Interview mit Fotograf Jewgeni Roppel über Gewinne und Verluste in der Heterotopie

Sehnsuchtsort Fusion

Jewgeni Roppel liebt die Fusion, war schon häufig auf dem 170 Hektar großen Gelände des ehemaligen Militärflughafens von Lärz und hat die Besucher und Suchende des Festivals fotografiert. 65.000 Feier-Aktivisten werden dort in diesem Jahr wieder eine Parallelgesellschaft des »Ferienkommunismus« bilden. Als der in Kasachstan geborene Roppel vor elf Jahren zum ersten Mal hinfuhr, waren es noch die Hälfte.

Foto: Jewgeni Roppel

Jewgeni, wie oft und wann warst du schon auf der Fusion?

Von 2007 bis 2016 war ich (bis auf 2014) bei jeder Fusion dabei.

 

Ist die Fusion für dich eine Gesellschaftsutopie oder was macht für dich den Reiz aus?

Wenn wir von Gesellschaftsräumen sprechen, dann passt der Begriff »Heterotopie«, geprägt von dem französischen Philosophen Michele Foucault, ganz gut auf die Fusion. Heterotopie (hetero = anders und topos = Ort) beschreibt Räume, die nach eigenen Regeln funktionieren und gesellschaftliche Verhältnisse von einer anderen Seite reflektieren. Das bedeutet erstmal, dass die Fusion ein Raum, ein Ort ist, der keinen gesellschaftlichen Normen folgt. Er erschafft durch die Vielfalt an Kreativität der Künstler, die ihn gestalten und einer alternativen und pazifistischen Haltung der Organisatoren, die nicht einem reinen kommerziellen Interessen folgen, eine große Spielwiese, in der man als Besucher inspiriert wird und ein Gefühl von Freiheit in der Selbstdarstellung erleben kann. Ich denke schon, dass die Fusion ein kleiner Sehnsuchtsort ist und sich als eine reale Gesellschaftsutopie bezeichnen kann, was bei Vielen neben dem musikalischen Programm den Reiz ausmacht.

Bild: Jewgeni Roppel

Wie hast du versucht, genau das mit der Kamera einzufangen?

Mich haben die Räume, Objekte und die Menschen interessiert, wie sie sich im Fusion-Kosmos und dem Fusion-Alltag bewegen, agieren oder selbstdarstellen, neben der Feierei. Es ging mir immer um den Spirit, ohne mich nur auf die Acts, DJs oder die Lichtinstallationen zu fokussieren.

Bild: Jewgeni Roppel

War das überhaupt erlaubt? Eigentlich ist filmen und fotografieren dort doch verboten!

Fotografie-Verbot kann man bei einem Festival mit fast 70.000 Menschen schwer erteilen. Die Organisatoren haben natürlich von Beginn an darauf hingewiesen, dass man mit seinen Fotografien, die dort entstehen, nicht zu sehr in die Öffentlichkeit gehen sollte, um die Fusion und die Freiheit, die man dort ausleben kann, zu schützen. Die meisten Besucher, die mit ihren Kameras oder Smartphones dort fotografieren, teilen allerdings die Bilder seit Jahren auf Flickr, Facebook, Instagram und anderen Plattformen. Ich begleite die Fusion schon seit knapp zehn Jahren mit der Kamera. Für mich ist es ein künstlerisch-dokumentarisches Langzeitprojekt, das mit einem persönlichen Interesse und einer gesellschaftlichen Reflexion verbunden ist.

Bild: Jewgeni Roppel

Kennst du andere Festivals, mit denen die Fusion vergleichbar wäre oder würdest du die Fusion lieber mit etwas anderem als Festivals vergleichen?

Die Fusion hat in sich einen ganz eigenen Kosmos erschaffen, der vielschichtig ist und weit über ein normales Musikfestival hinausgeht. Da gibt es hunderte kleiner Erlebnisstationen wie Theater, Kino, Performance und Workshops neben den 30 Bühnen. Die französische Zirkuscrew Kashba ist fester Bestandteil der Fusion und einzigartig in der Konstellation. 

