Greta van Fleet live in Köln

Die Led Zeppelin der Millennials landen in Deutschland

Was für eine Erwartungshaltung, was für eine auf den Punkt gebrachte Band, was für ein heterogenes Publikum, was ein Abend – beim ersten Deutschlandkonzert von Greta van Fleet stimmte sogar die Vorband. Nur ein Crewmitglied überraschte durch Arbeitsverweigerung…

Text: Carsten Schumacher ,
Foto: Carsten Schumacher

22.03.2018, Köln, Stollwerck

 

Kein gemütliches Eintrudeln, der Saal ist bumsvoll und will von Anfang an nichts verpassen. Glücklicherweise eröffnen heute die Sheafs aus Sheffield. Eine Band, die so aussieht wie 1992 (zusammengewürfelt wie vom Flohmarkt), mit der Attitüde von 1992 (wir machen alle Dummheiten mit) und der Musik von 2003 (BRMC, Von Bondies, Black Keys). Und sie machen den Support-Job wie aus dem Bilderbuch: Kaum auf der Bühne, steht der Mikroständer des Sängers schon mitten im Publikum. Lawrence Feenstra gibt sich wirklich alle Mühe, das total auf Greta van Fleet gepolte Publikum aus der Lethargie zu reißen. Er schafft es schließlich beim Single-Hit »This Is Not A Protest«, als er eine junge Dame auf deren Typ stapelt, ihr ein Schild mit dem Songtitel in die Hand drückt und sich auf dem Höhepunkt noch selber hinterherwirft und singend auf der dankbar dichten Menge crowdsurft. Dadurch schafft er auch die Herzen in der letzten Reihe zu erobern und das Publikum in Gänze zu knacken. Die Hände zum Himmel, es kann losgehen!

 

Es folgt eine gähnend lange AC/DC-Playlist. Ist »Hells Bells« nicht die Nummer, zu der eine traditionsbewusste Band einläuft? Nah. Nicht heute. Das Publikum besteht zu einem guten Teil aus der Generation, die Led Zeppelin noch in Originalbesetzung gesehen hat, durchmischt von jungen, erwartungsfroh gestylten Frauen und einer studentischen Fraktion. Im Gesamtbild erscheint es wahllos, ergibt aber Sinn. In der ersten Reihe dominieren zunächst die Silberrücken, die aber recht bald in der Mitte von einem Keil junger Frauen aufgebrochen wird.

AC/DC wird ganz plötzlich durch eine klassische Soulnummer ersetzt, die Erwartung, jetzt gleich dem ersten Deutschland-Konzert einer blutjungen Classic-Rock-Band aus Frankenmuth, Michigan beizuwohnen, schießt absolut berechtigt in den roten Bereich und wird nicht enttäuscht. Sänger Josh Kiszka trägt ein Outfit irgendwo zwischen indisch und indianisch, das von der Frisur des jungen Bob Dylan (falls Cher nicht auch mal einen Bob-Schnitt trug) gekrönt wird. Sein permanentes Grinsen lässt ahnen, dass er viel meditiert, er wird diese freundliche Gelassenheit heute noch brauchen. Ihm zur Seite steht sein Zwillingsbruder Sam, der mit einem beigen, hautengen 70er Pullover auch an einem Wes Anderson Film teilnehmen könnte, er spielt barfuß. Auf der anderen Seite spielt sein Bruder Jake, dessen seidige, langen schwarzen Haare die Verwandtschaft sogar noch intensiver unterstreicht als die der Zwillinge. Hinter dem Kit nimmt Freund Danny Platz, oberkörperfrei, nur mit einer Weste bekleidet, dessen scharfer Blick über einer noch schärferen Adlernase unter der nach hinten zusammengebundenen schwarzen Mähne dem Trommel-Job eine bewundernswerte Ernsthaftigkeit verleiht.

 

Kann losgehen.

