Es reicht!

Sexuelle Übergriffe auf Festivals und was wir dagegen tun können

#metoo war noch kein Thema, da knallte es in der Festivalwelt und das Bråvalla schmiss hin. Ein Festival, auf dem zunehmend sexuelle Übergriffe gemeldet wurden, wollten die Veranstalter nicht mehr organisieren. Im Anschluss wird nun eine längst überfällige Debatte über ein Problem geführt, das viel zu lange unter den Teppich gekehrt wurde.

Text: Henrike Schröder ,
Illustration: Johanna Walderdorff

Beim schwedischen Bråvalla Festival 2017 steht am Samstag gerade der britische Singer/Songwriter James TW auf der Bühne, da wird die nächste Ausgabe bereits abgesagt. Um 14:41 Uhr heißt es auf Facebook: »Wir haben beschlossen, dass Bråvalla 2018 nicht stattfinden wird. Uns wurde eine Vergewaltigung am gestrigen Freitag auf dem Festivalgelände gemeldet. Nun untersucht die Polizei, was passiert ist. Außerdem wurden uns mehrere sexuelle Übergriffe gemeldet. Es gibt keine Worte dafür, wie unglaublich traurig wir darüber sind. Wir bedauern und verurteilen das zutiefst.« Insgesamt werden fünf Fälle von sexuellen Übergriffen angezeigt – drei davon als Vergewaltigung. In einem Fall soll eine 15-Jährige sogar während eines Konzerts in der Zuschauermenge misshandelt worden sein. Hinzu kommen 23 Anzeigen wegen sexueller Belästigung. 

 

Trotzdem spricht die Polizei, laut Berichten der Zeitung Die Welt, nicht von einer ungewöhnlich hohen Anzahl an Anzeigen. Schon im Jahr zuvor wurden beim Bråvalla fünf Vergewaltigungen und zwölf sexuelle Übergriffe angezeigt. In Deutschland scheint es bei Festivals weniger entsprechende Fälle zu geben: 2017 wurden beim Hurricane laut Polizei 300 Straftaten gezählt, darunter 28 Schlägereien, 96 Drogendelikte, 140 Diebstähle, aber »nur« vier Sexualdelikte. 2015 kamen, laut der FAZ, zwei Fälle von sexueller Belästigung zur Anzeige, 2016 keiner. Ähnlich sieht es bei Rock im Park aus. Dort werden laut Polizei jedes Jahr ein bis zwei Fälle von sexueller Belästigung angezeigt. Und in einem Interview mit dem Online-Magazin Refinery29 erklärte Veranstalter Tommy Nick 2016, dass es weder beim Melt noch beim Splash in den letzten 15 Jahren zu Anzeigen wegen Sexualdelikten kam.

 

Die Zahlen klingen zunächst nicht sehr alarmierend. Trotzdem reichen diese Einzelfälle, um Festivals als Utopien der uneingeschränkten Freiheit, des alkoholtrunkenen Eskapismus in Frage zu stellen. »Nimmt sexuelle Gewalt auf Festivals zu?«, fragt jetzt.de und auch Edition F beginnt den Artikel »Festivals: Wie sicher ist man hier als Frau?« mit der Einleitung »Die Festivalzeit gilt als die Zeit im Jahr, in der man sich einfach mal fallen lassen kann. Doch manche Menschen missbrauchen eben diese Freiheit. Denn leider ist sexuelle Belästigung für Frauen auf Festivals ein großes Thema.«

 

Jein. »Festivals waren schon immer explizit auf ein friedliches Miteinander aus. Das Problem liegt nicht bei den Festivals, sondern bei Einzeltätern, die bewusst Grenzen überschreiten und das auch in anderen Kontexten tun«, erklärt Stephan Thanscheidt, CEO von FKP Scorpio, dem Veranstalter von Festivals wie Hurricane, Southside und auch des schwedischen Bråvalla Festivals. »Sexualisierte Gewalt ist kein festivalspezifisches, sondern ein gesamtgesellschaftliches Problem.« Auf die Frage, ob er das Gefühl habe, sexuelle Übergriffe würden auf Festivals zunehmen, lenkt er schnell ein. »Die Antwort auf diese Frage sollte nicht auf meinem Gefühl, sondern auf Zahlen der Polizei basieren. Wir selbst stellen keine Erhöhung fest.« Dunkelfeldstudien ziehen das jedoch in Zweifel. Gerade bei Sexualdelikten sind Kriminalstatistiken oft lediglich ein Anhaltspunkt, denn sie können nur erfassen, was auch angezeigt wird. Erst mit Studien zu Dunkelziffern, also nicht angezeigten Fällen, lässt sich die tatsächliche Zahl genauer eingrenzen – und die ist bei Sexualdelikten besonders hoch. Eine Studie des LKA Niedersachsen verdeutlicht die Relationen: 2016 wurden in Niedersachen nur etwa sechs Prozent der Sexualdelikte angezeigt, dafür 95 Prozent der Autodiebstähle.

