Von Prio bis Platinum

Entwickeln sich Festivals und Konzerte zur Klassengesellschaft?

Festivals sind beliebt bei Jung und Alt, klagen aber über immer höhere Kosten. Ein Weg, dieser Entwicklung zu begegnen, ist ein bunt aufgefächertes Angebot der Annehmlichkeiten. Niemand muss mehr im Zelt schlafen oder auf einem Dixi sitzen, wenn er oder sie nicht will. Die Ticketpreise für gutsituierte Besucher können so schon mal in Gebrauchtwagenregionen vorstoßen. Das Tourneegeschäft hat’s vorgemacht: Erlaubt ist, was sich verkaufen lässt.

Text: Manfred Tari ,
Illustration: Johanna Walderdorff

In der Luftfahrt wie in Fußballstadien ein alter Hut: mehr Service für mehr Geld. Ob in der First Class auf Langstreckenflügen oder bei Heimspielen in der Bundesliga, für ein paar Scheine mehr gibt es nicht nur mehr Beinfreiheit, sondern gleich ein ganzes Füllhorn an Annehmlichkeiten, um jene Klientel, die es sich leisten kann, bei Laune zu halten. Nicht erst seit gestern, aber immer konsequenter haben nun auch Festivalveranstalter diese Zielgruppe für sich entdeckt. Besucher, die geneigt sind, für eine gewisse Leistungssteigerung beim Freizeitspaß Festivals ungleich mehr als der Rest zu zahlen.

 

Ohnehin werden Festivalveranstalter in ihrer Eigenschaft als Gastgeber jedes Jahr aufs Neue gefordert, wenn es darum geht, den Sonderwünschen ihrer Topstars und Headliner bestmöglich zu entsprechen. Im Vergleich zum vertraglich-manifestierten Anspruchsdenken gemäß der im Rider festgehaltenen Absprachen bei den Stars, samt Jahrgangsschampus und Solo-Klo, wird auch der anspruchsvollste VIP-Besucher-Bereich für die Veranstalter eher zu einer Fingerübung. VIP-Bereiche gehören mittlerweile ohnehin zur Grundausstattung einer jeden größeren Freiluftveranstaltung. Insofern ist naheliegend, sie entsprechend zu monetarisieren, zumal die immer höheren Gagenforderungen der Headliner unbezahlbar zu werden drohen.

 

»Leistung muss sich wieder lohnen«, propagierte die CDU 1982 in einem ihrer Wahlkampfslogans. Ein Leitspruch, der seitdem Generationen von Politikern motivierte, Unterschiede als quasi gottgegeben nicht nur zu akzeptieren, sondern leistungsbezogen für richtig zu befinden. Alles andere gilt als Neiddebatte. Eine der wesentlichen Folgen dieser Politik ist, dass der Wohlstand nicht nur in Deutschland, sondern auch andernorts, seitdem ungleich verteilt wurde. »Leistung« kann dabei auch durchaus eine finanzielle Leistung sein. Kurzum, wer hat, der kann. Eine Erkenntnis, die auch in der Konzertbranche altbekannt ist und nun endlich zielgruppengerecht mit ansprechenden Arrangements verschärft in die Tat umgesetzt wird.

 

Von »Gllamping Basic« bis »Gllamping Delluxe«

 

»Das Interesse ist groß und wir könnten ohne weiteres mehr Luxus-Pakete verkaufen, allerdings wollen wir unseren Wurzeln treu bleiben«, bekundet Martin Hjorth Frederiksen, der Pressesprecher des ansonsten für seine Gemeinnützigkeit und Nachhaltigkeit bekannten Roskilde Festivals. Ähnlich äußert sich Jasper Barendregt, seines Zeichens »Director Festival Production« bei FKP Scorpio, dazu: »Die Nachfrage nach mehr Komfort und speziellen Angeboten ist in den letzten Jahren deutlich gestiegen. Darum haben wir die Resorts eingeführt und damit offensichtlich direkt einen Nerv getroffen«.

