»Wir haben immer noch die Wasserwerfer!«

So waren die Rolling Stones live in Düsseldorf

Schnell nochmal die Stones sehen, bevor auch das nicht mehr geht! Das Ikonensterben der jüngeren Vergangenheit macht nervös. Die Rolling Stones haben damit allerdings nichts am Hut. Keith Richards trägt ein T-Shirt mit dem Aufdruck »Do not x-ray« und lässt sein spöttisches Grinsen durch die Falten blitzen.
Text: Carsten Schumacher ,
Foto: Iris Edinger
09. Oktober 2017, Düsseldorf, Esprit Arena

Der Innenraum der Esprit Arena ist voller Menschen, deren letzter Konzertbesuch deutlich vor dem Rauchverbot lag. Die Schwaden wabern über 45.000 Besucher und nicht jeder Rauch war früher Tabak. Manche der weißhaarigen Männer tragen einen Pullunder, andere haben ein altes Stones-Tourshirt aus den 70ern übers Hemd gestreift. Viele Paare sind hier, einige könnten sich bei den Stones kennengelernt haben, einige haben ihre Kinder mitgebracht. Bei weitem nicht alle kommen aus Düsseldorf. Ein paar Männer unterhalten sich auf Schwäbisch darüber, wen sie in ihrer letzten E-Mail-Kommunikation CC gesetzt haben, andere machen Selfies. Auf dem Rang werben die Stadtwerke Düsseldorf mit dem Slogan »Mitten im Leben«.

Auf der Bühne versucht Jay Buchanan, der Sänger der Rival Sons, möglichst erdig und authentisch zu wirken. Die Band hat den Opener-Job schon bei AC/DC, Deep Purple, Alice Cooper, Black Sabbath und Kid Rock geübt, sie ist Arenen-gestählt. Buchanan beglückwünscht das Publikum dazu, sein Geld in »something real«, nämlich Rock’n’Roll investiert zu haben. Die Leute auf den Plastiksitzen der Esprit-Arena sehen das genauso und klatschen lauter als nach den Songs der Band.
Rolling Stones live in Düsseldorf, 09.10.2017
Bild: Iris Edinger
In der Pause zeigen die gigantischen Screens das ikonische Stones-Logo, die Zunge, auf gelbem Grund. Die Lux-Zahl am Anschlag, das Gelb dröhnt. Mit dem Wechsel zu Rot schießt bei den 45.000 der Puls in die Höhe. »Hu-hu!« Der Anfang von »Sympathy For The Devil« wird genüsslich in die Länge gezogen. »Hu-hu!« Die Percussions peitschen auf. »Hu-hu!« Als der 74jährige Mick Jagger mit seinem mächtigen Energielevel auf die Bühne tänzelt, um sich als Mann von Wohlstand und Geschmack vorzustellen, gibt es kein Halten mehr, der wenig später aufkreuzende, ein Jahr jüngere, Keith Richards macht das Glück perfekt. Der 76jährige Charlie Watts und Ronnie Wood, mit 70 Jahren das Küken der Band, alle sind sie da. Nach all den Verlusten der jüngeren Zeit von Bowie bis Petty, kann man fast von aufkeimender Erleichterung sprechen.