 

Alle wirken routiniert, konzentriert, top-professionell. Josh ist dazu ein Sänger großer Gesten, nach oben gerissener Arme und angedeuteter Handküsse, deren Ironiefaktor bis zum Ende ungeklärt bleibt. Sein ewiges Lächeln wirkt fast wie ein Abstandhalter, sein Fokus liegt heute deutlich auf der Gesangstechnik, die sein Gesicht mitunter etwas bizarr erscheinen lässt, wenn die Zunge arg weit herausschaut oder er den Mundraum formt, wie ihm der Gesangslehrer wahrscheinlich geheißen hat. Aber das Publikum will seinen Robert Plant und bekommt seinen Robert Plant, da lacht niemand über eine über den Gesichtsrand hinauslaufende Mimik, wenn’s der Soundfindung dient. Schon auf den EPs hatte man Greta van Fleet mitten ins Herz der 70er Jahre produziert, live soll dieser Eindruck natürlich ebenfalls jeder Prüfung bestehen. Die restliche Band hat sich diesem Ziel ebenso untergeordnet, da tanzt niemand aus der Reihe. Schon bei Lied No.2 hat Jake die Gitarre hinterm Kopf und gniedelt, dass ihm die Herzen zufliegen. Seine SG soll Page-mäßig singen, aber dem Posen wäre damit auch Genüge getan, die Hinter-Kopf-Artistik kehrt nicht wieder auf den Spielplan zurück, Mätzchen mit der Zunge an den Saiten bleiben außen vor und angezündet wird hier schon mal gar nichts.

 

Ins Set eingebettet wird dann der Klassiker »Evil (Is Going On)« von Howlin’ Wolf (vielen von uns noch in guter Erinnerung durch die Versionen von Monster Magnet bzw. Cactus). Doch mittlerweile wird ein an sich kleines Problem auf dieser Stufe der Professionalität (die Band hat nicht nur einen Major-Plattenvertrag, sondern sitzt auch bereits fest im Roster der weltweit größten Veranstaltungsmaschine Live Nation) immer offenkundiger: regelmäßige Rückkopplungen. Es liegt nicht am Raum, das haben bereits die Sheafs mit ihren Mätzchen bewiesen, aber es fiept immer und immer wieder. Josh lässt sich sein permanentes Lächeln dadurch nicht zertrümmern, rückt den Mikrofonständer mal nach rechts, dann nach hinten, gestikuliert zur Seite, dass sein Monitorsound runtergefahren werden soll – es hilft alles nichts. Zwar hat die Band ihren eigenen Soundmann hinters Pult gestellt, aber der bewegt sich so gar nicht, dass es fast den Anschein hat, als würde er sich damit für eine an ihm verübte Ungerechtigkeit rächen wollen. Im Verlauf der nächsten Songs wächst dadurch das Mitleid mit dem sich stets mühenden Josh, auch wenn das Publikum sich nichts anmerken lässt und die Begeisterung keinesfalls zurückstuft.

 

Die Setlist konzentriert sich im Wesentlichen auf die just erschienene zweite EP »From The Fires«. Der Zugabenblock beginnt dann mit dem Instant-Gassenhauer »Black Smoke Rising« und als die Band darauf folgend noch zum »Safari Song« ansetzt, kommt es fast zum Bruch innerhalb der Schicksalsgemeinschaft von Rentnern und Studenten im Publikum, als nämlich die Studi-Fraktion die Deutungshoheit über das Geschehen plötzlich an sich reißt und im vorderen Mittelfeld eine Art sanftes Pogen beginnt und die älteren Konzertbesucher entrüstet bis echauffiert darauf gucken, bis sie sich nochmal in Erinnerung rufen, was so ein Rockkonzert doch für Nebeneffekte mit sich führen kann und dass der Jugend gewisser Raum zugestanden werden muss. Die Ankunft Greta van Fleets in Deutschland nimmt also noch ein versöhnliches Ende und trägt mit ihrem enorm gut auf den Punkt gebrachten Led Zeppelin–Sound zur Verständigung der Generationen bei. Möge Josh Kiszkas Lächeln nie verebben.

Zweiter Song: Gitarre hinterm Kopf – hätten wir das auch.
Bild: Carsten Schumacher