In den Sonnenuntergang

So waren Manowar live in Köln

Kann es eine Metal-Welt (Scheibe) ohne die Kings of Metal geben? Meinen Manowar es mit ihrem Abschied auf der »The Final Battle World Tour« wirklich ernst? Werden sie am Ende auf Pferden in den Sonnenuntergang reiten oder per Bühnen-Aufzug nach Valhalla in Rente gehen? So war das Konzert in Köln …
Text: Carsten Schumacher ,
Foto: Magic Circle Entertainment
05.12.2017, Köln, Palladium

Der Gazestoff vor den Bühnenaufbauten lässt den Blick auf die Heldentaten vergangener Zeiten zu. Männer, Muskeln, Motorräder (manchmal auch Pferde, aber die versauen hier die Alliteration). Und Fans. Immer wieder Fans. Dazu läuft feinste Sandalenfilm-Musik. Manowar müssen als kleine Band mal in einen Kessel voll Pathos gefallen sein. Oder Testosteron. Womöglich sogar beides zusammen. Sie gehören dennoch seit den 80er Jahren fest zum Kanon jener Inner-Circle-Bands des Heavy Metal, die eine Art Kutten-Konsens darstellt, deren Aufnäher wie selbstverständlich zwischen Maiden-Backpatch und Metallica-Logo (das alte natürlich!) zu finden sind. Bandleader Joey deMaio hält Richard Wagner für den Erfinder des Heavy Metal, hat das bandeigene Studio »Haus Wahnfried« getauft, seine Fotos im Fell-Slip (vgl. »Into Glory Ride« von 1983) sind legendär. Jetzt ist DeMaio allerdings 63 Jahre alt, zeigt sich heute auch nicht mehr oberkörperfrei, ist dafür aber immer noch Herr seiner acht Basssaiten, die beim Eröffnungssong »Manowar« allerdings noch weitgehend geschont werden.

Es ist schwer mit einem Manowar-Konzept zu altern. Die Krieger in den Songtexten gehen schließlich auch nicht in Rente und erfreuen sich einer stetig wachsenden Briefmarkensammlung. Sänger Eric Adams ist ebenfalls 63 und seine Leder-Weste kann einen kleinen Bauchansatz nicht verhehlen, während seine Stimme langsam an Fahrt gewinnt und er dem Blut seiner Feinde ein Ständchen bringt. Es ist wie bei Arnold Schwarzenegger: Man kann nicht ewig Terminator sein, irgendwann sucht man sich ein zweites Standbein in der Politik (wir wollen an dieser Stelle Odin, Thor und allen Wallküren danken, dass Joey und Eric diese Job-Alternative bislang für sich ausgeschlossen haben!). Konsistent wäre ein heldenhafter Tod im Kampf aka auf der Bühne mit anschließendem Valhalla-Freifahrtschein, nur wie soll das gehen? Ein Motorradunfall? Manowar kommen schon seit Jahren nicht mehr mit den Harleys auf die Bühne, auch wenn sie sich in so vielem treu bleiben.

Nach »Mountains« kommt der 52jährige Gitarrist Karl Logan zum Zug. Unter dem Titel »Fallen Brothers« werden die Toten des Metal geehrt, allen voran natürlich Richard Wagner. Ronnie James Dio bekommt besonderen Applaus aus den Reihen der Kuttenträger. Logans Finger fliegen hin und her übers Griffbrett, man kommt bei ihm schnell zu dem Schluss, dass er nach gespielten Noten bezahlt wird. Die Szene gipfelt in der legendären »Kings of Metal«-B-Seite »Herz aus Stahl«. Ein Metalhead hat seine zierliche Freundin, ebenfalls Kuttenträgerin, auf die Schultern genommen, die dort vor Eifer und Hingabe fast zerspringt, was niemand hier hinterfragen würde, selbst wenn die Pathos-Nadel mal wieder mit Wucht über das Ende der Skala hinausschießt. »Schlag die Schlacht/ Leb wie Du willst/ Ich kenn' keine Not/ Und keine Angst vorm Tod.«

Die leidliche Phase der Stefan Raab’schen Ironisierung des Themas Manowar ist ja glücklicher Weise vorbei. Wer hier seine 90 Euro plus Vorverkaufsgebühr hingeblättert hat, ist nicht gekommen, um jene auszulachen, die hier der Band zum Gruß über Kopf mit einer Hand das Handgelenk des anderen Armes umfassen. Dafür gibt die Band auch alles, was im gestählten Energiehaushalt abrufbar ist. Über zwei Stunden wird hier Song an Song gereiht, »Kings of Metal«, »Kill With Power«, »Sign Of The Hammer« bis »Battle Hymn«. Es ist genau die cartooneske Band, die hier alle in ihr Herz geschlossen haben, die ritualisiert interagiert und deren Texte alle auswendig können. Wäre sie ein Film, wäre sie eine Marvel-Verfilmung. Cineasten mögen die Nase rümpfen, aber der Kinosaal hat trotzdem Spaß und niemand fragt anschließen: Das meinen die doch ironisch, oder?

In der Zugabe geht nochmal die »Hail and Kill«-Party los und alles gipfelt dann in der freudigen Raserei von »Black Wind, Fire and Steel«. Dann reißt Joey Saite für Saite von seinem Bass runter und überreicht sie ausgesuchten Fans (einige davon wohl weiblich, wie man anhand einer gewinnenden Geste erkennen kann, bei der seine Zunge zwischen Zeige- und Mittelfinger tänzelt). Wirklich angenehm an diesem Abend war, dass die Band bei ihrem Ritt durch die Diskographie Song an Song gereiht und weitestgehend auf Ansprachen verzichtet hat, wodurch auch der Macho-Level an diesem Abend auf ein gerütteltes Maß gesenkt werden konnte.

Schließlich rundet »The Crown And The Ring (Lament Of The Kings)« den Pathos-Zyklus ab und via Projektion wird den Fans noch mitgeteilt, das Joey DeMaio bald auf Lesereise gehen wird, um die wirklich wahre Geschichte von Manowar zu erzählen. Und genau das könnte den würdigen Abschluss bedeuten: Die Helden reiten von der Bühne in den Sonnenuntergang, setzen sich ans Lagerfeuer und beginnen episch von ihren Heldentaten zu erzählen bis man sie dereinst zu Ruhe bettet. Wenn sie’s nicht noch vermasseln und wie die Scorpions nach der Abschiedstour nochmal durchstarten und einfach weitermachen, als wäre nie von einem Ende gesprochen worden. Dann doch lieber ein Manowar-Musical...