»Wir müssen bereit sein, auch Fans, Tickets und Beifall zu verlieren, weil wir zu unseren Werten stehen.«

Interview mit Pohoda-Veranstalter Kaščák

Haben Festivals im Zeichen des Rechtsrucks in Europa nicht eine besondere Verantwortung, dagegen zu halten? Oder sind die gesellschaftspolitischen Ideale von einst, sind Liebe, Frieden und Toleranz Geschichte und Festivals nur noch Orte der Unterhaltung? Festivalguide-Autor Holger Schmidt versuchte dazu gerade die Veranstalter osteuropäischer Festivals zu befragen und stieß dabei auf enorme Zurückhaltung. Einzig Michal Kaščák vom slowakischen Pohoda Festival zeigte sich direkt bereit, Stellung zu beziehen.
Interview: Holger Schmidt ,
Foto: Pohoda Festival
Pohoda schafft einen einzigartigen Raum, in dem schöne und abwechslungsreiche Kulturen aus Welt präsentiert wird. Wie fühlt es sich heute an?



Ich denke, es ist die Basis der Festivalkultur. Für uns – nach Erfahrungen mit totalitären und hoch geschlossenen kommunistischen Regimes – war es sehr natürlich, Pohoda als Treffpunkt aller schönen Unterschiede der Welt zu schaffen. Pohoda ist hauptsächlich ein Festival der Freiheit und ich nehme es immer noch als ein Wunder wahr, dass wir so etwas wie ein freies Festival in unserer Region veranstalten können. Ich weiß, dass Freiheit nichts Selbstverständliches ist - wir müssen uns um sie kümmern. Noch vielmehr heute, wo wir sehen können, dass sich Mitteleuropa wieder »verschließt«, Extremisten lauter und lauter werden und die Angst vor Unbekannten und fremden Kulturen ein erfolgreiches politisches Werkzeug darstellt. Es ist eine Schande, dass wir mit dem Aufstieg des Nationalismus konfrontiert sind und wieder nach der »starken Hand« gerufen wird. Wir glauben hingegen an den starken und offenen Geist.



Glaubst du, dass Festivals heute noch die Kraft haben, die Gesellschaft zu ändern? Wenn ja, wie?

Na, sicher. Ich will die Rolle der Kultur nicht überbewerten. Wir wissen aus der Vergangenheit, dass Künstler nicht nur eine positive Rolle spielen können, sondern auch negative. Sie können die schönsten Ideen unterstützen und für sie kämpfen. Sie können es tun und dabei ihr Leben riskieren, wie es in der kommunistischen Tschechoslowakei war. Aber sie können auch für Diktatoren singen, können Teil von Propaganda gegen Menschenrechte sein.
Wie auch immer, ich glaube, dass die Mehrheit der Festivals kleine, aber wichtige Schritte für die Gesellschaften machen. Es fängt mit ihrem Kulturbeitrag an, mit der Motivation der lokalen Kunstszene, geht weiter mit der Förderung und Verbreitung von Umweltlösungen, mit dem Aufbau eines Gemeinschaftsgefühls und damit soziale Themen zu thematisieren und zu diskutieren. Es geht darum, die Bedeutung von Toleranz und Kommunikation zu betonen. Festivals können all dies auf eine sehr schöne und nicht-formale Art und Weise tun.
Unter dem alten Regime nannten wir freie kulturellen und gesellschaftliche Veranstaltungen »Inseln der positiven Abweichungen« und wir beginnen, diesen Begriff wieder zu benutzen...



Denkst du, dass Festivals als wichtige kulturelle Veranstaltungen die Verantwortung haben, einen politischen Standpunkt einzunehmen und Einfluss auf die Agenda zu nehmen – insbesondere auch gegenüber Veränderungen in der Gesellschaft im eigenen Lande?

Ich glaube nicht, dass es ihre »Verantwortung« ist. Sie können entscheiden, was sie mit Ihrer Veranstaltung machen wollen. Ich verstehe, dass einige Leute nicht »fühlen«, wie wichtig der proaktive Ansatz für die Gesellschaft ist, in der sie leben. Wenn Sie nur Spaß kreieren möchten, sollen sie das tun. Wenn sie nur Geld machen wollen, selbst Schuld. Aber ich kann die Begeisterung für bloße Zahlen auch nachvollziehen und mag nicht sagen, dass das grundsätzlich falsch ist. Wenn jemand seine gesamte Zeit bei Pohoda nur damit verbringen möchte, Spaß zu haben, kann er das tun. Der Besucher kann das frei entscheiden. Was ich jedoch als Minimum erwarte, ist nicht die Ablehnung von Extremismus in all seinen Formen. Für mich wäre es langweilig, nur Bands zu sammeln und ein starkes Musikevent zu machen - ohne Seele und Geschmack. Wir haben viele Diskussionen, Kunstinstallationen, einen großen NGO-Bereich, wo die unterschiedlichsten Organisationen ihre Aktivitäten präsentieren - von konservativ bis liberal.



