Chrysanthemen sind nein

Tour-Rider (2001)

Three chords and the truth – mit diesen beiden Zutaten lässt sich, so will es der Rock-Folks-Glaube, bereits vortrefflich Musik machen. Und wenn man dann noch eine Wanderklampfe und ein Mikrofon mit sich führt, auf dass die drei Akkorde erklingen und die Wahrheit verkündet werden möge, steht ergreifenden Konzertmomenten nichts mehr entgegen. Gitarre, Bass, Schlagzeug – mehr braucht's dann aber wirklich nicht. Denkste. Denn die Realität sieht wieder einmal anders aus.
Text: Boris Fust
»Three dollar fifty‚ a sixpack of beer – and we can dance all night«, verkündete Mick Jagger Abend für Abend auf der Still Life-Tour der Rolling Stones. Das war 1981 und schon damals so was von gelogen. Als Smokey Robinson & The Miracles diese Textzeilen von »Going To A GoGo« 1965 ersannen, mag das ja noch gestimmt haben. Aber das heutige Muckerpack wird sich kaum noch mit einem Träger Pilsener und ein wenig Taschengeld für Pfefferminz-Kaugummis zufriedengeben. Britney Spears und Michael Jackson ölen sich die Kehlen mit einer Pepsi, Christina Aguilera hingegen fängt nur mit Coke an zu jaulen. Und damit die auch die vorgeschriebene Temperatur von drei Grad hat, verschickt Christinchen meterweise Faxe an die Betreiber des jeweiligen Konzertschuppens, damit die schon mal den Kühlschrank zum Bullern bringen.
Tour-Rider heißen diese Papiere im Fachjargon, vor denen sich die Veranstalter oftmals mehr fürchten als vor den Gagenforderungen. Denn wer beispielsweise Ed Kowalczyk und dessen Jungs von Life auf seiner Gartenparty spielen lassen möchte, sollte mehr parat haben als nur das nötige Kleingeld. Als erstes schon mal einen großen Vorrat an Thermopapier. Denn bevor Life ihr trautes Heim verlassen, lassen sie über die Firma Straight Out Of York Touring, lnc. ein 20-seitiges Drahtwort durch die Telefonleitung pressen. Ed & Co. brauchen mehr als nur 30 große Flaschen Evian-Wasser (Raumtemperatur), eine Flasche guten Rotwein (Merlot, Cabernet) und einen Salat, der nicht nur aus grünen Blättern mit Tomatenvierteln besteht. Zum Beispiel zwei Kisten Bier, bestückt mit den Sorten Heineken, Amstel Lite, Bass und Beck's. Dazu lecker »FRESH AVOCADO (!!!), Kellogg's All Bran und Nutrigrain—Cereal (no raisins please)«. Styropor-Becher sind backstage unter Anwendung von Großbuchstaben nicht erwünscht (»NO STYROFOAM WHATSOEVER«), Angst vor Glasbruch ist der Band unbekannt. Eher fürchten sie sich schon vor gefährlichen Infektionskrankheiten. Deswegen fordern sie »One (1) bottle of liquid hand soap, freshly cleaned and deodorized carpeting and toilet seat covers.« Die zwei (2) Klorollen haben indes ohne Blümchenmuster und Parfümierung auszukommen.

Ganz andere Sorgen haben dagegen die Backstreet Boys. Nach einem zünftigen Abendessen mit reichlich Hamburgern und 24 Erdnussbutter-Sandwiches (wer wohl nur vier statt fünf bekommt?) ist es streng verboten, den Jungs »candy, chips, chocolate oder junk food of any kind« durch die Hintertür zuzustecken. Und zu saufen gibt es nur Cola, Fanta, Sprite – keinen Alk. Auch das Management der Ska-Legende Laurel Aitken möchte seinen Klienten gerne halbwegs trocken halten. Die Flasche Gordon's Dry Gin (»wichtig!«) darf jedenfalls nur dem Tourbegleiter ausgehändigt werden. Freien Zugang hat der Künstler allerdings zu »1 Flasche Martini bianco, Eiswürfeln, 2 Flaschen trockenen Rot- und Weißweins«. Bei Destiny’s Child trinkt ausschließlich die Band. Sechs Leute teilen sich eine Kiste Budweiser. Die Mädels brauchen nur ein wenig lce Tea im Dressing Room, für die Tänzer gibt es jeweils zwei Dosen Red Bull. Dove-Seife (10 Stück) und weiche Handtücher, schwarz (60 Stück), benutzen alle, »fresh ginger root (very important)« gibt es nur für Beyonce Knowles und ihre Freundinnen.

Doch was, wenn der Bioladen für Sick Of lt Alls Sojamilch schon zu hat, der Elektriker zu spät kommt, um noch rasch einen Dimmer für die Funzeln in der Limp Bizkit-Garderobe einzubauen (»very important — MUST BE DlMMABLE!!!«), und der Fleurop-Mann aus Versehen einen Strauß aus Chrysanthemen und Lilien geliefert hat, obwohl Elton John findet, dass diese Blumenarten zu streng riechen? Damit ein solcher Super-GAU nicht eintritt, lässt sich die Produktionsleitung von Britney Spears jede Seite des Tour-Riders vom Veranstalter abzeichnen und bis spätestens einen Monat vor Showtime zurückfaxen, »to indicate that this rider has been read, understood and agreed to.« Sicherheitshalber ruft der Produktionsmanager eine Woche nach Erhalt der Dokumente noch einmal vor Ort an, ob denn auch wirklich mit warmem Filterkaffee und Pop Tarts gerechnet werden könne. Wenn nicht, sieht’s schlecht aus.

Es sei denn, man hat soziale Kompetenz. So wie Andreas Werner, Geschäftsführer des Veranstaltungszentrums Die Weberei in Gütersloh. »Ein Strauß Blumen in der Künstlergarderobe wirkt Wunder«, erzählt er. »Roger Chapman verlangt zwar stets einen besonderen Rotwein. Aber wenn man mit ihm spricht, ist ihm das dann scheißegaI.« Nach seiner Erfahrung steigen die Forderungen nicht mit dem Bekanntheitsgrad des Künstlers. »Das ist eine individuelle Sache. Oft tun kleine Bands gerne so als ob und verlangen 20 Monitorboxen auf vier Quadratmetern. Dann muss man denen erklären, dass das Unsinn ist.«

Oliver Vordemvenne, Veranstalter zweier Techno-Festivals, hat solche Probleme nur selten. »Die DJs brauchen meist nur einen Tisch und zwei Cinch-Kabel.« Technics-Plattenspieler verstehen sich in dem Genre ohnehin von selbst, ebenso die oftmals geforderten DJM 600-Mixer von Pioneer. »Ansonsten brauchen die vielleicht zwei Flaschen Mineralwasser, das war's.« Und wenn Marusha dann doch ihren Sekt möchte, ist das kein Problem. »Anforderungen von Dom Perignon streichen wir aber rigoros. Aber die meisten trinken sowieso lieber mit den Leuten draußen an der Theke!« Und so ist es doch am schönsten: drei Mark fuffzig, ein Sixpack – and we can dance all night!