Warum die Tickets immer mehr kosten und die Headliner gefühlt immer weniger werden.

Das Line-up Geschacher

Veranstalter sind immer wieder die vermeintlichen Schuldigen, wenn das Ticket teurer wird und das Line-up enttäuscht. Dass die Organisatoren oftmals in den Schwitzkasten genommen werden und sich ihre Vorstellungen sehr wohl mit denen der Fans decken, ahnen die wenigsten. Was läuft denn nun schief in der Festivalwelt?

Interview: Carsten Schumacher

Sie veranstalten Festivals mit Kapazitäten von 3.500 bis 85.000 Besuchern – Stefan Lehmkuhl (Melt, Lollapalooza Berlin), Stefan Reichmann (Haldern Pop, Kaltern Pop), Stephan Thanscheidt (Hurricane, Highfield) und Volker Hirsch (Bergfest, Taubertal). Alle haben jahrelange Erfahrung und kennen das Business gut, sie bilden die beste Runde, um einen Blick hinter die Kulissen des deutschen Festivalgeschäfts zu werfen.

 

Könnt ihr uns kurz mal skizzieren, wie Booking funktioniert?

 

Lehmkuhl: Uff. Das Berufsbild des Bookers ist schwammig. Daher will das auch keiner machen. In erster Linie musst du die richtigen Leute kennen. Oder deren Mittelsmänner, die auf Provisionsbasis dann wie ein Immobilienmakler fungieren. Der direkteste Kontakt ist der sogenannte Agent, der spricht mit dem Manager, der mit der Band (es sei denn, der Band ist alles egal und sie lässt den Manager entscheiden). Alles in allem ist das wie an der Börse oder am Pferdemarkt. Angebot und Nachfrage bestimmen den Preis, Schnelligkeit ist auch wichtig, ein guter Riecher, Vertrauen und so weiter. Der Preis entsteht dann wie auf dem Flohmarkt. Sagt man einen Preis, kommt in der Regel das Doppelte zurück und man trifft sich irgendwo in der Mitte.

 

Reichmann: Alles startet mit einer kleinen Idee und das erzählt man dem Agenten. Sehen sich das Management und der Agent in diesem Rahmen, wird weiter gesprochen. Es geht um Orte und Geld. Manchmal kann das eine mehr bewirken als das andere und diese Prioritäten setzt letztendlich der mündige Künstler.

 

Thanscheidt: Generell beobachten wir den Markt und überlegen uns sehr genau, welche Acts wir wo im Folgejahr präsentieren wollen.

 

Hirsch: Ich buche für zwei sehr spezielle Festivals, zum einen für das Bergfestival in Saalbach, ein Open Air im Winter mitten im Skigebiet, und das Taubertal Festival. Bei beiden Festivals erwarten die Besucher trotz sehr überschaubaren und limitierten Besucherkapazitäten ein überproportional prominentes Programm. Daher müssen wir viel Überzeugungsarbeit leisten. Es ist wichtig, Agenten, Künstler und Management von der Besonderheit der Locations zu überzeugen und von der Festivalidee zu begeistern. Nur so ist es möglich, die Künstler zu einer budgetverträglichen Gage zu engagieren. Dies beinhaltet auch, dem Künstler, neben der Gage, mit allen möglichen Annehmlichkeiten einen nachhaltig positiven Eindruck mitzugeben, der sich in der Branche dann herumspricht. Vom Wellnesshotel, über Hüttenabend, Stadtführung, Skipässen bis hin zu einer penibel erfüllten Cateringanweisung versuchen wir alles zu geben.

 

»Manchmal hätten die Bands das Doppelte verdient oder auch anderes herum. Man weiß das immer erst hinterher.«

 

Wie hoch schätzt ihr den Anstieg der Gagen in den letzten zehn Jahren?

 

Lehmkuhl: Ungelogen mindestens 50 %, aber im Schnitt wohl doch sogar um 100 %.

 

Thanscheidt: In den vergangenen zehn Jahren kann man auf internationaler Ebene ganz sicher von einer Verdopplung der Gagen sprechen, was für die Konzeption einer wirtschaftlichen Veranstaltung natürlich eine Herausforderung ist.

 

Was war die höchste Gage, die ihr je habt zahlen müssen?

 

Lehmkuhl: Mehr als ich und manche meiner Booker-Kollegen bis jetzt in unserem Leben verdient haben.

 

Reichmann: Ist relativ, würde ich auch immer vom Ergebnis abhängig machen. Manchmal hätten die Bands das Doppelte verdient oder auch anderes herum. Man weiß das immer erst hinterher.

 

Thanscheidt: Nur so viel: Die Gage war siebenstellig – und deutlich zu hoch.

