Kioskbier reloaded

So wars beim Way Back When 2016

Das Way Back When hat sich mit der dritten Auflage endgültig als eines der besten Clubfestivals des Landes etabliert: Drei fußläufig erreichbare Spielstätten, unzählige Kioske, die eine reibungslose Versorgung mit notwendigem Weg-Bier gewährleisten und nicht zuletzt das Line-up bilden eine unschlagbare Mischung. Wer es also aus Gründen mal wieder nicht zum Reeperbahn Festival schafft, wird auch in Dortmund ganz schön bedient.
Text: Thorsten Streck
Aber von vorn. Eigentlich hätte man sich am Donnerstag keinen besseren Auftakt wünschen können als Axel Flovent in der Pauluskirche. Als softer Opener macht der isländische Singer/Songwriter mit seiner Band vieles richtig. Der elektronisch angehauchte Gitarren-/Piano-Pop erinnert mit verträumter Note manchmal an Sigur Rós, ist aber alles in allem vielleicht ein bisschen zu stromlinienförmig. Die hervorragende Akustik der heiligen Hallen wird jedenfalls schon mal ausgelotet.

Erst mal rüber machen zu Palace ins FZW, der Hauptspielstätte des Festivals. Das gehypte Londoner Quartett schürt mit relaxed bluesigen Rocksongs nochmal die Vorfreude auf das im November erscheinende Debüt der Band.

Manchmal muss man aber leider auch dahin gehen, wo es weh tut. Otherkin aus Dublin markieren einen Tiefpunkt des ersten Tages. Ihr Testosteron geschwängerter Garagenrock hat außer ein paar Troggs-Akkorden und einigen Hives-Anleihen im Wesentlichen nur belanglosen Brit-Rock und jede Menge affektiertes Posertum zu bieten. Spätestens als Frontmann Luke Reilly sich seiner Oberbekleidung entledigt, treibt es einen schnell ins Domicil.

Im feinen Ambiente der ehemalige Jazz Kneipe liefert Lola Marsh eine radiotaugliche Überdosis Pop. Hätten Of Monsters And Men auch nicht besser hinbekommen. Es beschleicht einen der Gedanke, dass ein etwas düsterer Anstrich der Band um Frontfrau Yael Shoshana Cohen auch ganz gut zu Gesicht stünde.

Alex Vargas beschert unterdessen den ersten Einlasstop in der kleinen Halle des FZW. Blöd nur, wenn man sich am falschen Ende der Schlange befindet. Dann ist es auch schon Zeit für Tocotronic, den eigentlich erwarteten Höhepunkt des ersten Tages. An sich ja keine schlechte Idee, mit den Hamburgern einen wirklichen Top Act auf den Headliner Slot um 23 Uhr zu setzen – leider geht die Rechnung aber nur bedingt auf. Trotz aller Bemühungen der Band, inklusive Hitoffensive mit »Ganz schön bedient« oder »Samstag ist Selbstmord«, springt der sagenumwobene Funke einfach nicht über. Die große Halle bleibt wohlwollend mäßig gefüllt und spätestens bei »Aber hier leben, nein danke«, denken sich schon viele Anwesende eher »Aber länger bleiben, nein danke«. Hier rächt sich die späte Uhrzeit und die Tatsache, dass Konzerte unter der Woche in Dortmund per se meist spärlich besucht sind. Die Band wirkt verheizt und im nächsten Jahr sollte man eine Verkürzung des Festivals auf zwei Tage durchaus in Betracht ziehen.

Am Freitag macht sich hingegen der deutlich gestiegene Zuschauerandrang vom ersten Act an bemerkbar. We Are Scientists präsentieren einen intelligenten, scharfkantigen, Rockentwurf und ebnen das Feld für die Schotten von We Were Promised Jetpacks. Die sind einfach nur übergroß und aus subjektiver Sicht vielleicht das Highlight des Festivals. Ein hypnotisch ineinander fließendes Set aus Postrock und Wave-Gitarren, das von gewaltigen Drums immer wieder nach vorne geprügelt wird. Schon erstaunlich, welch stimmliche Entwicklung Frontmann Adam Thompson in den letzten Jahren gemacht hat. Ein einstündiger Endorphinschock. Kein Wunder, dass die Halle nicht erst beim All-time-Klassiker »Quiet Little Voices« kurz vorm Überkochen steht.