Besucherumfragen hätten zudem ergeben, dass »auf allen unseren Festivals der Wunsch nach Angeboten mit mehr Komfort für die Gäste da ist. Und dem tragen wir auch Rechnung«. Dennoch, so Barendregt, »möchten wir ausdrücklich keine Zweiklassengesellschaft auf unseren Festivals. Wir sehen die Resorts einfach als ein zusätzliches Angebot für diejenigen Besucher, die zwar Festivalfeeling wollen, aber auf ein paar Annehmlichkeiten nicht verzichten mögen«.

 »Wir hatten in den letzten Jahren immer wieder Fragen nach VIP-Tickets, zudem haben wir auch den allgemeinen Trend dazu beobachtet, auf den immer mehr Festivals aufgesprungen sind«, so Steffi Schmidt vom Juicy Beats in Dortmund, das in diesem Jahr erstmalig VIP-Tickets offeriert.

 

Auch in der Schweiz mangelt es nicht an Nachfrage, bei den Festivals wie dem Summerdays, dem Seaside oder Unique Moments »haben wir eine große Nachfrage und könnten wohl sogar noch mehr Tickets anbieten. Bei einem jüngeren Festival wie dem OpenAir St.Gallen ist es leicht steigend. Wir haben am St.Gallen z. B. das Bloom im Angebot, ein tolles Restaurant-/Bar-Erlebnis mit einem eigenen Terrassenbereich, das unglaublich gut ankommt. … aber das ist eher für Firmen und Gruppen«, räumt Christof Huber, Chef von Incognito Productions auf Nachfrage ein.

 

Beim Lowlands Festival in den Niederlanden stellte man sich frühzeitig auf zahlungskräftigere Festival-Fans ein. Um genau zu sein seit 2004, mit gerade mal »20 Podpads« (kleine Schlafhütten), erinnert sich Festival-Chef Eric van Eerdenburg. »Seit 2014 nennen wir das Ganze ›Gllamcamp‹ und haben diesen Bereich viel näher ans eigentliche Festivalgelände gelegt«. Seit dem steige die Nachfrage »explosionsartig«, von ehedem 400 auf 1600 in 2017 und in diesem Jahr sogar auf 2100 »Gllamcampern«. Das äußerst vielfältig gestaltete Angebot geht von »Gllamping Basic« bis »Gllamping Delluxe«, letzteres in der Preisspanne von 159,59 pro Person (im 9 Personen-Tipi auf der Luftmatratze) bis zu 425 Euro pro Person (in der Holzhütte mit Bett). Selbstredend mit ansprechenden zusätzlichen gastronomischen Angeboten, Lounge Areas und Lagerfeuern. Spätestens, wenn eine Gruppe von Festivalbesuchern unterschiedliche Kategorien gekauft hat, man spät noch ein gemeinsames Bier trinken will und die eine Hälfte in den Exklusiv-Bereich nicht mitkommen kann, wird die Zwei- oder Mehrklassengesellschaft deutlich.

 

Ruhe auf den billigen Plätzen!

 

Ob nun »Gllamping«, »X-Treatment«, »Platinum« oder »Experience Camping« – in Sachen Namensgebung für höherpreisige Angebote lassen Festivalveranstalter ihren Fantasien freien Lauf. In der Abteilung für Geschäftskunden rangieren die Ticketpreise beim Roskilde Festival pro Person zwischen 330 und 720 Euro. »Beide, sowohl die preiswerteren als auch die teureren Tickets sind sehr beliebt«, erklärt der Roskilde-Sprecher. »Einige Firmen gönnen ihren Mitarbeitern das komplette Festivalerlebnis, andere finden wiederum Tages-bezogene Angebote besser. Gerade, wenn Firmen Mitarbeiter zum Roskilde Festival einladen, die nicht gerade Festival-erprobt sind, ist die Ein-Tages-Variante mitunter die bessere Wahl«.