 

Hirsch: Nicht siebenstellig, aber trotzdem zu hoch.

 

»Ich streiche aus Verträgen immer gern, dass »TV Auftritte« ein Absagegrund für einen Künstler sind. Warum sollten die wichtiger sein, als vor meinem Festivalpublikum zu spielen?«

 

Wie oft seid ihr in dieser Zeit ausgebootet worden, obwohl ihr eigentlich eine mündliche Zusage vorliegen hattet? Geschieht das häufiger?

 

Lehmkuhl: Das ist mir ehrlich gesagt selten passiert. Zusage ist eigentlich Zusage. Verträge kommen in der Regel erst super spät. Da vertraut man sich schon. Aber klar, wir als Veranstalter haben niemals das Recht, von unseren Zusagen zurückzutreten. Je nach Zeitpunkt wird dann von uns verlangt, die ganze oder Teile der Gage zu zahlen. Künstler können immer mal wieder Gründe finden, am Ende doch noch abzusagen. Kurzfristig, aus Krankheit, ist ja noch höhere Gewalt und kann passieren. Kurz nach Zusage kann auch mal sein, wenn aber am Ende was Besseres reinkommt und man erfindet irgendeinen anderen Grund: das ist dann wirklich unseriös und würde mich sehr sauer machen. Ich streiche z. B. aus Verträgen immer gern, dass »TV Auftritte« ein Absagegrund für einen Künstler sind. Warum sollten die wichtiger sein, als vor meinem Festivalpublikum zu spielen?

 

Reichmann: Das weiß ich ja nicht immer, aber meistens ist man unserem Konzept und unseren Festivals recht wohl gesonnen. Unsere Festivals stehen nicht für temporären Reichtum, aber manchmal als entscheidender Schritt dorthin.

 

Thanscheidt: Im Headline-Bereich ist es in den vergangenen Jahren nur ein einziges Mal vorgekommen, dass eine mündliche Zusage nicht eingehalten wurde, weil wir letztendlich überboten wurden. Grundsätzlich kommen wir als Partner in unserer Branche gut zurecht und können uns auf das Wort der Menschen, mit denen wir arbeiten, verlassen. Ausgebootet werden wir in aller Regel also nicht – nicht zuletzt, da wir in Europa ein großes Festivalnetzwerk haben, das uns im Markt auch eine gewisse Stärke verleiht. Mich freut außerdem, dass unsere Festivalmarken bei den Bands sehr beliebt sind, auch daher können wir uns auf Zusagen verlassen.

 

Hirsch: In zweiundzwanzig Jahren glücklicherweise nur drei Mal. Mein Eindruck ist jedoch, dass in den letzten Jahren vor allem internationale Agenten höher pokern als früher. Somit steigt auch das Risiko.

 

Wer sind die härtesten Gegner beim Wettbieten um die größten Namen?

 

Hirsch: Veranstalter bei denen »kostendeckendes Arbeiten« auf der Prioritätenliste hinter Marktanteilen und Aktienkursen steht.

 

Reichmann: Öffentlich subventionierte Mitstreiter. Festivals, die mit Steuergeldern die Preise treiben.

 

Thanscheidt: Die Konkurrenz nimmt zu. Festivalveranstalter müssen sich mit internationalen Mitstreitern messen, die Spielmöglichkeiten und Plattformen für Bands haben um ein Vielfaches zugenommen, während die Zahl der geeigneten Sommerwochenenden natürlich nicht mitwächst. Das lässt den Druck merklich steigen.

 

Lehmkuhl: An jedem Festivalwochenende finden mindestens zehn Festivals mit über 20.000 Besuchern in zehn verschiedenen Ländern in Europa, neuerdings im selben Zeitraum auch in den USA, statt. In der Regel spielen Acts nicht drei Shows in einem Land, sondern dann eher vier Shows in vier Ländern an einem Wochenende. Von daher hat jedes Wochenende andere Kandidaten, die einen überbieten. Am aggressivsten am Markt und die meisten finanziellen Möglichkeiten haben sicherlich, global gesehen, Konzerne wie Live Nation und AEG/Golden Voice. Dennoch: Es geht zwar sehr viel um Geld, aber auch nicht nur.

 

Gibt es unlautere Mittel, um den Zuschlag zu bekommen? Was ist die lustigste Geschichte, die euch in dem Kontext zu Ohren gekommen ist?

