Tomorrowland, Parookaville und immer weiter

Wann platzt die EDM-Blase?

Das belgische EDM-Festival Tomorrowland konnte bereits 2012 insgesamt 185.000 Tickets verkaufen und hat das Kontingent mittlerweile verdoppelt. Das deutsche Parookaville begann 2015 mit 25.000 Besuchern, verdoppelte sich im darauf folgenden Jahr und erwartet 2017 nunmehr 80.000 Fans. Parallel startet am Nürburgring das New Horizons und steigt direkt bei 70.000 erwarteten Gästen ein. Wie lang geht das noch weiter? Was bedeutet das für andere Festivals? Wir fragen sowohl Oliver Vordemvenne, Veranstalter der seit 1995 stattfindenden Nature One, als auch U Lee vom Club Bootshaus in Köln, seit diesem Jahr Partner des neuen Festivals Springinsfeld, zur Entwicklung im EDM-Bereich.
Interview: Carsten Schumacher ,
Foto: Simon Meteling
EDM-Boom und kein Ende – wie lange wird das noch gut gehen?
U Lee: Das kann man nicht so vereinfachen. Es handelt sich hier eher um kommerzielle Elektronik, die sich jetzt schon ständig ändert. Man kann aber davon ausgehen, dass es für eine sehr lange Zeit kommerzielle Elektronik geben wird. Ob man sie dann am Ende des Tages EDM oder MDE nennen will, ist sekundär. Letztendlich wird immer das gleiche Publikum davon angesprochen.

Oliver: Ich verstehe darunter mainstreamige Popmusik, die von Künstlern produziert bzw. vermarktet wird, die sich selbst als DJs bezeichnen. Daher der Bezug zur elektronischen Musikszene, obwohl es nicht wirklich viel mit der elektronischen Musikkultur zu tun hat. Die elektronische Musikkultur ist eine Jugendkultur, die mittlerweile seit über 20 Jahren besteht. Ich denke nicht, dass sich »EDM« zu einer solchen beständigen Sub-Kultur entwickeln wird. Erste Anzeichen einer Übersättigung gibt es bereits.

Wo waren all die neuen Festival-Besucher bisher? Bekommen andere Elektronik-Festivals durch EDM existenzgefährdende Konkurrenz?

U Lee: Diese »Szene« (man kann es eigentlich nicht so nennen, denn es ist kommerzielle Elektronik) ist halbwegs neu, denn die großen Labels pushen heutzutage Dance-Musik, weil sie sich gut verkauft. Die Popstars von heute kommen zu 50 % aus der Dance-Szene. Diese ganze Entwicklung ist neu.

Oliver: Die neuen Festival-Besucher sind entweder bis dato gar nicht auf Festivals gegangen oder sie kommen aus allen Bereichen, da EDM Mainstream bzw. Pop-Musik ist. Jedes große Festival zieht auch Leute aus dem Mainstream. Daher führt das deutlich gestiegene Angebot an Festivals sicher zu einer verschärften Wettbewerbssituation und kann genreübergreifend alle etablierten Festivals Besucher kosten. Ich befürchte, dass vor allem die kleineren Festivals unter Druck geraten könnten, was sehr schade wäre.

Was bedeutet der Boom für Gagen und Ticketpreise?
U Lee: Kommerzielle Acts wollen mehr Geld, denn sie verkaufen nun mal mehr Tickets. Egal ob Rock, Rap oder Dance.

Oliver: Was im EDM-Bereich an Gagen gezahlt wird, ist irrwitzig. Das wird auch dazu führen, dass es einige Festivals in dem Bereich mittelfristig nicht mehr geben wird, weil sie sich nicht finanzieren lassen. Wir machen bei diesem Gagen-Wahnsinn nicht mit, da wir auch die Ticketpreise nicht exorbitant steigen lassen wollen. Jeder soll es sich leisten können, unsere Veranstaltungen zu besuchen und eine gute Zeit zu haben. Wir machen Rave mit Leidenschaft und kein Disneyland für Erwachsene.

Sind EDM-Festivals wirklich nur bunte Fassade und Luxus-Logen mit Champagner-Yakuzi? Welche Art von Kultur steht hinter diesem Boom?
U Lee: Die große Masse sind junge Menschen, die einfach nur Spaß haben wollen und etwas Besonderes erleben wollen, das ihre Jugend definiert. Vor allem in Deutschland hat diese Szene wenig mit Champagner zu tun.

Oliver: EDM-Festivals sind konzeptionell ein Hybrid aus Rock-Festival und Elektronik-Festival. Auf der einen Seite die riesige (Rock’n’Roll)-Mainstage mit Pop-Stars, dem damit verbundenen Starkult und dem ganzen VIP-Schnick-Schnack. Auf der anderen Seite aber auch »echte« elektronische Musik und entsprechende Bühnen und Künstler. Ob dies auf Dauer zusammenpasst und funktioniert, wird man sehen. Und ob EDM nun eine Erweiterung der elektronischen Musikkultur ist oder die totale kommerzielle Ausschlachtung eines Teilbereichs oder ob es überhaupt nichts mehr mit der ursprünglichen Idee dahinter zu tun hat – da kann sich jeder selbst seine Meinung bilden. Amüsant finde ich in dem Zusammenhang, dass uns vor einigen Jahren immer wieder vorgeworfen wurde, Nature One sei »voll der Kommerz«. Im Vergleich zu den heutigen sogenannten EDM-Festivals war und ist Nature One der absolute Underground, bei der die Musik und das Gemeinschaftserlebnis im Vordergrund stehen. Und nicht die Anzahl der verbrauchten CO2-Flaschen oder die Tonnen an Konfetti, die im Special-Effekt-Inferno in die Luft geblasen werden.
Wer ist bei dieser Entwicklung am Ende der Verlierer? Das klassische Techno-Festival? Die Rock-Festivals? Die Clubs?
U Lee: Wenn, dann die Dance-Clubs, denn hier läuft teilweise genau diese Art der Musik.

Oliver: Für die Clubs ist es sicher extrem schwierig, da die exorbitante Gageninflation an der Spitze auch immer die Gagen an der Basis mit hochzieht. Sicher wird es auch einige Festivals wieder aus dem Markt kegeln. Genauso wie das aktuell im Rock’n’Roll-Bereich der Fall ist (Stichwort DEAG*). Mehr Wettbewerb führt aber auch dazu, dass sich alle noch mehr anstrengen (müssen), um erfolgreich zu sein. Davon profitieren die Festivalbesucher. Wollen wir nur hoffen, dass es nicht zu kurzfristigen Festivalabsagen aufgrund schlechter Ticketverkäufe kommt und dem damit verbundenen Frust bei den Besuchern. So was wirft schnell ein schlechtes Licht auf eine ganze Branche.

*Die Deutsche Entertainment Aktiengesellschaft versucht seit 2015 mit Rock im Revier, Rock in Vienna und Rockavaria auf dem Markt der großen Rockfestivals Fuß zu fassen.