Eine Reise zum legendären Festival unterm Zuckerhut

So war Rock in Rio 2017

Rio de Janeiros Flughafen ist nach dem größten Sohn der Stadt benannt. Antonio Carlos Jobim erfand den Bossa-Nova und das »Girl from Ipanema«, seine blankgegrapschte Statue steht am dazugehörigen Strand. Seit mehr als 30 Jahren jedoch pilgern seine Landsleute zum traditionsreichen Rock in Rio, um sich dort die größten internationalen Hardrockstars zu gönnen. Das Festival ist ein südamerikanisches Phänomen und repräsentiert einen besonderen Zugang zur Lieblingsmusik des Landes. Alexander Dahas schwang sich in den Flieger nach Rio, um sich vor Ort einen Sonnenbrand, einen Plattfuß und 1001 bunte Eindrücke zu holen.
Text: Alexander Dahas ,
Foto: Marques Pluseira
Eigentlich ist es genau so wie John Travolta in »Pulp Fiction« gesagt hat: »Die haben dort denselben Scheiß wie hier, nur läuft da alles ein bisschen anders.« Unter anderem größer. Und traditioneller. Seit zum ersten Rock in Rio 1985 mehr als eine Million Besucher aufkreuzten, um Hardrock-Größen wie AC/DC, Queen, Iron Maiden und Whitesnake zu sehen, gilt das Event als ein Spektakel der Superlative, das Südamerika praktisch im Alleingang auf die Festival-Landkarte malte. Damals waren so viele Zuschauer nötig, um die geringe Kaufkraft der Bevölkerung aufzufangen und die von einem Brauerei-Riesen inszenierte Rock-Woche zu einem finanziellen Erfolg zu machen. Von der Kasse-durch-Masse-Politik sind die Veranstalter seit damals ebenso wenig abgerückt wie von der musikalischen Geschmacksrichtung: Mit Aerosmith, The Who, Bon Jovi, Guns n’ Roses, Alice Cooper, Def Leppard und den Red Hot Chili Peppers stehen Acts auf der Bühne, die auch vor 30 Jahren schon eine gute Figur gemacht hätten. Brasilien, davon können von Metallica bis zu den Toten Hosen alle ein Lied singen, ist nämlich nach wie vor durch und durch Rock’n’Roll-Land, genießerisch geknechtet von harpunenscharfen E-Gitarren.

Der sehr unironische Zugang zu den Monsters of Rock spiegelt sich bereits im Outfit des Publikums wieder. Das Durchschnittsalter der Anwesenden dürfte kaum mehr als 20 Jahre betragen, und ihre Garderobe ist genauso straff wie ihre Epidermis. Die Metal-Regel, der zufolge man auf Konzerten nie das jeweilige Band-T-Shirt, sondern besser das einer artverwandten Combo tragen soll, ist hier außer Kraft gesetzt. Wenn Bon Jovi spielen, trägt man auch Bon Jovi. Und zwar zu Zehntausenden. Bei weiblichen Anhängern wird dieses Outfit durch schwarze Netzteile ergänzt, die bei Temperaturen von bis zu 35 Grad einerseits sinnvoll, andererseits etwas gruftimäßig wirken. Die jungen Männer tragen derweil die Max-Cavalera-Gedächtnis-Cargo-Pants, um ihre strammen Waden zur Schau zu stellen. Lustig am Rande: Die flächendeckenden Tattoos, die hierzulande bereits Bravo-Leser begeistern (in der Hafengegend muss man inzwischen am meisten Angst vor denen haben, die nicht tätowiert sind), sieht man selten in Rio de Janeiro; dort ist man offenbar noch ganz in der Selfie-Stick-Phase.

Natürlich gibt es nichts Schlimmeres, als wenn einem Touristen den eigenen Lifestyle erklären, aber auch das ist eben auffällig bei Rock in Rio: An der hier präsentierten Ordnung, Disziplin und Sauberkeit könnten sich die Hilfssheriffs aus den deutschen Kommentarspalten ein ganzes Sommerloch lang den Unterleib reiben. Mal eben 120.000 Menschen zum Festivalgelände transportieren? Kein Problem für eine riesige, unlollapaloozamäßige Busflotte! Das weitläufige Olympiagelände mit Kunstrasen pflastern, damit alle weich stehen und sitzen können? Gebt uns eine halbe Stunde! Ein Sicherheitskonzept erstellen, das ohne die als unzuverlässig und korrupt geltende Polizei funktioniert? Der Profi-Sicherheitsdienst macht ganze Arbeit. Das anwesende Publikum ist dazu passend auf fast unheimliche Art freundlich. Nirgendwo Alkoholleichen, keinerlei Gewalttätigkeiten in Sicht, nirgendwo eine latent übergriffige Atmosphäre. Stattdessen volle Konzentration auf die Musik.
Die wenigsten Brasilianer können Englisch, aber die meisten können mitsingen. Bei Alice Cooper, der gleich drei seiner Gehstöcke ins Publikum schmeißt und mit 69 Jahren noch athletisch in den Ring steigt. Bei Def Leppard, die praktisch ihr ganzes Erfolgsalbum »Hysteria« in kryogener Frische aufführen und »Pour Some Sugar On Me« so charmant bringen, dass man nachträglich ein kleines bisschen sauer auf Kurt Cobain wird. Und bei Aerosmith, die den ersten Festivaltag mit dem Doppelschlag »Dream On/Walk This Way« beenden. Wer sein Pipi einhalten kann und genügend Zeit mitbringt, kann es schaffen, Steven Tyler und Co aus nur 600 Metern Entfernung zu sehen, davor ist alles dicht gedrängt von Menschen, denen das hier definitiv mehr bedeutet als dem Berliner Festivalschnösel mit fünf Einlassstempeln auf dem Handgelenk. Genau: Diese Stadt scheint ein großes Herz zu haben.

