Erkläre mir...

Fragen vom Festivalfrischling

Man hat es nicht leicht als Festivalfrischling. Wenn man angeblich doofe Fragen stellt und als Antwort »höhö, daran merkt man, dass du noch nie auf nem Festival warst« bekommt, nett weiterlächeln und auf die eigene Festivalpremiere warten. Aber wenn ihr doch so schlau seid, liebe Festivalgänger, und euch bestens mit allerlei Festivalproblemchen und -wehwehchen auskennt, erklärt mir doch mal ...
Text: Carsten Schumacher ,
Interview: Alena Struzh ,
Foto: Frank Meißner
... wie verstecke ich mein Bier vor anderen geizigen Besuchern?

Erfahrung:
Zunächst die wichtige Frage: Ist es kalt? Denn kaltes Bier ist so gut wie unschützbar. Von Hitze ausgedörrte Festivalbesucher wittern kaltes Bier wie Kreditkarten-Vertreter deinen schwachen Moment. Unterhalb des Zeltes vergraben, würde im Zweifel sogar noch kühlen. Aber richtig sicher gehen kann man eigentlich nur, wenn man das Bier vorsätzlich in der Sonne erhitzt bis es vollkommen unattraktiv geworden ist. Oder gib einen aus und finde Freunde.

Was haben unter 10-Jährige auf Festivals zu suchen? Die bekommen doch einen Schock für den Rest ihres Lebens. 

ErfahrungIm Gegenteil! Sich allenthalben zu übergeben oder in Pfützen zu werfen liegt gerade dieser Altersgruppe noch näher als anderen. Gerade die Gruppe der unter 10-Jährigen bringt dafür maximales Verständnis auf. Das kulinarische Angebot mit Pommes und Pizza scheint ebenso exakt auf diese Zielgruppe abgestimmt. Die Frage sollte also eigentlich umgekehrt lauten: Was machen die über 10-Jährigen dort?
Festival: A Summer's Tale, 08.2016
Bild: Maxim Abrossimow
Was haben Seitan-Burger, Festivalweine und Reh-Ragout auf Festivals zu suchen?

Erfahrung: Geht’s um ein Streetfood-Festival? Wahrscheinlich nicht. In ihrem Ansinnen, die eigene Jugend zu verlängern, möchten heute immer mehr Menschen auf Festivals, die eigentlich das Geld hätten, feisten Urlaub zu begehen. Das wurde als Nachfrage verstanden und bedient. Entsprechend gibt es mittlerweile schon einigen Luxus auf Festivals, der weniger auf Entgrenzung als auf erlesenen Lebensstil rückschließen lässt. Aber keine Angst, es gibt auch noch jede Menge Festivals mit Siedewurst im Brötchen.

Und zum Schluss erklärt am besten gleich noch den Kapitalismus, denn davon gibt es anscheinend genug auf Festivals.

Erfahrung: Das ist eigentlich ganz einfach. Kapitalismus ist das Ringen des Angebots mit der Nachfrage. Und wem es gefällt, aktiviert zu werden, der geht auf Festivals mit vielen Promotion-Aufritten. Wer gern viel quietschbunte Werbung und dreizeilige Bühnennamen unter Nennung von ein bis drei Sponsorenfirmen sieht, geht dorthin. Und wer auf seinen Frappuccino von der Röster-Kette und Döner mit Kobe-Rind nicht verzichten kann, sucht sich ebenfalls eins der Festivals für vermarktbare Zielgruppen. Und wer all das nicht mag, findet genügend kleine Festivals, die einen in Ruhe Musik hören lassen. Es muss ja nicht immer Metallica sein.