Mit Casper, Me+Marie und Intergalactic Lovers

So war das Orange Blossom Special 2018

Einmal im Jahr verbringt die Beverungener Dorfjugend den Freitag- und Samstagabend nicht im Stadtkrug oder zu »Summer of 69« Discofox tanzend in der Dorfdisse »Saloon«, sondern beim Orange Blossom Special zwischen alternden Musiknerds und gemütlichen Familienausflüglern.

Text: Henrike Schröder ,
Foto: Henrike Schröder

Die geselligste Gartenparty der Festivallandschaft findet in Ostwestfalen statt. Dort, wo die Weser mehrere kleine Bögen macht, veranstaltet das Label Glitterhouse bereits im 22. Jahr das Orange Blossom Special im hauseigenen Garten. Mit Lampions in den Bäumen, Partyhütchen auf den Köpfen und zwei vergleichsweise kleinen Bühnen.

 

Auf der größeren der beiden spielt die schwedische Band Ef am Freitag Postrock: Im Hintergrund Schlagzeug und Bass, im Vordergrund drei Gitarristen, die sich im anhaltenden Gitarrengetöse dramatisch hin- und herwiegen und mit ihren Instrumenten so unzertrennbar verwachsen scheinen, dass sich die Phallussymbolik geradezu aufdrängt. Eine Szene, die sich am Samstagabend bei Sophia ähnlich wiederholt: »Wenn ihr jetzt lange nichts von mir hört, will ich, dass ihr wisst, dass ich jeden einzelnen von euch liebe. Rock the fuck on!«, erklärt Robin Proper-Sheppard, der von zwei jungen Gitarristen begleitet wird. Beide wirbeln ihr Instrument energisch-theatralisch herum und spielen es teils über den Kopf haltend, bevor Proper-Sheppard mit »I'm going to the river to see if I can find someone to protect me from what I desire« im Publikum nostalgische Erinnerungsschübe an jugendlichen Herzschmerz auslöst.

 

Aufgebrochen werden die nostalgie- und gitarrenlastigen Konzerte von einer auffallend starken Präsenz an weiblichen Musikerinnen. Bei Intergalactic Lovers steht Lara Chedraoui mit ihrem Gesang irgendwo zwischen PJ Harvey und Feist im Vordergrund und spiegelt die Lyrics in ihren Bewegungen wider. Die deutsch-italienische Sängerin Laura Carbone singt in Lederjacke und mit Sonnenbrille so verdammt cool »for you I’d give my blood plasma«, dass man sich erneut an PJ Harvey erinnert fühlt. Und bei Me + Marie sitzt Maria de Val so lässig am Schlagzeug, dass man sich wünscht, der weibliche Teil der anwesenden Dorfjugend würde sie das ganze Set hindurch anhimmeln und danach direkt zur nächsten Musikschule laufen, um sich für den Schlagzeug-Unterricht anzumelden. Besucht man das Festival nur am Samstag, könnte man meinen, das OBS hätte es geschafft, dieses geschlechtergerechte Verhältnis von 50/50 – das nicht zuletzt durch die Initiative Keychange gefordert und gefördert wird – auf die Bühne zu bringen. Tatsächlich haben jedoch nur neun der insgesamt 27 Acts einen Frauenanteil – gerade mal 1/3. Dass dieser Prozentsatz bereits positiv auffällt, sagt einiges.

»Uns wurde oft vorgeworfen, dass wir hier keine lokalen Kapellen haben«, erklärt Rembert Stiewe am Freitagabend und kündigt den Headliner des Abends an. Casper kommt ursprünglich aus dem etwa 60 km entfernten Extertal und weiß genau, dass er nicht der Headliner ist, den man beim Orange Blossom Special erwartet. Er macht keine Musik, die man im entferntesten Sinne mit »Alternative« bezeichnen könnte und springt während des Konzerts permanent von einem Ende der für ihn sicherlich ungewohnt kleinen Bühne zur anderen. Noch bevor er das passende Lied selber anstimmt, sieht er die ersten Mittelfinger und erklärt beschwichtigend, er wisse schon, dass er nicht jedermanns Tasse Tee sei, 85 % des Publikums hätten sicherlich wen anderes erwartet. Dann stimmt er »Mittelfinger hoch« an – gegen Sexismus, Homophobie und Rassismus und tauscht die Zeile »Casper, Kollegah, Shiml, Favorite« kurzerhand gegen »Casper, Landstreicher und Beat The Rich«. »Ich fühle mich aber ok aufgenommen«, schlussfolgert er am Ende des Konzerts. »Vielleicht war ja jemand dabei, der wusste, wer Blixa Bargeld ist.«

 

Am Sonntag scheint schließlich die Sonne, auch der Letzte hat seinen Campingstuhl vom Zeltplatz direkt an der Weser ein paar Meter rüber auf das Festivalgelände geschleppt und sitzt nun leicht lethargisch vor der Bühne. »Was für ein schöner sonniger Sonntag. Der perfekte Tag für traurige Lieder. Weiß doch jeder, dass das Leben traurig ist. Und wenn ihr nicht traurig seid, habt ihr nicht richtig aufgepasst«, fasst der kanadische Singer/Songwriter Donovan Woods zusammen. Es ist so schön gemütlich hier, dass er nach seinem Auftritt gerne noch etwas plaudern würde, über eine Einladung zu jemandem nach Hause freut er sich auch. Ansonsten trifft man sich einfach im Saloon.