Zuhause ist, wo der Tourbus steht

Tourmanager (2001)

Deutlich mehr Popularität als irgendwelche exklusiven chinesischen Vasen haben heutzutage Pop-Ikonen. Und genau wie erstere wollen auch diese kostbaren Güter gehütet, ihr Kosmos will gestaltet und verwaltet werden. Dazu bedarf es beispielsweise eines Tourmanagers. Durchaus ein FuIltime-Job, aber weder Lehrberuf innerhalb der Industrie- und Handelskammer noch Studienfach an irgendeiner Universität der WeIt. Uns interessierte, was an den oft kolportierten Lebensweisheiten, die aus alten Lonesome-Rider- oder Landser-Romanen stammen könnten – »Zuhause ist, wo der Tourbus parkt« oder »Wer den Pop-Himmel sehen will, muss durch ein Plüschtier-Bombardement gehen« – wirklich dran ist. Richard Jones berichtet Uwe Buschmann von seinem Berufsalltag als Tourmanager.
Interview: Uwe Buschmann
A one‚ two, three: »Drei Dinge machen einen guten Tourmanager aus: Gemütsruhe, Ausdauer und Organisationstalent. Du bist für alle möglichen Dinge verantwortlich, für den ganzen logistischen Apparat, den ein Konzert mit sich bringt.« Um sowas kümmern sich PJ Harvey, Frank Black, Björk oder die Lightning Seeds ungern selbst und rufen stattdessen lieber bei Mr. Jones an. Denn der Mann hat Nerven wie aus Drahtseilen, bewahrt auch in der Hitze der Nacht einen kühlen Kopf und zählt notfalls auch die Kaffeebohnen in die Maschine. »Du bist für das gesamte finanzielle Budget, auf dem die Tour basiert, verantwortlich. Du hast dich um die Bookings, die Soundchecks, Catering-Services und die Hotels zu kümmern.« Und dann sind da auch noch die Damen und Herren Künstler. »Letztendlich bist du es, der dafür sorgt, dass der Künstler Abend für Abend in bester Stimmung auf die Bühne steigt, damit er seinen Fans eine möglichst perfekte Show liefert.« Gar nicht so einfach, denn die Musik-Prominenz kann launisch sein. Doch über deren Marotten spricht Jones nicht. Diskretion versteht sich für ihn von selbst. »Du musst das ganze Fan- und Medien-Ding unter deine Kontrolle bringen«, sagt Jones. »Wenn du mit Mega-Acts wie den Spice Girls auf Tour gehst, versuchen Horden von Menschen vor und nach dem Gig, zu den Stars vorzudringen. Die meisten davon ohne jede Erlaubnis.«

Eigentlich hatte der 35-jährige Brite Berufsfußballer werden wollen. Mit dem runden Leder wurde es zwar nichts, dafür hat er es aber anderweitig in die Profi-Liga geschafft: Als Tourmanager für Megamega-Brit-Acts wie Placebo oder eben die Spice Girls kickt er keine Bälle mehr ins Netz, sondern faules Muckerpack aus dem Bett. Zuletzt bereiste er mit Mel B und Mel C die Stadien dieser Welt und stürzte sich in deren Backstage-Getümmel – knietief im Girls-Power-Camp.

»Angefangen habe ich als Bassist und Trompeter bei der Gruppe Black. Später habe ich dann in der Promotion-Abteilung eines Major-Labels gearbeitet«, so Jones. »Danach war ich viereinhalb Jahre lang Manager der Brit-Pop-Rocker James.« Er kennt das Musik-Biz von allen Seiten. Seine intime Kenntnis der Branche war vor allem beim Einstieg in den Tourmanager-Job hilfreich. Eine sichere Bank sind die gesammelten Erfahrungen freilich nicht. Was zählt ist die Leistung. Punkt. »Du lebst davon, dass dich ein Künstler weiterempfiehlt. Dein auf der letzten Tour erworbenes Renommee ist die Garantie für deinen nächsten Auftrag.« Langfristige Verträge? Fehlanzeige. Und so hastet der Mann von Job zu Job, von Act zu Act, von Stadt zu Stadt.

Ein Leben auf dem Flughafen – nicht jedermanns Sache, aber Jones liebt es. »Reisen ist das Schönste. Sonst wäre ich vermutlich nie zu all den Plätzen gekommen, hätte nie all diese anderen Kulturen kennengelernt. Höhepunkt für mich war ein Konzert auf dem Roten Platz in Moskau, direkt vorm Kreml. Für mich, den ehemaligen Geschichtsstudenten, ein ganz besonderes Erlebnis, mal an diesem Ort gewesen zu sein. Einmal diesen Hauch von großer Geschichte gespürt zu haben. Das war den ganzen Stress der letzten Jahre mehr als wert.«

Und Stress – davon hat man als Tourmanager reichlich. »Unterwegs kann alles Mögliche passieren. Öffentliche Streiks, die den ganzen Transportplan über den Haufen werfen. Oder die Polizei verhaftet den Künstler auf der Bühne. Hab’ ich alles schon erlebt.« Und wenn Jones dann Anwälte angerufen, die Kaution organisiert und dem musizierenden Tunichtgut ungesiebte Luft verschafft hat, dann steht das in keiner Zeitung. Ehre ja, Ruhm nein. »Eine der wichtigsten Regeln, die du nie vergessen darfst: Der Musik-Act ist der Star – und niemand sonst. Dabei ist ganz wichtig, ein Ego zu haben, das zwar selbstbewusst genug ist, sich in puncto Ablaufplan und andere Notwendigkeiten gegen die Stars zu behaupten, das in Bezug auf die Öffentlichkeit aber niemals im Rampenlicht stehen will. Der Star bekommt die komplette Medien-Publicity, Autogrammwünsche und die Ovationen der Fans.« Den Musikbiz-Annalen ist solch selbstloser Einsatz höchstens mal ‘ne Kritzelwidmung wert. Anerkennung findet anders statt. Zum Beispiel durch die Star-Klientel selbst: So war Woody Allen, dessen Tour als Jazz-Klarinettist durch Großbritannien Richard Jones leitete, von dessen Leistung so beeindruckt, dass er Jones aus Dankbarkeit in einem seiner Kinofilme mit einem kleinen Gastauftritt bedachte. Spot on: Richard Jones.