»It’s only Rock’n’Roll, but I like it« – wenn Mick Jagger künstliche Hüftgelenke verkaufen würde, er wäre Marktführer. Der Archetyp eines Frontmanns am vorderen Bühnenrand wirbelt wie eh und je, zeigt sich alles andere als fußlahm und zwischen ihn und der Message des Songs passt kein Blatt Papier. Der Rest der Band wirkt keineswegs statisch, aber bleibt gern in direktem Kontakt zueinander. Die Spielfreude lässt die Augen blitzen. Der aristokratische Charlie Watts, der wirkt, als würde er jeden Bengel, der eine von Jaggers Textzeilen im normalen Leben aussprechen würde, sofort ohrfeigen oder Ronnie Wood, der wohl älteste Teenager der Welt und nicht zuletzt Keith Richards, dessen Frisur immer so wirkt, als wäre er gerade aus dem Bett gekommen und dessen Stirnband mit den Farben Abessiniens wie ein Gruß an die kommende Jamaika-Koalition wirkt – sie blühen in ihren Songs auf und suchen die Augen des anderen. Während andere Bands schon bei der Tour zum dritten Album in getrennten Nightlinern fahren, um sich nicht mehr sehen zu müssen, hocken die Stones immer noch auf einem Haufen und achten auf die Verbindung. Watts thront mitten drin im frisch gebügelten weißen Hemd, hält die Sticks immer noch wie ein Jazz-Schlagzeuger und wann immer er die Snare spielt, setzt die andere Hand an der Hi-Hat aus, so dass man kurz Angst bekommt, bei seinem Herzschlag könnte dasselbe passiert sein. Aber wann immer einer der anderen Bandmitglieder ihm die Sicht auf Jagger verdeckt, reckt er den Hals, auch nach all den Jahren, um schnell genug reagieren zu können, wenn der Sänger ein Zeichen gibt. Die Band lebt, sie spult nicht herunter, das ist ihr Geheimnis.
Profis sind die Stones natürlich auch. Abgebrüht in der Interaktion. Ein »Düsseldorf Helau« von Jagger als Freundschaftsangebot geht etwas im Trubel unter. Wenig später fragt er, ob auch Fans aus Köln angereist seien und setzt dem Johlen ein verschmitztes »Kölle Alaaf!« nach. Er kennt sich eben aus. Der Höflichkeit halber fragt er auch noch nach Zugereisten aus Essen und Dortmund. Und es kommt, wie es bei solchen Spielchen kommen muss: Ein paar Sauerländer stehen in der Ecke und sind beleidigt, dass sie hier mit keiner Silbe Erwähnung fanden.

Die Stones waren zum ersten Mal 1965 in Düsseldorf und haben von damals ein Zeitungsfoto mitgebracht, das zeigt, wie allzu wagemutige Fans damals mit Wasserwerfern der Polizei vom Rollfeld des Flughafens vertrieben wurden. »Wir haben immer noch die Wasserwerfer!«, scherzt Jagger in erstaunlich sicherem Deutsch. Der Höhepunkt des Lokalkolorits (bzw. des Schmeichelns) findet sich versteckt in der Vorstellung der Band, als nämlich Jagger zu Ronnie Wood kommt und sagt, dieser sei »nicht der halbe, der ganze Hahn« (eine Anspielung auf regionale, »halve Hahn« genannte, Roggenbrötchen mit Käse, saurer Gurke, Zwiebeln und Senf).

Bei ihrem vierten Besuch in Düsseldorf, auf dieser »No Filter«-Europatour eben, spielen sich die Stones durch ein Best-of-Set, das die Fans teilweise mitbestimmen konnten. Höhepunkte sind neben dem von Richards gesungenen Song »Slipping Away« und einer ausufernden »Midnight Rambler«-Version der Song »Gimme Shelter« vom 1969er Album »Let it bleed«, den Jagger mit der Background-Sängerin Sasha Allen im Duett singt. Allen dreht dabei richtig auf und fordert Jagger heraus, was bei Wood anerkennendes Staunen und bei Richards zudem noch Belustigung hervorruft, weil Jagger sich lang machen muss, um dagegen nicht blass zu wirken. Bei all den Nachteilen einer Arena-Show dieser Größenordnung: Man erkennt auf den riesigen Bildschirmen immer wieder sehr gut, was da in den faltigen Rock’n’Roll-Gesichtern vor sich geht und es macht Spaß, dem beizuwohnen.
Konzert: Rolling Stones live in Düsseldorf, 09.10.2017
Bild: Iris Edinger
Nach knapp zwei Stunden geht die Show mit der Zugabe »(I can’t get no) Statisfaction« zu Ende, die Band verbeugt sich, tritt ab und rechts und links der Bühne wird eine Art Tischfeuerwerk für Mehrzweck-Arenen gezündet, das unter lautem Knallen übelriechenden Qualm produziert. Auf den Bildschirmen erscheint wieder das Logo und wie zum Trotz die Worte »Bis bald«.