 

Lehmkuhl: Ich hab da aus den älteren Veranstalterzeiten ein paar Geschichten gehört. Ich hab das immer nur halb geglaubt, in meiner etwas jüngeren »Generation« kam das eher nicht so vor, bis dann tatsächlich ein jüngerer Agent mit einem sehr aufstrebenden Act mir plötzlich eine Band gegen eine Art Ablöse »verkaufen« wollte, da gingen so Andeutungen, ob da nicht für ihn privat auch was drin sei. Ich bin da aber ehrlich gesagt gar nicht erst drauf eingegangen, hat trotzdem geklappt. Sollte das jemals Tradition im Business gewesen sein, brauche ich die nicht zu übernehmen.

 

Thanscheidt: Die Zeiten von solchen Geschäften sind glücklicherweise lange vorbei. Krude Deals passen nicht zu unseren eigenen Werten, an denen wir auch unsere Geschäftspartner messen.

 

Hirsch: Hier blieb ich glücklicherweise all die Jahre verschont.

 

Reichmann: Die beste Geschichte diesbezüglich war sicherlich die Verpflichtung von Jamie Lidell. Im Frühjahr 2008 fragte mich der Schlagzeuger von Jamie Lidell vor einem Hotel in London auf ein Blättchen an. Im Verlauf des Gesprächs outete er sich als Trommler von Herrn Lidell, und dass sein Künstler in London gerade ein Gesangs-Studio-Mikrofon suchen würde. Ich sagte ihm, dass der Zufall es so will, dass ich gerade mit einem Freund in London wäre, der sehr gute Studio-Mikrofone selber bauen würde, Brauner Microphones. Er, ein Trommler, kannte Brauner nicht. Ich schrieb es ihm auf meine Karte und gab sie ihm. Drei Tage später meldete sich das Management und vier Monate später spielte Jamie Lidell bei uns auf dem Festival. Er kannte Brauner Microphones sehr gut und der Deal war perfekt.

 

»Festivals der Zukunft dürfen nicht nur eine Aneinanderreihung von prominent besetzten Warm-Up-Shows sein, bis der Abend mit dem großen Headline-Slot endet.«

 

Stimmt es, dass der Pool der Headliner in den letzten 10-15 Jahren unverändert geblieben ist? Warum tauschen sich die Namen nicht schneller durch?

 

Lehmkuhl: Da muss man ja einen eigenen Artikel drüber schreiben. Das wäre ein Abriss über die Musikindustrie, hat ja nicht nur mit Konzerten und Festivals zu tun. Die Branche hat auf jeden Fall ein ernsthaftes Headliner-Problem. Die Leute wollen große Namen, es gibt aber nicht genug und es sind immer dieselben. Die Neuen, die ja durchaus nachkommen, akzeptieren die Leute dann aber auch erst nach Jahren als solche und wollen am Ende offenbar auch immer denselben Brei wieder sehen. Warum sollte das im Rock auch anders sein als im Schlager? Natürlich ist es im Moment so, dass urbane Acts die neuen temporären Headliner sind. Für einen Moment waren es die Dance-Acts, vielleicht sind es bald auch wieder neue Rock-Acts. Durch Streaming und Verfügbarkeit von Musik ist die Auswahl einfach viel viel größer und es filtern sich dann aber auch weniger ganz Große heraus. Und wenn, sind das Radio-Blasen mit Milliarden Streams, was nicht mal zwangsläufig heißt, dass die am Ende überhaupt 10.000 Tickets verkaufen, geschweige denn eine atemberaubende Live-Show haben. Schon nicht so einfach. Ich wünschte, die Leute würden sich überhaupt mal wieder mehr für Musik in der Breite und Tiefe interessieren, statt nur nach Headlinern zu rufen, die sie am Ende selbst zu solchen machen müssten.

 

Thanscheidt: Das nächste große Ding ist damit meist nur ein Klick entfernt, was sich auf Loyalitäten der Hörer zu den Künstlern auswirkt. Diese Entwicklung muss natürlich nicht schlecht sein, denn sie stärkt letztlich auch die musikalische Diversität. Gleichzeitig bedeutet es aber, dass »unbestrittene« Headliner mit wirklich schwergewichtigen Namen weniger oft entstehen. Das ändert natürlich nichts daran, dass man bei einem guten Festival nach wie vor musikalisch auf seine Kosten kommt – ein Umdenken der Fans scheint mir daher auch für den Konsum von Livemusik wünschenswert und wahrscheinlich.

 

Hirsch: Festivals der Zukunft dürfen nicht nur eine Aneinanderreihung von prominent besetzten Warm-up-Shows sein, bis der Abend mit dem großen Headline-Slot endet. Das Gesamtbild muss passen. Ideen und Konzepte müssen besser auf den Zuschauer abgestimmt sein. Die Hauptaufgabe besteht darin, das Festival als Gesamterlebnis an den Besucher zu bringen. Der einzelne Künstler wird dabei sicher weiterhin eine tragende Rolle spielen, jedoch darf er nicht der einzige Beweggrund sein, ein Festival zu besuchen.

