Und kriechen im Staub und schlafen im Regen...

Von Saubermännern und Müllschluckern (2000)

Ein archaisches Szenario wie aus einem düsteren Sci-Fi-Fantasy-Thriller: Aus stählernen Müllcontainern dringt dicker Rauch, der seine Umgehung unter einem grotesken Schleier verschlingt, verbranntes Plastik umwabert beißend die Nasenwände. Eine Handvoll Besessener trommelt unerlässlich mit Stangen in einem bleiernen Stakkato auf die Stahlwände, während andere wie in Trance um die brennenden Müllhaufen herumtanzen. Grölend, singend, ein die ganze Nacht hindurch währendes bizarres Ritual. Warum tun die das? Man weiß es nicht.
Text: Volker Backes
Diese Ausprägung modernster Zivilisation wiederholt sich jährlich in Roskilde, Dänemark, aber so oder ähnlich auch anderswo, wo sich die drei untrennbaren »M«s (Mensch, Musik, Müll) unter freiem Himmel begegnen. Wo Menschen in Massen auftreten und eine Zeit verweilen, hinterlassen sie Spuren, nicht selten in Form von Müll. Sogar der Mond blieb nicht davon verschont, heißt es.

Die Berliner Loveparade als Parade–Demonstration manifester Tanz– und Feierwut hinterließ letztes Jahr 1,2 Millionen Glückselige, einen 200 Tonnen schweren Müllberg, dem die Berliner Saubermänner hinterher mit Bulldozern zu Leibe rückten und die Erkenntnis, dass man angesichts der Dimensionen mit einem massiven Problem zu kämpfen hat: dem Abfallproblem. Auch kleinere Festivals haben ihre Mühen damit und betrachten den Abfall längst nicht mehr nur als kleinen Posten am Rande, der weggeräumt werden muss. Beim Splash! produzierten 13.000 Besucher im letzten Jahr 320 m3 Müll, die 45.000 Zuschauer des vergangenen Hurricane gar stolze 1.000 m3. Die amtlich verbrieften 42,18 Tonnen Abfall der 30.000 Tanzfreunde auf der Nature One 1999 lassen zudem Zweifel an den Zahlen der Loveparade aufkommen.

Somit sind bereits im Vorfeld Konzepte gefragt, um der Müllflut Herr zu werden. Klaus Maak, für das Summerjam im Planungscockpit: »Wir debattieren ausführlich mit Vertretern der Stadt über geeignete Maßnahmen, wie wir das Problem in den Griff bekommen.« Den Königsweg hat auch er freilich noch nicht gefunden (»Ruf' mich an, wenn du auf die ultimative Lösung stößt!«), aber bei den meisten Festivals haben sich mittlerweile einige Standards herausgebildet.

Obligatorisch ist die Ausgabe von Getränken gegen Pfand, das zwischen einer und vier Mark pro Becher variiert. Die Höhe sei dabei nebensächlich, meint Stefan Reichmann vom Haldern Pop: »Die Leute bringen den Becher schon bei nur einer Mark Pfand zurück und sind bloß genervt, wenn’ sie von Anfang an viel Geld auf den Tisch legen müssen.« In Haldern führte man 1993 den sogenannten Makrolon-Becher ein, einen wiederverwendbaren Plastikbecher, der sich inzwischen auf breiter Front durchgesetzt hat und auch in Fußballstadien benutzt wird. Bei Veranstaltungen wie dem Hurricane oder in Roskilde finden zum Teil auch essbare Schalen an den Imbissbuden ihre Verwendung. Nahezu alle Festivalgelände werden bei mehrtägigen Events jede Nacht gesäubert. So räumen beim Summerjam auf dem Gelände 40 in mobilen Müllkommandos organisierte Ordnungskräfte hinter den 20.000 Besuchern her, die 45.000 Hurricane-User halten sogar 100 Mitarbeiter in Sachen Müll in Atem. In der Regel sind die Veranstalter für die Einrichtung der Säuberungstrupps zuständig, bei etablierteren Festen haben sich häufig Kooperationen zwischen den betroffenen Kommunen und den Veranstaltern herausgebildet. Für Rock am Ring übernimmt mit Michael Köbele sogar ein kommunaler Umweltbeauftragter die Koordination der Müllentsorgung. Haldern setzt hierbei auf Freiwillige aus der ortsansässigen Jugendfeuerwehr. Wichtig sei vor allem, so Reichmann, das Festivalgelände so lange wie möglich penibel sauber zu halten. »Da darf nix rumfliegen. Hast du erst einmal einen bestimmten Müllgrad überschritten, ermutigst du sofort die Nachahmer. Diese Schwelle ist wie so'n Break-Even in der Wirtschaft, nur andersrum.«

»Da darf nix ’rumfliegen«

Besonders schwierig ist die Lage, da sind sich alle Veranstalter einig, auf den Campingplätzen. Zwar werden inzwischen auf nahezu allen Festivals Müllsäcke kostenlos an die Camper ausgegeben, aber »die werden für alles Mögliche verwendet, nur nicht, um den Müll hineinzuwerfen«, beurteilt Klaus Maak den Erfindungsreichtum seiner Kunden realistisch. So bleibt vielfach nur der Appell an das Gewissen der Partyfreunde. Die Roskilde-Organisatoren suchen ihren Weg in das Umweltherz der Fans durch aufwendige Newsletter und Internetseiten und experimentieren mit einem Green-Test-Camp, in dem umweltbewusste Rockfans ihren Müll trennen sollen. Die Nature One-Betreiber setzen mit dem Motto »Mein Freund ist eine Hunsrückkuh« gar mittels sanfter Tränendrüse auf das Sentiment der Besucher. Reichmann setzt eher auf subtile psychologische Kriegsführung. So bekommen die Besucher des Haldern Pop zur letzten Band ein halbstündiges Video vorgespielt, das still und stumm zeigt, wie 40 Leute den Dreck von 5.000 Musikenthusiasten beseitigen.

Oder man hält es wie Alex Richter, der mit dem HipHop Open offenbar zum jungfräulichen Blindflug ansetzt: »Müllkonzept? Nee, hab’ ich nicht. 320 m3 Müll beim Splash!? Jesus! Äh, danke für den Tipp.«