Und leider auch große Probleme. Seit den bunten Tagen von Olympiade und WM hat in ganz Brasilien ein beispielloser Wirtschaftskater eingesetzt, der sich nicht übersehen lässt. Die Arbeitslosigkeit ist genau wie der Benzinpreis sprunghaft angestiegen, das Land wird von rigiden Sparmaßnahmen und ausufernder Kriminalität gebeutelt. Unter den 20 gefährlichsten Städten der Welt liegen laut Wikipedia gleich sieben in Brasilien, und die Verslumung weiter Bevölkerungsteile ist dort offensichtlich. In Rio de Janeiro sogar noch mehr als anderswo, denn hier liegen die Favelas zu großen Teilen noch mitten in der Stadt und nicht im Umland wie etwa in Sao Paulo. Am Freitag, dem 22. September, wird eine der größten von ihnen, Rocinha, von der Armee gestürmt, während sich ein paar Kilometer weiter Bon Jovi auf ihren Auftritt vorbereiten. Angeblich geht es um die Verhaftung einschlägiger Krimineller, doch es gibt auch andere Stimmen. Ein Taxifahrer behauptet, es wäre die nicht besonders hoch angesehene Polizei, die in Wahrheit für die Probleme im Viertel sorgt, ein weißbärtiger Strandbesucher argwöhnt, dass hier so etwas wie eine militante Gentrifizierung im Gange ist. Schließlich liegt Rocinha auf einem postkartenreifen Hügel direkt oberhalb von Ipanema und wäre als Villenvorort unbezahlbar populär. Sein Kumpel dagegen sieht die Schuld bei der Politik. Die hätte vor 25 Jahren die Ganztagsschulen abgeschafft und so die gelangweilten Jugendlichen in die Arme der Drogengangs getrieben. Für Außenstehende ist die Situation in jedem Falle leicht gespenstisch. Da liegt man mit einem eiskalten Bier an einem blütenweißen Traumstrand mitten in der Stadt, und über einem fliegen die Armeehubschrauber mit offener Tür und waffenstarrendem Personal nach Rocinha und wieder zurück.

Dieses große und latent irreale Nebeneinander ist aber auch typisch für eine Stadt, die in ihrer Metropolregion mehr als 13 Millionen Einwohner hat, von denen man gefühlt jeden einmal auf dem Festivalgelände sieht. Das öffnet seine Pforten in der Regel gegen 15 Uhr, um zunächst mit heimischen Bands aufzuwarten, bevor dann nach Einbruch der Dunkelheit die internationalen Stars zum Zuge kommen. Eine attraktive Neuerung besteht in der Games-World, die dem Festival seitlich angeschlossen ist. Hier können sich Computerspiel-Athleten in einer etwa 5.000 Zuschauer fassenden Arena miteinander messen und das WM-Spiel Deutschland gegen Brasilien noch einmal in eine andere virtuelle Richtung lenken. Die Beliebtheit dieser Halle ist immens, die Atmosphäre erinnert an das Kolosseum in Rom, freilich ohne Löwen und menschliche Fackeln. Wartende tummeln sich draußen, wo verschiedene Vintage-Games als 3D-Parcours nachgebaut sind, so dass man seinen inneren Super Mario von der Leine lassen und endlich die Prinzessin retten kann, ohne sich dabei die Daumen zu zerren. Das Rock-in-Rio-Konzept sieht vor, dass man sich auf diese Weise den Tag um die Ohren schlägt, um dann abends vom Gamer zum Fan zu werden.
Das funktioniert besonders am Samstag erstaunlich gut. An diesem Abend spielen The Who ein karriereübergreifendes Set für alle, die »Tommy« und »Quadrophenia« nur als Musikkassette kennen. Roger Daltrey kann es selbst kaum glauben und verschätzt sich mit seiner Ansage: »Viele von euch waren noch gar nicht geboren, als dieser Song geschrieben wurde!« sagt er, bevor er sich mitsamt seiner Sonnenbrille in »My Generation« stürzt. Viele? Ach was, alle! Pete Townshend führt onkelhaft durch das Programm und macht Witze auf die Kosten seiner in die Jahre gekommenen Kollegen, allein, kaum jemand im Publikum versteht ihn. Dafür kennen sie jeden der aufgeführten Songs auswendig und singen mit like it’s 1971.