 

Ähnlich ausdifferenziert sind die Beherbergungsangebote und die damit verbundenen Pakete. Geboten werden ein Begrüßungs-Cocktail im »Backstage Village«, gefolgt von einer zweistündigen Rundtour durchs Gelände sowie hinter die Kulissen des Festivals, einem Zwischenstopp in der »X Treatment Lounge« mit einer Zwischenmahlzeit aus der Künstlerkantine. Auf Wunsch gewährt anschließend entweder ein Vertreter des Roskilde-Managements einen Einblick in die Philosophie des Festivals oder der spendierfreudige Firmenchef darf selbst ran und zu seinen Gästen sprechen. Zum Dinner gibt es dann Speisen und Getränke vom Roskilde Food Court, dessen Angebotspalette in der Vergangenheit, aufgrund einer deutlich besseren CO2-Bilanz im Kontrast zu Rindfleisch, kulinarische Raffinessen wie »Horse Of Course« oder Insekten-Burger beinhaltete. Die Mindestbuchung ist auf 60 Personen veranschlagt, die maximale Buchungskapazität für die »X Treatment Lounge« auf 120 Personen begrenzt.

 

»Das Experience Camping ist ein exklusives Camp mit einer Kapazität von etwa 1200 Leuten direkt neben der Rock-am-Ring-Hauptbühne«, beschreibt Okan Tombulca, Geschäftsführer von der EPS Holding GmbH die Größenordnung dieses Bereichs bei Rock am Ring. Mal abgesehen von »bezugsfertigen, komfortablen Übernachtungsmöglichkeiten« gibt es für Komfort-orientierte Besucher neben hochwertigen Sanitäranlagen und befestigten Wegen obendrein eine eigene Lounge, Whirlpools, eine Bar, Catering und Self-Service-Grill-Stationen, eine Wifi-Grundversorgung sowie Fast-Lane-Zugang zu den vorderen Bereichen vor der Bühne. Los geht's ab 349 Euro pro Person im Zelt inklusive Grundausstattung und kleinerer Annehmlichkeiten, etwas mondäner wird's ab 599 Euro mit richtigen Betten und Bettzeug im Tiny-Reihenhäuschen, welches, gebucht mit allen Extras (Kühlschrank, vorgekühltes Bier, Pavillon, Frühstück etc.) sowie der eigentlichen Festivalkarte, sich in der Einzelbelegung auf 1.637,55 Euro summiert. Im Preis enthalten ist ferner eine Goodie-Bag, sowie ein laminierter Festivalpass. 

 

Selbstredend formiert sich in klassenbewussten Kreisen immer wieder mal Kritik an der stetig wachsenden Angebotspalette für Besserverdiener, gleichwohl wissen Festivalveranstalter snobistisch-veranlagte Festivalbesucher durchaus zu schätzen. »Die Experience-Besucher sind eher noch entspannter als die normalen Festivalbesucher«, beschreibt Tombulca jenen neuen Typus unter den Festivalgängern, allerdings legen sie Wert auf mehr Komfort und vor allem auf den persönlichen Kontakt mit dem Service-Team vor Ort.

Nette Menschen sollen es sein, weiß auch van Erdenburg über »Gllamcamper« des Lowland Festival zu berichten und bescheinigt ihnen, es handele sich um »echte Musik- und Festivalliebhaber«. Sie hätten mehr Geld und seien auch nicht mehr die Jüngsten, schätzten es, ausgiebig bis spät in die Nacht zu feiern, bevorzugten es aber, auf dem Festival zu bleiben, anstatt ins Hotel zu gehen. Überhaupt sei die Stimmung gut und entspannt, zudem gehe es beim »Gllamping« weniger laut zur Sache als auf den billigeren Plätzen.