Es sind in den letzten Jahren kleine Festivals entstanden, die sich durch die alternative und improvisierte Ästhetik der Fusion annähern, allerdings ist die Fusion mit ihrem Programm einzigartig. Festivals, die sich in ihrer besonderen Art, Haltung und Kreativität von anderen Musikfestivals abheben, sind für mich neben der Fusion das Boom Festival in Portugal, das Burning Man in den USA und Mid Burn in Israel.

Bild: Jewgeni Roppel

Was war die schönste Begegnung, die du als Fotograf auf der Fusion hattest?

Es gab einige tolle Begegnungen und unvergessliche, teils verschollene Erlebnisse, die ich auf der Fusion in den letzten Jahren hatte. Jede Fusion war für mich durch das Zusammentreffen von Menschen, mit denen ich da war oder die ich kennengelernt habe, einzigartig. Einmal bin ich alleine hingefahren und habe wegen eines Funklochs einen Freund die ganze Zeit nicht erreichen können, weil er später kam. Er hat unser Zelt gehabt. Ich bin dann bei Leuten gestrandet, die ich davor nicht kannte und habe mit denen eine gute Zeit verbracht. Ein anderes Mal habe ich mich auf Magic Mushrooms in eine Frau an der Bar verliebt und hatte den totalen Liebesfilm plus das Gefühl, dass alle mitspielen. Die letzte Fusion war eine der besten, weil ich endlich meine »Gypsie Crew« aus Hamburg zusammen hatte. Aber alle die Erlebnisse aufzuzählen, würde den Platz hier sprengen.

 

Wie bist du dort überhaupt rumgerannt? Hattest du viel Equipment zur Inszenierung dabei?

Ich habe immer versucht, wenig mitzunehmen, weil ich oft Sachen verloren habe. Es war dann entweder mein iPhone, eine Mittelformat- oder eine kompakte Kleinbildkamera von Olympus. Nach der Fusion musste ich mir immer eine neue kaufen. Oft habe ich auch Filme verloren. Jede Fusion war auch mit einem Verlust verbunden.

Bild: Jewgeni Roppel

Was war dir in deiner Bildsprache wichtig, als du die Fotos gemacht hast?

Dadurch, dass ich verschiedene Kameras benutzt habe, gibt es Unterschiede in der Bildsprache, die mir aber wichtig waren. Mit der Mittelformat-Kamera habe ich konzentrierte und dokumentarische Aufnahmen, meist tagsüber, gemacht. Mit der Olympus habe ich eher subjektiv und spontan gehandelt, um meine persönlichen Erlebnisse, das Chaos oder Zwischenmomente mit Blitz oder ohne zu fotografieren.

 

Was geschieht noch weiter mit dem Fusion-Projekt?

Ich habe vor ein paar Jahren zusammen mit Sylvia Lundschien, einer sehr kreativen Kulturwissenschaftlerin aus Berlin, einen tollen Text über das Phänomen Fusion erarbeitet. Geplant ist damit eine Ausstellung und ein Buch, das Bilder von zehn Jahren beinhaltet.

Bild: Jewgeni Roppel

Mittlerweile stellst du in den Deichtorhallen aus und das Goethe-Institut ist am Telefon. Kehrst du nochmal zu einer Fusion zurück?

Ja, derzeit steht einiges auf dem Plan. Neben meinem Beitrag zur aktuellen »Gute Aussichten Deluxe«–Ausstellung in den Deichtorhallen und der Repräsentation des »Gute Aussichten Award 2017/18« im Goethe-Institut in Hanoi, Vietnam, geht es als nächstes zu dem Fotofestival nach Georgien, auf dem zwei Arbeiten von mir gezeigt werden und anschließend nach Paxos, Griechenland, wo wir mit acht internationalen Künstlern ein neues Kunstfestival kreieren werden. Dazwischen mache ich Editorial-Jobs. Die Fusion hat sich natürlich mit der Zeit etwas gewandelt und viele Freunde, die zu Beginn dabei waren, haben keine Lust mehr auf die große Masse und die neue Generation. Ich weiß aber, dass jede Fusion eine neue Erfahrung mit sich bringt und jedes Mal aufs Neue inspiriert, auch wenn es immer voller wird. Deshalb freue ich mich immer noch auf die Fusion und fahre auch dieses Jahr wieder hin.

Bild: Jewgeni Roppel