Tja, und dann kommen Guns n’ Roses. W. Axl Rose ist in der westlichen Hemisphäre und der dazugehörigen Berichterstattung ja seit mindestens 20 Jahren zu einer Art  unfreiwillig komischer Dickmadam verglommen, aber an diesem Abend gibt es etwa 30 Argumente dafür, diese Position zu überdenken. Der Sänger hat ein vernünftiges Gewicht zurück, seine Kameraden sind genauso räudig wie der Sunset Strip anno 1987, und Slash ist tatsächlich wieder mit Zauberhut und Ewigkeitskippe zwischen den Zähnen dabei. Die Beziehung zwischen der Band und ihrem Publikum lässt sich indes nur mit romantischen Begriffen beschreiben. Guns n’ Roses spielen etwa so lange wie die beiden vorhergehenden Headliner zusammen und machen tatsächlich durch bis morgens um halb fünf. Experten sind sich uneins, ob diese Band jemals wirklich tight war, doch sie ist in jedem Fall großzügig. Was die Hits angeht, bleiben keine Wünsche offen, Axl spendiert sich dazu Coverversionen von Pink Floyd, The Who, AC/DC, Soundgarden und Glen Campbell, um das gemeinsam geteilte Rock’n’Roll-Erbe zu beschwören. Das hat dann trotz Kunstrasen und eklatanter Nüchternheit etwas feierliches, zumal um diese Uhrzeit ein angenehmer Wind über die Lagune weht, um den Bühnenschweiß zu trocknen.
Der am nächsten Tag natürlich wieder da ist. Ein weiterer Gag bei Rock am Rio ist nämlich auch, dass man abseits der Shows auf artgerechte Weise unterhalten werden kann, mit dezidiert kindlichem Einschlag. Es gibt ein Riesenrad, eine Achterbahn und die wahrlich famose Seilbahn direkt vor der Hauptbühne entlang. Alles umsonst, man muss nur eine Weile anstehen. Was man hierzulande allerdings gewohnt ist. Tatsächlich reihen sich Brasilianer so gerne in Schlangen ein, dass man auf dem Festivalgelände dauernd Menschenkolonnen sieht, ohne dass man eine Ahnung davon hat, für was hier eigentlich angestanden wird. Es könnte eine Kotzschaukel sein, die Hochzeitskapelle in der Rock City (in der sich angeblich 500 Pärchen pro Jahr »trauen«) oder ein Logenplatz beim (wiederum leicht unheimlichen) Drohnen-Feuerwerk, das jeden Abend die Prime Time eröffnet.

Zum Abschluss gibt es sogar ein richtiges Feuerwerk, das man bis an die Copacabana sehen kann und den Anspruch des Festivals untermauert, auf dem Weg zu einem globalen Highlight zu sein. Noch gibt es zwar so gut wie keinen touristischen Zuspruch außerhalb Brasiliens, aber auch das soll sich zukünftig ändern. Jedes zweite Jahr findet Rock in Rio alternierend in Lissabon statt, Dependancen in Madrid und Las Vegas hat es ebenfalls schon gegeben. Der Deal in Rio de Janeiro soll sich idealer Weise zu einem Urlaubs-Gesamtpaket entwickeln, denn neben dem Rockfestival an sich (drei weitere Pop-orientierte Tage fanden bereits in der Woche davor statt) bietet sich mit Rio selbst eine der sehenswertesten Städte weltweit zum Besuch an. Das überraschend gut ausgebaute Nahverkehrsnetz tut ein Übriges, um trotz der gewaltigen Ausmaße der Stadt schnell vom Fleck zu kommen, ohne sich deswegen jemals wirklich der Freundlichkeit der Bewohner entziehen zu können.

Überhaupt scheinen Brasilianer über einen sehr deutschen Gefühlshaushalt zu gebieten. Beim Auftritt der Lokalmatadore von Capital Inicial – einer Art Rock-Ramazottis mit Powerballaden als Spezialität – liegen sich alle Scorpions-mäßig in den Armen und schunkeln sich in tränenreiche Gefilde. Mein Herz ist dein Herz und so weiter. Das letzte Wort beim diesjährigen Rock in Rio haben dann die Red Hot Chili Peppers. Auf Platte zuletzt immer bequemer geworden, haben sie live immer noch die Qualität, mehr als 100.000 Zuschauer wie die fünf Stammgäste einer Bodega in East-L.A. fühlen zu lassen, die gerade mit nacktem Oberkörper an der nach Kreosot riechenden Straße sitzen und vor aller Welt zu verheimlichen versuchen, dass sie gerade den leicht betrunkenen und schwer zu beeindruckenden Mittelpunkt des Universums bilden. Das finale »Under the Bridge« scheint sich jedenfalls nicht nur an die anwesenden Festivalbesucher zu richten, sondern irgendwie an alle, die in dieser Nacht unter der liegenden Mondsichel noch wach sind.