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»Glastonbury ist das Größte!«: Arctic Monkeys im Interview

Das neue Album ist fertig, die Festivalsaison geplant: Während die Band für Headliner-Auftritte auf Mega-Festivals wie Hurricane/Southside, Sziget und Primavera Sound probt, nahm sich Matt Helders die Zeit für ein Festivalguide-Interview. Der Arctic-Monkeys-Schlagzeuger über die Zusammenarbeit mit Iggy Pop, sein bestes Festivalerlebnis und über das neue und bislang ambitionierteste Arctic-Monkeys-Album »Tranquility Base Hotel & Casino«.

Interview: Torsten Groß ,
Foto: Zackery Michael

Matt Helders, wie oft hast du euren Bandnamen schon bereut?

Jeden einzelnen Tag. (lacht)

 

Im Grunde ist das ja ein Quatschname, den man mit einer langen Karriere im Blick eventuell nicht gewählt hätte, oder?

Natürlich nicht. Den Namen gab es schon, bevor wir überhaupt eine Band wurden. Unser Gitarrist Jamie Cook hat sich damals einen Spaß daraus gemacht, in der Schule zu erzählen, er spiele in einer Band namens Arctic Monkeys. Wir hatten bis dahin nur ein paar unserer Lieblingssongs in der Garage gecovert, aber den Namen sind wir nicht mehr losgeworden.

 

Diesen Sommer wird der Name Arctic Monkeys wieder auf zahlreichen Festivalplakaten und -Ankündigungen zu lesen sein. Habt ihr darüber nachgedacht, ihn zu ändern?

Aus der Nummer kommen wir nicht mehr raus. Aber es ist schon so: Jedes Mal, wenn wir uns an ein neues Artwork machen oder Plakate freigeben, werden wir automatisch daran erinnert, dass wir einen ziemlich affigen Namen haben. Eigentlich ist es aber auch egal: Der Name hat sich etabliert. Ich denke nicht, dass die Leute noch ernsthaft über seine eigentliche Bedeutung sinnieren.

 

Immerhin ein schöner Beleg dafür, dass eure Karriere nicht geplant war und euch der Erfolg selbst am meisten überrascht hat. Seitdem ging es immer weiter bergauf, wie hat sich euer Verhältnis darüber entwickelt?

Unsere Freundschaft verändert sich mit wachsendem Alter ständig, weil wir natürlich unterschiedliche Erfahrungen machen. Ich habe Familie, einige von den anderen auch, da verschieben sich ein paar Prioritäten. Aber wir sind immer noch Freunde, und wenn wir im Studio und bei Touren mehrere Monate zusammen unter einem Dach sind, ist alles wie immer. Fahrradfahren verlernt man ja auch nicht.

 

Das neue Album, »Tranquility Hotel Base & Casino«, klingt anders als alles, was ihr bislang gemacht habt. Was hast du gedacht, als Alex dir die neuen Songs zum ersten Mal vorgespielt hat?

Er hat mir die Sachen schon sehr früh vorgespielt, als sie noch ganz anders klangen. Natürlich war das untypische Musik für uns, aber sie hat mir gleich gefallen und ich konnte mich gut einbringen. Die Entstehungsgeschichte dieser Songs war ein bisschen anders als bei unseren früheren Platten, weil Alex zunächst ganz alleine an ihnen gearbeitet hat. Das lag aber an der langen Pause zwischen den beiden Alben. Da hat er schon mal alleine losgelegt, weil wir noch mit anderen Dingen beschäftigt waren.

 

Du bist für präzises Power-Drumming bekannt, nun spielst du im Stile eines Jazz-Schlagzeugers.

Hart in die Felle prügeln kann jeder, das ist wirklich nichts besonderes. Es ist viel schwieriger, die richtige Balance zu finden. Letztlich geht es hier sowieso nicht um mich, sondern darum, den Stil zu finden, der am besten zur Musik passt. In vielerlei Hinsicht sind die neuen Songs und das, was ich spiele, viel komplexer und anspruchsvoller.

 

Wie sehr hat euch die Tatsache bei den Aufnahmen beschäftigt, dass dieses Album vermutlich das Gegenteil von dem ist, was die meisten Leute von euch erwarten würden?