Isolation Berlin untermauern in der Folge ihren Status als derzeit beste deutschsprachige Gitarrenband. Eine perfekte Balance zwischen abgefuckter (Post-)Punk-Attitüde und Depri-Wahn. Besser wird’s an diesem Wochenende nicht mehr! Am späten Freitagabend stellen sich die Augustines als echter Publikumsliebling heraus. Sympathiepunkte sammeln die New Yorker nicht nur, als sie ein Geburtstagskind aus dem Publikum bei einem Song auf der Bühne mitwirken lassen. Die Band schrammelt sich in U2 Manier und Schnaps getränktem Timbre gefällig Richtung Stadiontor und hat das Publikum dabei jederzeit fest im Griff.

Endspurt dann am Festivalsamstag. Den Auftakt machen Giant Rooks. Der Sound der Hammer Jungs pendelt irgendwo zwischen Alt-J und James Blake und ist jede einzelne Vorschusslorbeere wert.

Von Wegen Lisbeth sind so eine Art Antithese zu Isolation Berlin, am ehesten zu verorten als eine Art Berliner Bilderbuch, aber ohne deren extrovertierten Glamfaktor. Der funky Indiepop des Quintetts  funktioniert bestimmt ganz gut, wenn die Studenten WG-Party mal ins Stocken gerät, hat aber nicht mal ansatzweise die Dringlichkeit und Roughness der Isos. Tut halt keinem weh, außer vielleicht dem eigenen Trommelfell, da die Band hauptsächlich durch übertriebene Lautstärke im Gedächtnis bleibt. Aber was soll’s, die Leute wollen das, wie sich an der hart abfeiernden Crowd zeigt.

The Boxer Rebellion dürfen sich getrost als einer der Gewinner des dritten WBW betrachten. Die Londoner verweben klassische Britpop-Strukturen, Tribal Drums und elektronische Ansätze zu einem dynamischen Popkonstrukt, das in seiner atmosphärischen Dichte oftmals an die frühen Editors erinnert.

Back im Domicil kann Blaudzun’s progressiver Popentwurf dann auf ganzer Linie überzeugen. Die komplexen Arrangements des Niederländers haben die Grenzen des Americana längst gesprengt und zitieren in ihrer orchestralen Opulenz oftmals einen artifiziellen Arcade Fire Anspruch.

Kakkmaddafakka hissen als Headliner schließlich ihre Flagge. Der auf shuffelnden Drums basierende, extrem beatlastig-tanzbare Indiepop der Norweger verwandelt die Halle binnen kürzester Zeit in eine riesige Tanzfläche und entlässt zahllose strahlende Gesichter in die anschließenden Nachtaktivitäten. Es wäre ein runder Abschluss des Festivalmarathons gewesen, hätte man nicht quasi im Vorbeigehen noch ein kleines Juwel entdeckt: Die niederländische Psychedelic/ Shoegaze Combo Pauw wartet mit einer derart unverschämten Fülle an schimmernden Hooklines auf, dass man sich einfach nicht zum Gehen aufraffen will. Scheiß noch einmal auf die müden Knochen! Dann aber endlich Deckel drauf.

Much love noch an großartige Bands wie Vimes, Parcels, Immanu El, Wintersleep, oder The Slow Show deren Auftritte wegen obligatorischer Überschneidungen oder auch Bierproblematiken versäumt worden sind. Es existieren bestätigte Ohrenzeugenberichte, dass ihre Shows allesamt nicht weniger als wunderbar gewesen sind. In diesem Sinne: Man sieht sich 2017 zwischen den Kiosken!