Von Jungfrauen und Schorfarmen

Als Bändchenanleger auf dem Hurricane (2008)

Am schlimmsten sind die, die ihre Bändchen verloren haben: Der Festivalguide war beim Hurricane und begleitete den Alltag eines Bändchenanlegers.
Autor: Daniel Koch
Ein Schrei. Laut, heiser, schmerzverzerrt. Steffen hat schon bessere gehört. Einen Moment sieht es aus, als überlege er, den Arm, der da vor ihm auf dem Holztisch liegt, tatsächlich abzuhacken. Oder zumindest anzusägen. Mit seiner Schere ginge es – die ist ziemlich scharf. Es würde dauern, wehtun, quälen. Steffen grinst, als wünsche er sich genau das. Der Typ, der da vor ihm steht, ist wieder einer dieser Spaßvögel. Schaut sich um, als suche er Klatschvieh, und versteht nicht, dass selbst die anderen Wartenden im Zelt das nicht lustig finden. Denn: Es ist nicht lustig zu schreien, wenn man die Plombe am Eintrittsband befestigt kriegt! 176 dieser Schreie hat Steffen heute schon gehört. Er greift zum Kuli und macht einen weiteren Strich auf der Liste: 177. Einen Kommentar verkneift er sich. Er bringt den Hebel der Plombiermaschine wieder in Grundstellung, prüft, ob das Bändchen, das er soeben befestigt hat, tatsächlich hält, gibt das Ticket zurück, verstaut den Abriss in der kleinen Plastiktüte, gibt einen Müllchip raus, erklärt, wo es die Müllbeutel gibt und wie das mit dem Pfand funktioniert. »Viel Spaß!«

Seit neun Stunden sitzt er schon in einem Bierzelt auf einer Wiese in Scheeßel. Und das hat nicht mal was mit Schützenfest zu tun. Na, ein wenig vielleicht. Aber Steffen ist nicht zum Spaß hier. Noch nicht. Aufs Hurricane Festival hat ihn sein Job für die Klangpiraten gebracht. Die kleine Firma aus Hildesheim ist für die Vergabe der Eintrittsbändchen zuständig. Nicht nur hier, sondern auch bei anderen Festivals wie dem Nova Rock oder M'Era Luna um nur die größten zu nennen. Steffen ist in diesem Jahr dem Zelt am Parkplatz P 2 zugeteilt. Es ist Donnerstag, Hauptanreisetag. Seit den frühen Morgenstunden kommen hier die vollgepackten Kleinwagen und Papakombis vorgefahren, aus deren heruntergelassenen Fenstern viel zu oft die Onkelz oder Rammstein dröhnen. Nur die Queens Of The Stone Age, Muse und die unvermeidlichen Deichkind können dagegenhalten.

»Wie viele sind’s inzwischen?«, fragt Craig vom Nebentisch. »177«, sagt Steffen nach einem Blick auf die Strichliste. Die beiden haben gewettet. Eine Aktion gegen die Langeweile, das monotone Roboten, das der Job so mit sich bringt. »250 werden’s in diesem Zelt nicht«, meinte Craig. »Locker«, meinte Steffen – und wettete einen Zwanni auf Sieg.

Die Wette ist lebenswichtig. Nur so ist das ewige Einerlei auszuhalten: Ticketentgegennahme, Abriss, Band rum, plombieren, Müllpfand. Und »Viel Spaß« natürlich. Die Begegnungen mit den KundInnen sind kurz. Gespräche gibt es nicht. Doch die Zeit reicht, um zu wissen, wen man vor sich hat. Die Spaßvögel und Schreihälse erkennt Steffen sofort. Ferner unterscheidet er nach Festivaljungfrauen (die Schüchternen, die keinen Ton sagen), Schorfarmen (Leute, die ihre Körperpflege auch im Alltag auf Festivalniveau betreiben) und Sammlern (»Kannst du das Bändchen bitte unter die sechs anderen machen – dann ist’s chronologisch.«). Im Moment nervt wieder jemand, der sein »Bändchen verloren« hat. Das sind die schlimmsten.

»Könntest du mir bitte ein neues geben?«, fragt ein junges Mädchen und lässt die Wimpern sprechen. »Das geht nicht so einfach«, erwidert Steffen. »Och, bitte!«, sagt sie und zupft an ihrem Muse-Girlie. »Nix, bitte. Ein Band ist immerhin rund 120 Euro wert. Ich kann das nicht ohne Ticket rausgeben.« Sonst gibt es Ärger. Denn natürlich wird Steffen kontrolliert: Die Bändchen kommen in Hunderterbeuteln auf den Tisch. Für jedes entnommene Bändchen kommt ein Kartenabriss zurück in den Beutel. Nachgezählt wird seitens der Zeltleitung. Und die ruft Steffen jetzt auch, damit die sich mal die Story des Mädchens anhören kann. Wie das Bändchen denn abhanden gekommen sei, will der Zeltchef wissen.

»Hi hi, ich war so betrunken, ich kann mich an nichts erinnern.«
»Weißt du noch, bei wem du dein Band gekommen hast?«
»Hi hi, ich war so betrunken, ich kann mich an nichts erinnern.«
»Aber du weißt noch, wie du ins Zelt gegangen bist?«
 »Hi hi, ich war so betrunken, ich kann mich an nichts erinnern.« „
»Hast du denn dein altes Ticket noch?“«
»Hi hi, ich war so betrunken, ich kann mich an nichts erinnern.«
»Denkst du eigentlich, wir sind so leicht zu verarschen?«

Steffen mag seine Arbeit. Die Schicht ist heute lang. Aber das macht nichts: Er muss nur heute ran. Den morgigen Tag hat er zur freien Verfügung. »Im Grunde ist es wie ein ganz normaler Festivalbesuch«, sagt Steffen, »Nur besser. Nicht so asig. Ich bekomme alle Bands mit, bin auf dem entspannten VIP-Campingplatz untergebracht, beim Crew-Catering gibt es Zigeunerschnitzel. Und nebenbei verdiene ich mir noch ein bisschen was.«

Die Klangpiraten nennen Steffens Tätigkeit »Z-Job«. Bei diesem Modell ist der Stundenlohn ein wenig geringer als bei denen, die das ganze Wochenende durcharbeiten. Heiß begehrt sind alle diese Jobs. Meisten haben die Klangpiraten doppelt so viel Interessenten wie freie Stellen.

Um kurz vor 23 Uhr ist es dann so weit. Eine halbe Stunde noch, als plötzlich ein lauter Schrei durch das Zelt hallt. Die Nummer 250! Die Wette ist gewonnen. »Scheiße«, klagt Craig. »Einverstanden, wenn wir die Kohle im ›Titty Twister‹ auf dem Campingplatz verballern?«