Wir haben natürlich darüber gesprochen, aber eine große Rolle hat es nicht gespielt. Zumal wir uns noch nie nach Erwartungshaltungen gerichtet haben. Wir versuchen jedes Mal, etwas Neues einzubringen. »Humbug« war nicht unbedingt unser beliebtestes Album, aber für uns das wichtigste, weil wir damit definieren konnten, was für eine Band wir sein wollen. Hätten wir uns damals von der öffentlichen Meinung beeinflussen lassen, würde es das Album nicht geben.

 

Alex Turner hat mir erzählt, dass er sehr aufgeregt war, bevor er euch die neuen Sachen vorgespielt hat. Weil er unsicher war, was ihr dazu sagen würdet ...

Songs zu schreiben ist eine sehr persönliche Sache, das gilt insbesondere für die Texte. Wenn man das jemand anderem vorspielt, gibt man immer auch ein Stück von sich selbst.

 

Immerhin hattest du die Möglichkeit, vorher bei Iggy Pop noch mal alles zu geben. Du hast sowohl auf Iggys aktuellem Album »Post Pop Depression« gespielt als auch auf der folgenden Tour – gemeinsam mit einer von Josh Homme zusammengestellten Allstar-Band.

Das war eine besondere Erfahrung, zumal es auf unterschiedliche Dinge ankam. Auf dem Album konnte ich mich musikalisch einbringen und ausdrücken, auf der Tour ging es um Interpretationen von Iggy Songs, die wir bewusst so originalgetreu spielen wollten wie möglich. Klassiker wie »Lust for Life« zu spielen war für mich eine unglaubliche Erfahrung.

 

Wie lief das eigentlich, Josh Homme hat dich für die Band vorgeschlagen – und dann?

Er hat mich angerufen, als ich gerade im Supermarkt war. Natürlich war dieser Anruf so ziemlich das letzte, womit ich gerechnet hätte. Das war lange Zeit bevor wir wirklich angefangen haben, er meinte nur: »Iggy Pop hat mich gefragt, ob ich sein nächstes Album produzieren will. Dich hätte ich gerne als Schlagzeuger.« Besonders schwer ist mir die Entscheidung nicht gefallen.

 

Wie war es, mit einer Legende wie Iggy Pop zu arbeiten?

Wir haben sehr viel Zeit mit ihm verbracht, wohnten alle im selben Haus, haben ihn richtig kennengelernt. Das war also nicht so eine Superstarnummer, wo man ein paarmal ins Studio bestellt wird und irgendwas einspielt, ohne die fertigen Songs zu kennen oder die Auftraggeber überhaupt zu treffen.

 

Was hast du gelernt?

Sehr interessant fand ich, wie Iggy an Texten arbeitet: Wenn ihm noch eine Zeile fehlt, füllt er sie mit irgendeinem Quatsch aus und schreibt den Text später fertig. Und manchmal lässt er den Quatsch einfach stehen. Ich selbst schreibe keine Texte. Aber wenn, dann würde ich es so machen.

 

Für die Arctic Monkeys wird die Herausforderung nun insbesondere auf den großen Sommerfestivals darin bestehen, den Lounge-Charakter der neuen Songs ins Set zu integrieren. Gibt es dazu schon Ideen?

Wir proben bereits. Einige unserer älteren Songs, wie »Cornerstone« oder »No. 1 Party Anthem«, passen sehr gut zu den neuen Sachen. Insofern mache ich mir keine großen Sorgen. Wir werden eine gute, vielseitige Show auf die Beine stellen.

 

Durch eure generelle Popularität seid ihr in den letzten Jahren in den Billings immer weiter hochgerutscht und habt inzwischen Headliner-Status. Würdest du euch generell als Festivalband bezeichnen?

An einem gewissen Punkt in unserer Karriere, vor allem am Anfang, waren wir auf jeden Fall eine Festivalband. Aber das hat sich ein bisschen geändert.

 

»Du kannst den prominentesten Slot auf dem größten Mega-Festival haben, aber das beutetet noch lange nicht, dass du auch einen vernünftigen Soundcheck bekommst.«

 

Genießt ihr die Festivalauftritte trotzdem noch?

Es ist immer eine besondere Herausforderung, auf Festivals zu spielen, weil nicht nur die eigenen Fans da sind. Man muss also versuchen, die Leute auf seine Seite zu ziehen, das gefällt mir.

 

Gibt es irgendetwas, das ihr überhaupt nicht an Festivals mögt?