 

»Schämen sollten sich die Täter, nicht die Opfer.«

 

Deshalb spielt es eine erhebliche Rolle, wie leicht es Opfern gemacht wird, auf Festivals Anzeige zu erstatten. »Für Prävention und Schutz muss die Hemmschwelle für Betroffene möglichst niedrig sein, sich jemandem anzuvertrauen«, meint auch Thanscheidt. »Schämen sollten sich die Täter, nicht die Opfer. Auch wird sich doch nur etwas ändern, wenn das Thema öffentlich angesprochen und nicht unter den Tisch gekehrt wird.« Um genau das zu tun, startete FKP Scorpio 2017 das Projekt »Panama«. Ohne sich erklären zu müssen, können sich Besucherinnen und Besucher mit der Frage »Wo geht’s nach Panama?« an Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Festivals wenden und Hilfe – praktisch einen persönlichen Safe Space – erhalten. Beim Hurricane meldeten sich so 56 Menschen, beim Southside nutzten zwölf das Angebot. »Die Anlässe waren ganz verschieden und reichten von Frauen, die Abstand zu bestimmten Personen gesucht haben, bis hin zu Gästen, denen der Festival-Trubel einfach nur zu viel geworden ist«, erklärt Jasper Barendregt, zuständig für die Festivalproduktion bei FKP Scorpio. Dabei richtet sich die Aktion nicht nur an Frauen, erklärt Thanscheidt: »Davon abgesehen, dass ›Panama‹ ganz bewusst für jede erdenkliche Situation eingerichtet wurde, in der sich Gäste unwohl oder überfordert fühlen, wollen wir auch klarmachen, dass Männer nicht automatisch Täter sind.«

 

»Nicht alle Männer sind Vergewaltiger«, erklärt auch die schwedische Radio-Moderatorin und Komikerin Emma Knyckare, »aber fast alle Vergewaltigungen gehen von Männern aus.« Ihr Ansatz gegen sexuelle Übergriffe vorzugehen, ist drastischer – sie schließt die potentielle Gefahrenquelle ganz einfach komplett aus. Einen Tag nach der Absage vom Bråvalla twittert sie: »Was haltet ihr davon, wenn wir ein großartiges Festival organisieren, auf dem ausschließlich Nicht-Männer willkommen sind und wir das so lange veranstalten, bis Männer gelernt haben sich zu benehmen?« Der Tweet kam als spontane, zornige Reaktion auf die Vergewaltigungsfälle, trotzdem löste er direkt eine Lawine aus. »Als die Medien anfingen, mich anzurufen, erklärte ich ihnen, dass es nur ein Tweet war«, erzählt Knyckare. »Bei einem Glas Wein dachte ich schließlich ›verdammt, vielleicht sollten wir es wirklich machen‹ und trommelte eine Gruppe von 25 Personen zusammen, die mir im Vorfeld Hilfe angeboten hatten.« Dann folgte ein Kickstarter-Projekt, um die Finanzierung zu sichern und Mitte Oktober 2017 – kurz bevor sich durch den Weinstein-Skandal der Hashtag #metoo in den sozialen Medien verselbstständigte – folgte die Bestätigung: Das Statement Festival wird stattfinden, um – wie der Name bereits sagt – ein Statement zu setzen.

 

Doch was die Meldung auslöste, war vor allem eine Diskussion darüber, ob die Geschlechtertrennung zur Gewaltprävention nicht Rückschritt und Kapitulation vor dem eigentlichen Problem bedeute. »Wenn Frauen unter sich sind, wird die Stimmung natürlich genauso großartig sein wie auf jedem anderen Festival auch«, meint Thanscheidt. »Wir sind uns aber nicht sicher, ob ein solches Modell zu einer nachhaltigen Lösung des Problems beiträgt. Wollen wir wirklich nach Geschlechtern getrennte Veranstaltungen oder wollen wir Wege finden, wie wir alle zusammen eine gute Zeit haben können?«

 

