Barfuß und mit Mütze am Klavier

So war’s beim Sonic Visions 2016

Im Stadtquartier Belval in der Nähe von Esch-sur-Alzette findet einmal im Jahr der Pflichttermin für Nachwuchsbands aus Luxemburg und der »Greater Region« statt. Wir waren beim Sonic Visions und nicht nur von der Aussicht beeindruckt.
»Hast du kalte Füße?« die Frage meines längst verstorbenen Opas kommt mir in den Sinn. Er hat sie mir immer gestellt, wenn ich im Haus einen Hut oder eine Mütze getragen hab. Hier in Belval würde er, wäre er hier, diese Frage jedem zweiten stellen können. Der Wind pfeift zwischen der alten, umgebauten Stahlindustrieanlage, die Accessoires auf den Köpfen der vielen anwesenden Musikerinnen und Musiker sind nicht ganz unberechtigt. So manchen hört man seufzen und sich an die wärmeren Festivals erinnern. Aber –– so viel sei verraten –– die Stimmung des Sommers kommt später wieder auf.

Das Sonic Visions ist insbesondere an den ersten Tagen vor allem Konferenz und Treffpunkt für die Musikbranche der Benelux-Staaten, Frankreich und Westdeutschland. Viele Bands laufen hier herum, kommen mit VeranstalterInnen, BookerInnen, Label-Menschen und JournalistInnen ins Gespräch und verteilen fleißig Demo-CDs. Bei den verschiedenen Panels können sie und eigentlich alle Anwesenden einiges lernen. Wir diskutieren über Musikjournalismus im digitalen Zeitalter und hören dem wahnsinnig unterhaltsamen Vortrag von Claire Mas von Communions Music zu, die uns einiges in Sachen Social Media erklärt. Das ist nicht nur für Bands interessant, auch alle anderen nehmen einiges mit. Zum Beispiel, dass viele Labels und Promoter es verschlafen, ihre Aktionen für die verschiedenen Social-Media-Kanäle anzupassen. Poster, die eigentlich für einen A0-Druck gedacht sind, eignen sich nicht so gut für Twitter und Facebook, um nur ein Beispiel zu nennen.
Musikalisch gibt’s an den ersten beiden Abenden Programm von Newcomern. Der zauberhafte Indie-Pop von When ’Airy Met Fairy könnten vielen bereits von einigen Festivalauftritten bekannt vorkommen, Rome poltern sich postrockig durch ihr Set und am Freitag bekommen vor allem Fans von instrumentalem Lärm dank No Metal In This Battle ordentlich was um die Ohren gehauen. Toll! Und sowieso, die Bands können sich glücklich schätzen, hier zu spielen. Nicht nur, weil das Publikum so empfänglich ist, nein, der Sound ist auch ausschließlich brillant, dabei ist die Rockhal selbst an den ersten beiden Tagen noch nicht eröffnet, die Shows finden nebenan statt. Freitag gehört das große Konzerthaus noch anderen Musik-Fans, die Red Hot Chili Peppers spielen –– leider nicht im Rahmen des Festivals.
Am Samstag warten vor den Headlinern noch ein paar spannende Newcomer auf die Festivalbesucher. Edsun zum Beispiel beeindruckt nicht nur dank seiner großartigen Michael-Jackson-Gedächtnisstimme, sondern auch mit seiner interessanten Frisur. Die Haare sind vorn auf dem Kopf drapiert –– kein Hut für diesen jungen Mann. Jake Bugg bringt nebenan das immer größer werdende Publikum zum Tanzen mit seinen Hits »Lightning Bolt« und »Bitter Salt«. Man fragt sich, wie alt dieser Typ ist, so schmächtig wie der da steht in seinem schlichten Shirt.
Letzter Headliner sind die Lumineers. Mag sein, dass ihre Songs auf den beiden Alben ein wenig gleichförmig daher kommen, dass die Band aus den USA auf das Erfolgsrezept ihrer ersten Hitsingle »Ho Hey« setzt. Live jedoch erwärmen sie die kalten Winterherzen. Die Menge klatscht und tanzt und singt und vergisst kurz, dass wir in einer Halle sind und nicht unter freiem Himmel. Das ist schön und ansteckend. Und nochmal: Wie gut ist der Sound, bitte? Jeder Strich auf den Cello-Saiten ist perfekt zu hören, jeder Anschlag auf dem Klavier, jeder Ton des Basses. Die Band spielt zum ersten Mal in Luxemburg und strahlt Spaß und Spielfreude aus. Die Musiker und die Musikerin grinsen sich verschwörerisch zu, wechseln die Plätze, der Pianist spielt barfuß, aber mit Mütze (was ist denn bloß los mit euch??)– und hüpft auf sein Instrument und später mit der Mandoline in der Hand auf die Boxen und, ach, es ist ein Fest. Ein wirklich schönes, buntes, leichtes Fest.

Am Ende feuern zwei Konfettikanonen noch weiße Schnipsel in die Rockhal. Davon schweben dank der Belüftung bis zum Schluss Reste in der Luft. Leise rieselt der Papier-Schnee, gut, dass auch hier alle Mützen und Hüte tragen, allen voran die Bandmitglieder. Aber ein bisschen Leichtigkeit und Wärme hat ja noch nie geschadet, erst recht nicht, wenn draußen der Winter und die trübe Realität warten.