»Von heute an leben wir ewig«

So waren Tocotronic live in Köln

Es ist eine große Genugtuung zu sehen, wie die Band immer weiter macht und immer noch so stark will. Der Abend im Kölner E-Werk zeigt eindrucksvoll: Tocotronic sind gekommen, um zu bleiben.

Text: Kai Wichelmann ,
Foto: Christian Debus

13.03.2018, E-Werk Köln

Wenn man das Stammpublikum auf Konzerten von Tocotronic betrachtet, lassen sich für die ewige Wiederkehr Gründe erahnen, die über reine Fanliebe hinausgeht. Andere Bands sieht man einmal und schon das zweite Mal kann dem ersten nichts hinzufügen. Die typische Krux einer satten, einst bedeutsamen Band. Nicht so bei Tocotronic: Klar gibt es mittlerweile redundante Momente auf Konzerten der Gruppe wie die bewusst theatralisch gesetzten Gesten von Dirk von Lowtzow oder die progressiv theaterhaften Züge bei »Freiburg«: »Music is the healing force of the universe!«. Heute spielt die Gruppe das Stück, nachdem das Outro von Ingrid Caven längst verklungen ist. Doch dazu später mehr.


Das obsessive Feuer brennt bei Tocotronic immer noch lichterloh. Nach 25 Jahren Bandgeschichte hat die Gruppe qualitativ nie nachgelassen. Gerade das aktuelle Album, »Die Unendlichkeit«, beweist, dass die Band immer noch auf dem Hochplateau Ihres Schaffens agiert. Was bei früheren Konzerten der Gruppe um Sänger Dirk von Lowtzow fehlte, war die musikalische Finesse, auch wenn die sporadischen musikalischen Fähigkeiten sympathisch und gerne zur Schau gestellt worden sind. Man kann es nicht anders sagen: Rick McPhail brachte der Gruppe die Schönheit komplexer Gitarrenfiguren und eine filigranere Soundästhetik. Der heilige Gral eines Tocotronic-Konzerts im Jahre 2018 liegt in der Verfeinerung und Verdichtung des Sounddesigns. Zudem wirkt die Band mehr denn je wie eine Einheit, die immer mehr und auf ewig miteinander zu verschmelzen scheint. Mick Jagger bezeichnete die Beatles einst als vierköpfiges Monster, womit er die intuitive Vertrautheit des Bandgefüges herausstellen wollte. Tocotronic sind auch optisch eine unzerstörbare Einheit. 

Als die Gruppe zu »Tanz der Ritter« von Prokofjew auf die Bühne schreitet, dahinter sich der Sternenhimmel (als Symbol der Unendlichkeit) auftut und sie mit dem Titelstück in den Abend gleiten, staunt man nicht schlecht: Sowohl visuell als auch musikalisch haben sie nochmal ein ganzes Stück zugelegt. Die anschwellende Dynamik dieses Songs nahezu Eins zu Eins auf die Bühne gebracht. Auch textlich hat die Gruppe zu dem seit »K.O.O.K« negierten Konzepts der klaren, parolenhaften, textlichen Ansprache des Frühwerks ein Stück weit zurückgefunden. Eins zu Eins ist auch auf dieser Ebene wieder da, gewissermaßen. Die Songs des Abends rekrutieren sich aus nahezu allen Schaffensphasen des Band, die Nerds und Enthusiasten dürfen sich über lange nicht gespieltes wie »Letztes Jahr im Sommer« vom Debüt (»Digital ist Besser«) freuen, Kernstücke wie »Hi Freaks«, »This Boy Is Tocotronic« und »Ich bin viel zu lange mit euch mitgegangen« werden ebenso dargeboten. »Aber hier leben, nein danke!«, kündigt von Lowtzow als Stadion-Rock an und nimmt dabei Bezug auf eine Rezension des Konzerts von Erfurt, Tage zuvor. Dort vermochte eine Regionalzeitung eben jene Anwandlungen bei Tocotronic bemerkt zu haben.

Einen der berührendsten Momente des Abends gehört das Stück »Unwiederbringlich«, das Dirk von Lowtzow solo mit seiner E-Gitarre vorträgt. »Dein Tod war angekündigt, das Leben ging dir aus, unversöhnlich trat es aus dir heraus«. Diesen Abschiedssong widmet der gebürtige Offenbacher einem alten Schulfreund. Knapp zwei Stunden sind schon vergangen, als die Soundwand von »Explosionen« die dritte Zugabe beschließt, »Die weißen Vögel« von Ingrid Caven (seit 2007 Bestandteil eines Konzertabschlusses der Gruppe) läuft schon vom Band, als die Gruppe für »Freiburg« ein letztes Mal zurück auf die Bühne kehrt. Dirk von Lowtzow geht auf die Knie, skandiert: »Music is the healing force of the universe« – eine Zeile, die dem Titel des gleichnamigen Werks von 1969 des Jazz-Saxofonisten Albert Aylers entlehnt ist. Dann ist es vorbei. Nur wenige Bands können solange zusammen sein ohne peinlich oder egal zu werden. Tocotronic sind gekommen, um zu bleiben.

Tocotronic

Die Unendlichkeit (Deluxe Version)

Release: 26.01.2018

A Vertigo Berlin release; ℗2018 Tocotronic Neu Gbr, under exclusive license to Universal Music GmbH