Noch ein Schlückchen Rotwein

So waren Mogwai live in Köln

Mogwai-Gitarrist Stuart Braithwaite sagt eigentlich nur »Danke« oder »cheers« und nippt an seinem Glas Rotwein. Animation oder auch nur Interaktion hätte hier auch keiner erwartet. Das in den 90ern sozialisierte Publikum mag ihre Band so schottisch-spröde wie über Jahre liebgewonnen.
Text: Carsten Schumacher ,
Foto: Valentin Erning
17.10.2017, Köln, E-Werk

Als Kurt Cobain mit Nirvana 1991 im Queen Margaret Union an der Uni von Glasgow spielten (ein heute mythisch verklärtes Konzert wie fast alle Gigs dieser Zeit), hatte sich der 15jährige Stuart Braithwaite noch bei seinen Eltern erbetteln müssen, dass der gerade erst verhängte Stubenarrest um einen Tag verschoben wird. Der Mogwai-Gitarrist und –Gründer ist ein typisches Kind der 90er Jahre so wie eigentlich alle im E-Werk des 17. Oktober 2017. Überall sieht man verwaschene T-Shirts einer in die Jahre gekommenen Gegenkultur, deren Träger ihre Smartphones in einer Konzertsituation tatsächlich stecken lassen und sich beinahe kindlich auf eine einsilbige schottische Band freuen, die sich in typischer 90s-Haltung jeder Pose erwehren, die den Verdacht auf Anbiederung ans Publikum mit sich zöge. Würde man sich nicht so gut kennen, man könnte meinen, die Band habe kollektiv Zahnschmerzen, aber hier steigert die Verweigerung der Protagonisten nur die Sympathien des Publikums. Was in der Liebe zweier Menschen eher ungesund wäre, hat in den 90er Jahren halt immer prima geklappt.

Und auch wenn Mogwai weit davon entfernt liegen, nur noch dem Schatten einer weit zurückliegenden Hochphase hinterher zu laufen, geht auch an ihnen die Zeit nicht spurlos vorbei – nicht künstlerisch, sondern eben körperlich. Gründungsmitglied Martin Bulloch fühlt sich nicht wohl, für ihn springt die Honeyblood-Schlagzeugerin Cat Myers (ebenfalls Schottin) ein. Für John Cummings, der die Band im November 2015 verließ, spielt Alex Mackay Gitarre und Synth. Sein im Vergleich jugendlicher Anblick lässt erstmal vermuten, die Band würde das strapaziöse Touren langsam schon den eigenen Kindern überlassen, aber tatsächlich führte Mackay eine mehrjährige Zusammenarbeit mit Zyna Hel (Künstlername von Stuart Braithwaites Freundin Elizabeth Oswell) in den Live-Kader von Mogwai. Sein Agieren, gerade in den lauteren Passagen, wirkt neben der bandtypischen Verweigerungshaltung gegenüber Rock-Posen schon fast überambitioniert.

Doch laut war es diesmal eigentlich nicht. Schon gar nicht im Vergleich zu den Gigs in den 90er Jahren. Das Konzert beginnt hauptsächlich mit Material von »Every Country’s Sun«, nur kurz unterbrochen von »I’m Jim Morrison, I’m Dead« vom 2008er Album »The Hawk Is Howling«. Das vierte Stück, »Party In The Dark« von »Every Country’s Sun«, wäre ein absoluter Hit in jeder Alternative-Disco der 90er gewesen – mit Sicherheit in UK, aber auch hier. Live ist das Potenzial noch deutlicher.

Eine Hälfte des heutigen Sets an diesem Abend stammt von »Every Country’s Sun«, die andere Hälfte setzt sich zu je einem Song aus sieben verschiedenen Alben zusammen.
Der Mittelteil ist besonders stark mit einem großartigen »Rano Pano« vom 2011er »Hardcore Will Never Die, But You Will«, gefolgt von »Hunted By A Freak« aus dem 2003er »Happy Songs For Happy People«. In der Zugabe kommen »Remurdered« von »Rave Tapes« und als Closer und Klassiker »Mogwai Fear Satan« vom Debüt »Young Team«. Als letzterer in seiner epischen Länge gegen Ende ganz plötzlich nochmal auf volle Lautstärke hochgeht, kriegt der Security-Mann im Graben fast einen Herzinfarkt. Mental war er halt schon im Feierabend, was man von dieser Band absolut nicht behaupten kann.