, hält sich das leicht-schwüle Sommerwetter und sorgt dafür, dass die Mücken sich freuen, die undefinierbaren, laut knurrenden Käfer ihre Morgennebelvögeleien vollführen können, und das wieder überwiegend recht junge Publikum am Freitag schon früh in den Seilen hängt, weil es gemerkt hat, dass Bier und Wodka in der Sonne doppelt knallen. Das ist jedenfalls der einzige Minuspunkt am Freitag, dass manch einer vergessen hat, dass es auch um Musik geht und bei – sagen wir –Tocotronic in der zehnten Reihe steht, um seinen Freunden die Saufexzesse des letzten Wochenendes zu erzählen. Aber hier stehen, nein danke!

Die Tocos machen bei ihrem Headlinerset jedenfalls alles richtig, streuen früh solche Kracher wie »Neues vom Trickser« ein und dissen die Provinz, in der sie spielen, in der Ansage zu »Aber hier leben, nein danke« ein wenig zu hart. Sonst gibt’s jedoch wenig zu meckern. Und man kann beobachten, wie diese inzwischen ja auch schon zu Jubiläumsehren gekommene Band offen zu gibt: »Wir fühlen uns heute ganz schön alt.« Umso dankbarer scheinen sie, dass auch die 18jährigen Kids mit ihren Feine-Sahne-Fischfilet-Beuteln noch etwas mit ihrer Musik anfangen können. Auch Get Well Soon äußern sich zuvor ähnlich und wirken fast ein wenig überrascht, dass jung wie alt sie so feiern. Allerdings ist es auch schwierig ihrem schicken, im rot der großen Letter »LOVE« erstrahlenden Bühnenbild und ihrer dramatischen Musik zu widerstehen, die von Konstanin Groppers guter Laune interessant aufgebrochen wird. Hat man ja auch nicht alle Tage, dass er ein breites Grinsen im Gesicht trägt.

Nachdem Isolation Berlin erstaunlich souverän die Hauptbühne eröffnen, sind LUH vielleicht die Überraschung des Tages. Der ehemalige Wu-Lyf-Sänger und seine Lebenspartnerin tragen eine irgendwie angenehme Arroganz vor sich her und verwirren das Publikum mit einem Wechselspiel aus heiser geheulten Balladen (»Loyalty«) und aus allen Rohren ballernden Attacken wie »Lost Under Heaven«. Das gefällt nicht jedem, aber gerade mit ihrer polarisierenden Attitüde hinterlassen sie wohl den nachhaltigsten Eindruck. Auf der »Bierzeltbühne« bringen derweil Vita Bergen mit ihrem einförmigen, aber zackigen Sound die Meute in Bewegung, was die Suuns ein paar Stunden später gekonnt wiederholen.

Der Samstag wird dann erst einmal so gestartet, wie man ihn auf dem Immergut starten sollte: Mit einer Fahrt zum Langen See in einer Pseudo-Bimmelbahn, wie man sie von schlechten Stadtrundfahrten kennt. Und während man darin wahlweise auf den Schriftzug »Tschu Tschu Germany« oder auf das schöne Städtchen Neustrelitz und die für ein Pokalspiel angereisten Hansa-Rostock-Hools blickt, sorgt der aus dem Radio schallende Soundtrack– - powered bei NDR 2 - –dafür, dass einem das Bier wieder hochkommen will. Aber gleichzeitig fühlt man sich geborgen, was nicht an Dittberner oder Joris liegt, die ihre schlecht getextete Befindlichkeits- und Erbauungsheulerei durch den Äther jagen, sondern an den Menschen, mit denen man diese bizarre Zugfahrt teilt. Da fühlt man sich wohl, die sehen nett aus, die hören gute Musik, sonst wären sie nicht hier. Hallo, Peer Group, da bin ich!

Nach Anbaden bei mutigen Temperaturen und Weißweinschorle in der prallen Sonne kann der zweite Konzerttag beginnen. Vorher gibt man sich aber erst einmal das Programm auf der niedlichen Birkenhain-Bühne, wo einen erst Stefanie Sargnagel mit ihrer gut formulierten und klugen, schlechten Laune begrüßt, bevor die tollen und sehr jungen Frankie Cosmos ihren juvenilen Schrammel-Songwriter-Indie präsentieren. Die große Bühne fährt zunächst We Are The City auf, um anschließend Peter Bjorn And John zum ersten Mal seit Jahren live in Deutschland erlebbar zu machen. Die pfeifen natürlich auch das Lied von den »Young Folks«, aber ach, sie haben doch noch viel viel mehr von diesen satten Popsongs, die einem irgendwie das Hirn lüften und das Herz mit Liebe füllen. Liima zünden dann leider nicht so ganz, wie sie es auf ihrem Album schaffen – dafür funktionieren Maximo Park mit ihrem Best of noch erstaunlich gut. Hier kann man dann beobachten, wie vorne die Mitdreißiger pogen und hinten die Anfang 20 Fraktion zumindest bei den Hits noch mitsingen kann.

Spannend auch das Zelt Programm: Drangsal eröffnet vor zunächst recht leeren Reihen, schafft es aber das Zelt zu füllen, was zu einen an seinen auf Hit getrimmten Stücken wie »Allan Align« und »Will ich nur dich«, zum anderem an seinem Bühnencharisma, das irgendwo zwischen charmant und diabolisch changiert. Toller Abschluss seines zwangsläufig kompakten Sets: Eine Coverversion von »For Whom The Bell Tolls« von Metallica. Muss ja nicht immer Indie sein! Auch die Fat White Family bricht dann mit dem sonst vorherrschenden Sound und lässt die Ohren fiepen. Selbst wenn ihre Stücke wie »Touch The Leather« auf dem Album eher nach Nick Cave And The Bad Seeds in einer ihrer schmutzigen Phasen klingen, ist an dem Abend alles Lärm. Aber guter. Und wer vorne nah genug dran stand, konnte sogar noch einen Blick auf das Gemächt des Sängers erhaschen. Klappt ja auch nicht immer.

 Als Coma dann noch in den Birkenhain baten, gefolgt von DJ Phono schlich sich auch schon wieder das ein, was auf dem Immergut dann doch immer nicht so gut ist: Die Melancholie, dass es das schon wieder war mit dem Immergut, diesem so entspannten Einstied in die Freiluftsaison. Aber was soll’s. Kommt man eben nächstes Jahr wieder: Wie immer.