»Utopia, it isn't elsewhere, it’s here!«

So war das Primavera Sound Barcelona 2018

Das Primavera Sound entwirft eine Festivalutopie ohne Regen, Staub und Gedränge. Dafür präsentiert es auch im 18. Jahr wieder Indie-Helden und heiße Newcomer unter strahlend blauem Himmel. Klingt perfekt. So ganz geht die Utopie-Vorstellung dabei jedoch nicht auf.

 

Text: Lisa Riepe ,
Text: Henrike Schröder ,
Foto: Christian Hedel

2005 zog das Primavera Sound vom Freilichtmuseum Poble Espanyol zum Parc del Forum, einem mehr als doppelt so großen Areal direkt am Meer. 15 Bühnen umfasst es mittlerweile, die alle so gut auf dem Festivalgelände verteilt liegen, dass man zu keinem Zeitpunkt das Gefühl hat, sich das Festival mit bis zu 60.000 anderen Fans zu teilen – es sei denn, man versucht nach dem letzten Konzert ein Taxi zu erwischen. Zwischen den Bühnen überspannen 1,700 m² Solarmodule das Gelände, die als Wahrzeichen der Stadt dessen Engagement für den Umweltschutz verdeutlichen sollen. Darunter wird Bier in Einweg-Plastikbechern ausgeschenkt, die am Ende jedes Abends plattgetreten den Boden des Geländes bedecken, auch wenn die Reinigungskräfte zwischen den Konzerten unentwegt darauf bedacht sind, die Becher aufzusammeln und zu entsorgen – nur um wieder Platz für neue zu schaffen.

 

»There's definitely, definitely, definitely no logicto human behaviour« singt Björk– ganz passend – am Donnerstagabend. Nachdem sie mit »Human Behaviour« seit elf Jahren nicht live aufgetreten ist, präsentierte sie den Song ihres Debütalbums erstmals wieder beim All Points East Festival in London und eine Woche später in Barcelona. Mit einer Gruppe Flötistinnen im Hintergrund singt sie vor allem Songs von ihrem neusten Album »Utopia« – an dem sich auch die Bühnenausstattung und Kostüme orientieren, die die phantastische Natur-Ästhetik ihrer Utopie-Vorstellung aufgreifen: »Utopia, it isn't elsewhere, it’s here!«

 

Bevor am Abend Acts wie die Arctic Monkeys, Lorde und A$AP Rocky auf der Bühne stehen, spielt im Park Güell eine spanische Band Sommerhits von »Ai Se Eu Te Pego« bis »Despacito«, im Nacken die unglaubliche Aussicht über die gigantischen Kräne bei der La Sagrada Familia bis hin zum Parc del Forum. Dazwischen: Junggesellenabschiede in Hasen- und Bananenkostümen und Pärchen mit Selfiesticks. Lykke Li betritt Abends in Latex-Schlaghose und passender -Bomberjacke die Bühne und nimmt sie mit ihrem perfekten Popsound – und ihrem eigenen Utopie-Entwurf – ein: »We could be utopia, utopia. You and me, utopia, utopia.« Als textiler Kontrast tanzt Lorde etwas später in hellblau wallendem Kleid mit Plüschsaum über die Bühne bevor sie sich für einen guten Rat kurz an die Kante setzt: »If you are feeling you are too much for someone, fuck him. You are perfect. If you need someone to hang,justcall me«, erklärt sie bevor sie »Liability« anstimmt.

 

Als weitere Künstlerin steht am SamstagGrande Dame Jane Birkin auf der Hauptbühne, die zusammen mit Tochter Charlotte Gainsbourg nach Barcelona gereist ist. Charlotte spielt Freitagnacht, Jane Birkin Samstagabend im Sonnenuntergang. Zusammen mit dem Orquestra Simfònica del Vallès füllt sie die ganze Hauptbühne mit Emotionen. Eine Hommage an Serge Gainsbourg, der laut Birkin zu Tränen gerührt wäre. Das sind auch die Zuschauer, bezaubert von Jane Birkin und einem Festival, dass es nicht nur schafft einen solchen Moment auf die Bühne zubringen, sondern ein Publikum hat, dass die Musik in all ihren Facetten liebt und trägt.

 

Um einiges kleiner, dafür aber mit Meerblick: Die Pitchfork Bühne, die sich mit ihren Lieblingsacts aus aller Lande zeigt: Ibeyi, Sylvan Esso, Tom Misch, Rex Orange County, Mavi Phoenix und The Internet. Letztere stehen nach einem schönen Set noch selber bei Tyler, the Creator im Publikum. Der Flower Boy in Neongelber Warnweste und Hose bringt Glitter auf die Bühne. Tyler zeigt selbst den Sternenhimmel (die Großstadt schafft leider nur Vollmond) als beeindruckendes Visual, vor dem sich seine Solo-Performance ganz entfaltet. Sternenhimmel vs. Menschenbad, dazwischen ein Tyler, der von Einsamkeit, Langeweile und Hoffnung auf ein bisschen Liebe rappt. Das macht er sonst auch mit dem jungen, aufstrebenden Briten Rex Orange County, der am frühen Samstagabend den passenden Soundtrack zum besten Wetter liefert.

 

Freitag ist es allerdings niemand geringeres als der früh angereiste A$AP Rocky, der für »Who Dat Boy?« mit auf die Bühne kommt, auf der er einen Tag später gleich nochmal steht. Auch hier wird auf ein großflächiges Bühnenbild und Solo-Performance gesetzt. Ganz im Zeichen des neuen Albums »Testing« trägt A$AP einen gelb-schwarzen Blaumann, zwischen den jüngsten Songs präsentiert er Klassiker bei Konfetti und Feuerwerk. Von der Bühne verabschiedet er sich mit dem Moby Sample von »A$AP forever«, das er zuvor bereits in seiner Version zum Besten gegeben hat. Danach springt Skepta, der auch auf »Testing« vertreten ist, für die Migos ein und beendet das HipHop Primavera ab 3.00 Uhr nachts. Vor der Bühne: Jede Menge feiernde Menschen. Morgen ist ja erst Sonntag und die Metro fährt die ganz Nacht durch! Primavera, can I get a kiss? And can you make it last forever?