 

Inwiefern hat das Wettbieten, haben die Gagenforderungen den Ton im Business verändert? Fühlt sich das Geschäft rauer an?

 

Lehmkuhl: Ich will das nicht romantisieren. Das Geschäft ist durch eine Professionalisierung auch sehr viel unleidenschaftlicher, geldgetriebener, profitorientierter, rauer geworden. Eine Zentralisierung ist zu beobachten. Nicht nur durch Großkonzerne wie Live Nation und AEG. Auch die Künstler-Agenturen lassen sich aufkaufen von Investoren, werden zusammengelegt, sind inzwischen fast ausschließlich in amerikanischer Hand (man bedenke, das Business war mal sehr britisch) und auch dort ändern sich die Arbeitsweisen. Letztlich werden sie professioneller, unpersönlicher, das »peoples business« soll aufgebrochen werden. Das kann letztlich auch gut sein für Berufseinsteiger. Ich denke, der Einstieg könnte bei Agenturen z. B. leichter sein. Man muss nicht mehr den alten Agenten kennen, an den man nicht rankommt oder nur beim Puffbesuch in London. Da springen jetzt junge Amerikaner in London rum, die mit jedem reden, den auschecken, sich die Schufa-Auskunft ansehen und immer mal gucken, wer in Zukunft evtl. noch mehr Geld bezahlen kann. Aber es wird aus meiner Sicht auch immer zwei Seiten des Business geben. Das funktioniert weder für jeden Künstler, noch für jeden Veranstalter, noch für jeden Besucher.

 

Reichmann: Nein, ich persönlich empfinde das nicht so, aber es soll nicht heißen, dass in anderen Gewichtsklassen die Rahmenbedingungen andere sind, somit auch rauer.

 

Thanscheidt: Ich würde sagen, dass die Zusammenarbeit nicht unbedingt rauer, aber doch weniger emotional geworden ist. Durch die fortschreitende und vor allem wirtschaftlich motivierte Professionalisierung werden Loyalitäten schneller aufgebrochen und auch gute Argumente häufiger durch hohe Summen vom Tisch gewischt.

 

Hirsch: Die Gagenhöhe nimmt gegenüber anderen Argumenten an Gewichtung zu. Schwierig finde ich, dass teilweise Gagen bezahlt werden, die in ihrer Höhe jeglicher Grundlage entbehren. 

 

Glaubt ihr, dass die Fans dir die Schuld für die höheren Ticketpreise geben oder denkt ihr, dass die Fans sehr wohl wissen, wie der Preis zustande kommt?

 

Lehmkuhl: Ich fürchte schon, dass der Fan meist eine recht romantische Vorstellung vom Künstler hat und denkt, der Veranstalter ist immer der Böse. Aber der Fan soll sich bitte damit auch nicht belasten, das soll alles nicht sein Problem sein. Wenn er bereit ist, den erforderlichen Eintrittspreis zu bezahlen, dann ist es unser Job, ihm das bestmögliche, sichere Erlebnis zu bieten, so dass das Geld auch im Verhältnis zum Erlebten steht. Als Veranstalter muss man sich daran gewöhnen, immer eher die schlechten als die guten Dinge um die Ohren gehauen zu bekommen. Umso schöner und belohnender ist es dann, wenn alles glatt läuft und man die ganzen fröhlichen, teils vor Freude weinenden Gesichter und tanzenden Menschen sieht und man ernsthaft den Eindruck hat, dass jemand da vielleicht gerade die beste Zeit seines Lebens hat und man dazu einen Teil beigetragen hat.

 

Reichmann: Das Verständnis für unseren Ticketpreis ist und bleibt relativ, weil bei »Geld« die eigene Perspektive Vorrang hat, man sich nicht gerne in andere Positionen versetzt und der erste Impuls meistens Unverständnis bedeutet. Es bedarf ausdrücklicher Erklärungen, derer man nicht müde werden sollte, um die Zusammenhänge offen zu legen, dann sehe ich die positiven Tendenzen von Verständnis.

 

Hirsch: Ich glaube auch, dass den meisten Fans die Kostenerhöhungen an Punkten die man weder greifen noch sehen kann, in diesem Maße nicht bewusst sind. Für mich ist es wichtig, weiter an Service und Ambiente zu arbeiten um dem Besucher auch sichtbare Weiterentwicklungen zu bieten. Viel wichtiger ist aber doch die Frage: Wie weit geht der Fan auf der Preisspirale mit?