Keine Zeit für Geplänkel

So waren Idles live in Köln

Wenn man schon mit nacktem Oberkörper und Schweiß-Handtuch um den Hals die Bühne betritt, bevor auch nur eine Note gefallen ist, will man wohl keine Zeit mit Geplänkel verlieren. Idles aus Bristol wissen, was sie tun.
Text: Carsten Schumacher
Mark Bowen sieht aus wie Eugene Hütz von Gogol Bordello: Lockiges Haar, spitzbübisches Gesicht, massiver Schnauzbart. Zudem ist er halbnackt, hat eine recht runtergerockte Stratocaster mit einem Regenbogen-Gurt auf Achselhöhe vor die Brust geschnallt und besagtes Handtuch lässig über den Schultern hängen. Wären nicht kurz zuvor noch Hope aus Berlin auf der Bühne gewesen, um das aufgeschlossene Publikum mit ihrer Performance zu beeindrucken, man hätte glauben können, die Idles-Show verpasst zu haben, und zur Zugabe eingetroffen zu sein. Doch Bowen ist nicht verwirrt, er ist im Gegenteil gut vorbereitet, denn der Schweiß rinnt relativ pünktlich nur wenige Minuten später an seinem haarigen Körper herab.

Idles meinen es ernst, sehen nur nicht so aus. Eigentlich sind sie schon fast ein Wes-Anderson-Film für sich mit dem rotbärtigen Glatzkopf Adam Devonshire am Bass, dem lieblich verspulten Hippie Lee Kiernan an der Rhythmus-Gitarre, dem stets auf Krawall gebürsteten Joe Talbot am Mikro, besagtem Bowen mit seinem Ion-Tiriac-Schnäuzer und Schlagzeuger Jon Beavis, der vom Look her in dieser Runde eher im Verdacht stünde, von den anderen als Geisel genommen worden zu sein, würde er nicht immer wieder die Anmut der Besessenen für sich finden. Man könnte diese Band vom Fleck weg verfilmen und das Tolle: Im Gegensatz zu Filmbands, die anschließend live auftreten, ist diese Band absolut ungekünstelt, geht nachvollziehbar risikofreudig in den Vollkontakt.

Das Publikum hat an diesem Abend die vermeintliche Altersgrenze für Punk überschritten, was aber nur am Trugschluss liegt, dass sich Punk und graue Haare ausschließen könnten. Dass es ein Crowdsurfer mit über den Kopf gezogenen T-Shirt von der Bühnenkante bis zum Ausgang schafft, zeigt deutlich, dass hier alles okay ist. Mehr noch: Ohne das Gefühl zu bekommen, dass die Band sich hier wegen einer TV-Aufzeichnung (WDR Rockpalast) besonders ins Zeug legen würde, gewinnt man vom Fleck weg den Eindruck, beim Konzert einer besonderen Band dabei sein zu dürfen. Absolut unverkrampft, absolut überzeugend.

Denn es ist eben mehr als Tattoos und Klamauk, mehr als die Frage »Ist das noch Post-Punk?« und ein Schmunzeln über diesen lustigen Working-Class-Akzent. Das Grollen hat Substanz und bricht heraus in Zeilen zur Zeit wie:

Sexual violence doesn't start and end with rape
It starts in our books and behind our school gates
Men are scared women will laugh in their face
Whereas women are scared it's their lives men will take
(Mother)
Und gerade als Teile der Band im Publikum aufgehen und man nur noch eine einsame Gitarre über den Köpfen Bahnen ziehen sieht, hat Punk gesagt, was Punk zu sagen hatte und die Lichter gehen an. Nuff said. Keine Zeit für Geplänkel eben.