Nein, eine nachhaltige Lösung ist das nicht – will es aber auch gar nicht sein. Es ist ein Statement, das genau das bewirkt, was es soll: eine Auseinandersetzung mit einem Problem, das mit Kriminalstatistiken nicht zu fassen ist, und sich auch nicht auf »einige Männer, die sich scheinbar nicht benehmen können« beschränkt, wie es das Bråvalla in seiner Absage formulierte. Die Festivalidee ist eine Reaktion, die mehr bewirkt als ein stures »Es muss doch wohl möglich sein, dass Männer und Frauen unbeschwert miteinander feiern können.« Ja, natürlich muss es. Aber dafür muss etwas getan werden. »Vor allem Männer müssen anfangen, wirklich miteinander über das Problem zu reden, ohne es direkt persönlich zu nehmen – weil es das einfach nicht ist. Es wird von den gesellschaftlichen Strukturen bedingt, die für uns alle beschissen sind«, meint Knyckare.

 

Und diese Auseinandersetzung, die seit Mitte Oktober immer wieder auf den Hashtag #metoo heruntergebrochen wird, beginnt schon bei der Schwierigkeit, »sexuelle Belästigung« überhaupt zu definieren. Im Zuge der Reformen des deutschen Sexualstrafrechts im ersten Halbjahr 2017 wurde der Tatbestand der sexuellen Belästigung zwar erstmals ins Strafgesetzbuch integriert, dieser verlangt jedoch eindeutig eine körperliche Berührung. Verbale Belästigungen gelten weiterhin nicht als Straftat. Trotzdem beginnt sexuelle Belästigung erfahrungsgemäß woanders – nämlich in dem Moment, in dem sich jemand belästigt fühlt.

 

»Ich glaube, Männer veranstalten Festivals für Männer«

 

»Wir haben festgestellt, dass unser Panama-Projekt nicht nur den Betroffenen hilft. Der offene Umgang mit dem Thema hat viele andere Festivalbesucher gestärkt, in dem Fall ihre Hilfe anzubieten und unkompliziert demjenigen zu helfen, der gerade Schutz gesucht hat«, begründet Thanscheidt FKPs Auseinandersetzung mit sexueller Belästigung. »Wir haben einen größeren Anstieg von Zivilcourage auf dem Festival wahrgenommen, weil auch für Unbeteiligte die Hemmschwelle, jemandem zu helfen, deutlich gesunken ist.«

 

Dieses Ziel verfolgt auch die Kampagne »Safer Spaces at Festivals« der AIF (Association of Independent Festivals). Statt für einen räumlich abgegrenzten Safe Space, wie etwa die »Sisterhood« beim Glastonbury, setzt sie sich für Festivals als Safe Spaces ein, indem sie das Bewusstsein für sexuelle Übergriffe auf allen Ebenen schärft – vom Publikum, über die Acts, bis zum Personal und den Volunteers. Visuell unterstützten im Mai 2017 gleich 25 Festivals die Kampagne mit einem kompletten »Blackout«: Für 24 Stunden wurde statt der eigentlichen Website der Festivals eine schwarze Seite mit dem Hashtag #saferspacesatfestivals angezeigt. Im Vorfeld der Aktion unterschrieben insgesamt 60 britische Festivals einen Vertrag, keine Toleranz gegenüber sexueller Belästigung zu zeigen.

 

Ob in Form von Hashtags, Blackouts oder gar ganzen Festivals – Statements gegen sexuelle Übergriffe auf Festivals werden gesetzt. Um nachhaltig etwas zu verändern, muss man aber neben den gesellschaftlichen Strukturen auch innerhalb der Musikbranche etwas ändern: »Ich glaube, Männer veranstalten Festivals für Männer«, erklärt Knyckare. »Dabei vergessen sie oft wichtige Dinge, wie etwa: Wie und wo stelle ich Toiletten auf, damit sich die Benutzung sicher anfühlt? Wo und wie viele Lichtquellen bringe ich an? Wie gestalte ich die Abreise? Schon bei der Planung muss an alle Besucherinnen und Besucher gedacht werden.« Doch nicht nur auf dieser Ebene müssen alle eingeschlossen werden. Das Statement Festival ist außerdem eine Chance, das Thema Gleichberechtigung auch in anderen Bereichen des Musikgeschäfts anzusprechen. »Indem es keine Cis-Männer* auf unserem Festival geben wird, in keinem Bereich, zeigen wir, dass es in der Musikbranche möglich wäre, Gleichberechtigung der Geschlechter herzustellen – auch auf der Bühne. Veranstalter wollen das nicht, das ist das Problem. Nicht, dass sie es nicht könnten!«

 

*Cis bezeichnet jene, die sich mit dem Geschlecht, das ihnen bei der Geburt zugewiesen wurde, identifizieren und dieses Geschlecht auch ausagieren.