Du kannst den prominentesten Slot auf dem größten Mega-Festival haben, aber das beutetet noch lange nicht, dass du auch einen vernünftigen Soundcheck bekommst. Das finde ich irritierend. Man muss sich immer wieder auf eine neue Umgebung einstellen und ohne Soundcheck ist der Klang dann leider oft unbefriedigend. Es kommt durchaus vor, dass man die Bühne zum ersten Mal sieht, wenn die Show beginnt.

 

Habt ihr ein Lieblingsfestival?

Auf jeden Fall Glastonbury! Es gibt nichts größeres, als dort zu spielen.

 

Sprichst du nur aus der Perspektive des auftretenden Künstlers oder auch als Besucher? Die in Glastonbury üblichen Bierduschen und der Schlamm sind nicht jedermanns Sache.

Ach ja, meine Güte. Da muss man durch. Dieses Festival ist einfach so vielseitig, es passiert wahnsinnig viel gleichzeitig. Allerdings kenne ich Glastonbury gar nicht als Besucher, ich war immer nur mit der Band dort.

 

Wann und wo warst du auf deinem ersten Festival überhaupt?

Leeds. Wir waren 16 Jahre alt und mit einer großen Gruppe von Freunden dort. Haben gecampt, komisches Zeug auf Gaskochern erwärmt, viel Bier getrunken, waren ständig blau –das ganze Programm. Das werde ich nie vergessen. Im Jahr danach waren wir noch mal da – und ein weiteres Jahr später haben wir schon zum ersten Mal mit der Band dort gespielt.

 

Was war der lustigste Festivalmoment mit den Arctic Monkeys?

Diesen einen Moment gibt es nicht. Das lustigste bei Festivals ist eigentlich immer der ganze Kram, den sich das Publikum einfallen lässt. Was da teilweise an Klamotten getragen wird, die Fahnen, irgendwelche Schlauchbote, die zum Crowdsurfing zweckentfremdet werden ... Diese Dinge analysieren wir sehr ausführlich.

 

»Am Anfang haben wir manchmal ebenfalls bewusst aus Spaß irgendeinen Schwachsinn auf den Rider gesetzt.«

 

In den zwölf Jahren, die ihr bereits dabei seid, sind Festivals immer wichtiger und größer geworden. Welche Veränderungen sind dir im internationalen Festivalzirkus aufgefallen?

Zunächst einmal die unfassbare Menge an Festivals, es kommen immer noch neue hinzu, das ist in allen Ländern so. Bei vielen von ihnen sind die Nebenaspekte über die Jahre immer wichtiger geworden. Auch die großen Festivals wirken inzwischen in Teilen beinahe wie Food-, nicht wie Musikfestivals. Das ist natürlich ein Zeichen dafür, dass nicht mehr nur Kids kommen, sondern auch ältere. Außerdem haben die meisten Festivals heute eine viel größere stilistische Bandbreite. Früher waren das ja überwiegend reine Rockfestivals. Das gefällt mir gut.

 

Mythos Tour-Rider: Was darf bei euch backstage auf keinen Fall fehlen?

Ich glaube, dieser ganze Quatsch mit den nach Farben sortierten M&Ms und so weiter wurde auch schon früher vor allem deshalb auf die Rider gesetzt, damit die Bands überprüfen konnten, ob diese Listen vom Veranstalter auch richtig gelesen wurden. Am Anfang haben wir manchmal ebenfalls bewusst aus Spaß irgendeinen Schwachsinn auf den Rider gesetzt. Inzwischen hat sich das geändert, wir sind nicht besonders anspruchsvoll. Normale Basics, ein bisschen Abwechslung ist wichtig, man kann nicht jeden Tag dasselbe essen. Bei den Getränken sind wir pflegeleicht.

 

Seid ihr auf einem Festival schon mal in eine Schlägerei mit anderen Musikern geraten?

Bis jetzt noch nicht, aber man weiß ja nie, was passiert. Ich bin jedenfalls bereit. (lacht)

 

Hast du eine Idee, welcher Künstler in diesem Festivalsommer seinen Durchbruch erleben könnte?

Überhaupt keine Ahnung. Es gibt so viel Musik! Ich habe in letzter Zeit leider komplett den Überblick verloren. Aber wenn ich die Zeit habe, schaue ich mir immer ein paar andere Bands an.

 

Worauf freust du dich in diesem Festivalsommer am meisten?

Bei den Festivals in den USA, aber auch bei einigen europäischen sind wir nicht der Headliner, sondern treten am Nachmittag auf. Man kann diese Auftritte mehr genießen, weil die Anspannung nicht so hoch ist.