In einer Zeit von Grenzschließungen, Flüchtlingskrise und dem Erstarken von Nationalismus und Fremdenfeindlichkeit, was bedeutet dies in Bezug auf die internationale, offene und bunte Philosophie der Festivals?

Es bedeutet Herausforderung. Wir müssen bereit sein, wahrhaftig zu unseren Werten zu stehen. Wir müssen bereit sein, auch Fans, Tickets und Beifall zu verlieren, weil wir zu ihnen stehen. Gerade heraus: Wir müssen unserem Weg folgen und wir müssen bereit sein, die Sympathien einer steigenden Zahl von Idioten zu verlieren.



Verändert es die Botschaft des Festivals oder die Stellung des Festivals im Land/ in der Gesellschaft? Wird es wichtiger, was Pohoda tut?

Wie ich schon sagte, ein freies Festival machen zu können, ist ein Wunder für mich. Deshalb ist es ganz natürlich, dass wir der Gesellschaft etwas zurückgeben wollen. Ich will helfen, Demokratie und Menschenrechte in der Region zu erhalten. Wir werden unserem Weg weiter folgen. Ich mag naiv sein, aber ich glaube an den guten Willen der Menschen. Die Extremisten sind immer lauter und es ist immer leicht, mit einfachen Lösungen anzukommen, mit der Schließung von Grenzen, mit einer Trennlinie zwischen »uns und denen«. Wie auch immer, ich denke, das menschliche Gehirn ist etwas Fantastisches, und es wird erkennen, dass diese Art des Denkens kein gutes Leben für irgendjemanden bringt.



Bringt es Schwierigkeiten mit sich?

Ja, aber wir sollten mutig sein. Wir sind keine »Pussycats«. Wir arbeiten nicht mit dem Ministerium für Kultur in der Slowakei zusammen. Das bedeutet zwar, dass wir Geld verlieren, welches wir eigentlich benötigen. Ich mag mir nicht vorstellen, wie unser Minister sagt, dass Pohoda so »großartig« ist auch dank staatlicher Unterstützung. Dieser langjährige Minister ist ebenfalls der Schöpfer fremdenfeindlicher politischer Kampagnen seiner Partei. Wir können auch Ticketkäufer verlieren, die denken, dass wir zu politisch sind. Wir wollen nicht zu politisch sein, wir wollen nur nicht blind und nett zu allen zu sein, und dabei dann auch zu modernen Faschisten.



Hat Pohoda spezielle Kampagnen, Projekte, Programme etc. zu diesen Themen?

Ja. Wir haben den großen NGO-Bereich bei Pohoda mit mehr als 40 Organisationen und Ausstellern jedes Jahr. Wir haben zig Debatten und Diskussionen und wir haben besondere Kunstinstallationen, die sich dem Thema widmen. Wir machen sensible Themen bei Pohoda auf. Wir als Festival sind in verschiedenste Events involviert: wir machen ein kleines Festival für Obdachlose im Winter kleines Festival. Nach einem Neonazi-Angriff gegen einen Club in der Slowakei haben wir eine Kampagne entwickelt und jeden Samstag hat ein slowakischen Festival in diesem Club einen besonderen Abend veranstaltet. Wir sind Teil vieler Veranstaltungen für Menschenrechte. Ein weiteres Beispiel: Als die Ukrainekrise begann, haben wir eine besondere Aufführung des der ukrainischen Staatsorchesters organisiert, welches Werke des russischen Klassikers Mussorgsky spielte. Manchmal spielen wir auch mit unserem Line-up - wie etwa letztes Jahr, als gleich nach dem syrischen Künstler Omar Souleyman die israelischen Band Lola Marsh folgte. Es gibt viele derartige Details bei unserem Festival. Komm vorbei und sieh es Dir an…

Zur ausführlichen Reportage zu Europas Festivals im Zeichen der Flüchtlingsdebatte hier entlang.
Pohoda Festival