 

Vom Selfie bis zum Besuch im Nightliner ist alles möglich

 

Für manche Veranstalter ist diese Entwicklung existenzsichernd, für andere dient sie schlicht der Profitmaximierung. Auf der alljährlichen Fachtagung ILMC (International Live Music Conference) in London werden jene Trends behandelt, die die Branche geschäftlich faszinieren. Die Verlängerung der Wertschöpfungskette ist selbstverständlich ein äußerst beliebtes Thema. Nicht wenige dieser Produktlösungen basieren auf Erkenntnissen, die sich bereits im Tourneegeschäft bewährt haben. Dazu Ben Mitha, Geschäftsführer bei der Karsten Jahnke Konzertdirektion: »VIP- oder sogenannte Hospitality-Angebote gibt es auf Arena-Level schon lange und werden zumeist von den Arenen selber angeboten. Sie beinhalten zumeist einen separaten VIP-Eingang und ein wie auch immer geartetes Cateringangebot.« Zudem, so Mitha, böten immer mehr Künstler verschiedenste Arten von VIP-,  Early Entry- oder Meet & Greet-Pakete an. Diese könnten besondere Plätze auf und vor der Bühne, Meet & Greet- und Foto-Möglichkeiten bis hin zu besonderen Merchandise-Artikeln oder Zugang zu speziellen Bereichen (z. B. eine Backstage-Führung, bei Tokio Hotel durfte man sogar in den Nightliner) beinhalten. Der Fantasie und der Kreativität der Managements und Künstler sind hier keine Grenzen gesetzt. »Vermehrt werden derartige Pakete und Angebote bei Künstlern mit einer starken Zielgruppe unter 30 Jahren angeboten und bei Megastars auf Arena-Niveau, wo man sonst eigentlich keinerlei Möglichkeit mehr hat, an den Künstler heranzukommen«, sagt Mitha. Wissend um das theoretische Absatz-Potential, klagte ein britischer Konzertagent einer namhaften Indie-Rockband auf der diesjährigen ILMC sein Leid über die Mehrarbeit, immer mehr Anfragen von Konzertveranstaltern, die für eine Selfie-Session mit seinen Schützlingen schon mal bis zu 20.000 Euro offerieren, absagen zu müssen.

 

Beim Konzertriesen Live Nation hingegen, dem Unternehmen, welches 2017 erstmalig einen Umsatz von 10,3 Milliarden US-Dollar einfuhr, wird die Frage nach dem Sinn und Nutzen unterschiedlicher Produktkategorien weitaus weniger programmatisch betrachtet. Hier gehört das sogenannte Prio-Ticketing längst zum Standard. Kunden bestimmter Firmen können hier schon 24 oder 48 Stunden vor dem offiziellen Start des Vorverkaufs Tickets erwerben. Bei internationalen Superstars sogar gestaffelt: erst die Kunden einer bestimmten Kreditkarte, dann die eines besonderen Telekommunikationstarifes und zum Schluss der offizielle Fanclub. Rechtzeitig vor Redaktionsschluss veröffentlichte der Globalplayer eine Presserklärung, wonach nun Festival-Enthusiasten für 5.000 US-Dollar erstmalig einen »VIP Festival Passport« erwerben können, der ihnen weltweit Zugang zu mehr als 100 konzerneigenen Festivals und deren VIP-Bereichen verschafft. Ein Schnäppchen, gemessen an dem, was auf dem US-Festivalmarkt mittlerweile so angeboten wird. Die Preise für bestimmte Kategorien gehen hier längst in die Tausende, die meisten allerdings auf Anfrage beim Veranstalter, man möchte ja diskret sein.

 

Am Niederrhein verhält man sich indes bewusst antizyklisch. Beim Haldern Pop Festival wurde der VIP-Bereich gerade abgeschafft. Das Festival sei relativ übersichtlich, aber »in seinem Umfang sehr lebendig und somit genau das, was eigentlich alle wollen, Teilhabe«, argumentiert Veranstalter Reichmann. »Es ist kein Klassenkampf-Statement, aber der gesunde Menschenverstand sagt uns, dass es ein Teil der Magie eines guten Festivals ist, sich zu begegnen, auszutauschen und gemeinsam zu feiern.«