Ein halbes Leben HipHop in Ferropolis

So war es beim splash! 2017

Die schönsten Familientreffen finden in Ferropolis statt. Die Halbinsel nähe Gräfenhainichen zieht alle HipHop- und Rap-Anhänger nach Sachsen-Anhalt – zu Oldschool, Newschool, Bro’Sis-mäßige Abgänge, Bengalos und einem Boden voller Lava.
Text: Henrike Schröder ,
Text: Lisa Riepe ,
Foto: Michael Baumgärtner ,
Foto: Lennart Kortmann
20 Jahre scheinen ganz schön alt, aber gerade nur halb so alt wie HipHop-Kultur in Deutschland überhaupt, das liest sich einwandfrei am diesjährigen Line-up. Mit den verschiedenen Protagonisten lässt sich eine kleine Rap-Geschichtsstunde gestalten. Angefangen in der Gegenwart, die mit einem deutlichen Deutsch-Rap-Fokus inklusive der Headliner K.I.Z, Marteria und Sido die Erfolgsgeschichte von HipHop in Deutschland unterstreicht. Aber genauso kommen viele aktuelle US-Rap Größen mit Mac Miller, Travis Scott, Pusha T, Desiigner und Gucci Mane. Ergänzt durch UKs vielversprechende junge Talente wie Loyle Carner und Ray BLK. Das splash! 20 ist kein Klassentreffen, sondern ein großes Schulfest. Oldschool vs. Newschool zählt nicht mehr – es kommen alle unter und es werden alle gefeiert.
SXTN
Bild: Lennart Kortmann
»Gut, dass Steffi ’nen Joint dabei hat«, stellen SXTN bereits am Freitag erleichtert fest. Sonst hätte sie das Konzert abbrechen müssen – ein Risiko, das hier keiner eingehen möchte. Also: »Applaus für Steffi!« Und das Publikum rastet aus – wie während des gesamten Konzerts des HipHop-Duos aus Berlin, die so selbstverständlich die Zeile »Nein heißt Nein« über die Melodie von »Life is Life« legen, dass man sich fragt, warum da noch niemand vorher drauf gekommen ist.

Als einziger weiblicher Act tritt SXTN auf einer der Hauptbühnen auf. Ansonsten stehen die Frauen auf den kleineren Bühnen des Festivals: Auf der Green Stage – versteckt im Wald – bietet die kalifornische Rapperin Ill Camille am Freitag eine großartige Show. Und auf der Backyard-Stage steht am Sonntag die britische Rapperin Ray BLK. Die Bühne, gebaut aus riesigen Schiffs-Containern könnten auch die London Docks sein, auf der die beeindruckende Engländerin aus ihrem Leben erzählt. Aufgewachsen in Südlondon, repräsentiert sie mit »My Hood« eben diese Heimat: »Buy me any ticket, I don´t wanna go to a town, where there´s no one like me around«. Ihren Auftritt in Ferropolis kann Ray BLK sehr genießen – ein feines, textsicheres Publikum, das Ray feiert, genauso wie ihre Helden: Nicht nur in den Texten der Britin spielt Lauryn Hill eine große Rolle, ihre eigene Version von »Killing Me Softly« singt sie auch noch – und das tadellos. Kein Wunder also, dass die BBC sie bereits zum Music Sound of 2017 ernannte. Ray BLK bedankt sich derweilen bei ihrem Publikum und »especially by my ladies in the front row.« Einen Tag später steht hier außerdem Noname aus Chicago, die mit ihren entspannten Lines auf Electro-Soul-Jazz-Instrumentals das Publikum verzaubert und ihren Brüdern aus Chi-Town alle Ehre macht.
splash! 2017
Bild: Michael Baumgärtner
Zurück auf der Mainstage hängen K.I.Z erst überlebensgroß auf riesigen Bannern an den Seiten der Bühne, dann, in Person wie Marionetten von der Decke. Am Ende des Konzerts werden sie schließlich im Sarg von der Bühne, durch die Menge, zum Eingang des Festivalgeländes weggetragen, während Miss Platnum auf der Bühne »du Hurensohn, ich mache Party auf deinem Grab« singt. »Das sieht ein bisschen so aus, wie bei der Auflösung von Bro’Sis«, stellt jemand fest – und beschreibt damit diesen charmant-ironischen Größenwahn eigentlich ganz passend. Während die Särge langsam hinter einem der Kräne verschwinden, schreit plötzlich jemand »Der Boden ist Lava!« und alle um einen herum springen panisch auf um sich an den nächstgelegenen Bauzaun zu hängen oder auf eine der Bierbänke zu springen. Irgendwie angenehm, wie natürlich hier alle zusammen feiern – und wie selbstverständliche gemeinsam auf Bierbänken stehen. Da lässt sich auch Marteria zu einer Liebeserklärung hinreißen: »Du bist mein Festival, du bist mein Himmel, splash!« erklärt er während des Konzerts und hinterlässt nach knapp 1 ½ Stunden gewohnt grandioser Show die Mainstage mit ordentlich Konfetti, Bengalo-Resten und mehreren Duzend Shirts die zuvor von den Fans durch die Gegend geschmissen wurden.

Einen wahren Old-Schooler hat sich das splash! zum Jubiläum nicht nehmen lassen und lädt Nas am Samstag auf die Bühne. Nasty Nas bringt das Publikum an die Ostküste: HipHop ist New York und wer trifft dieses Gefühl besser als ihr Sohn, The Don. Dieser liefert alle Classics, aber das nicht einfach pflichtbewusst die Setliste runter, sondern geht auf seine Anhänger ein und feiert mit. In der Luft hängt Maria Johanna und eine große Wolke Nostalgie. »If HipHop ruled the world«, vielleicht wäre die Welt eine bessere. Das splash!-Publikum wie immer mehr als entspannt und absolut bei seinen Künstlern. Während die Welt draußen sich leider wieder von seiner unangenehmsten Seite präsentiert, feiert das Festival ausgiebig das Jubiläum und seine langen Wegbegleiter und Neuentdeckungen.   So beweisen Genetikk am Sonntag auf der Mainstage, wie Rap-Künstler mit dem splash! wachsen und über die Jahre Schritt für Schritt die nächst größere Bühne bespielen. Also doch ein Wunschkonzert dieses Leben. Das Publikum ruft »Yes Sir« und feuert Bengalos. Die Jungs mit der Maske liefern ab und Jubiläums-Konfetti regnet es auch noch.
Überraschungen regnet es derweilen auch auf einer anderen Bühne: Hanybal hat Haftbefehl – der sich zuletzt beim Hurricane rar gemacht hat – dabei, der etwas später dann auch noch bei Sido mit auf der Bühne steht. Der Headliner am Sonntag kehrt nach zwölf Jahren – mit einer Entourage, inklusive B-tightEstikay und Hafti ­– auf die splash!-Bühne zurück. Die eigentliche Überraschung betritt jedoch erst beim letzten Song die Bühne. Mit einem lauten Knall kündigen Sido und Kool Savas ihr gemeinsames neues Album mit dem Schriftzug »Royal Bunker, 29.09.2017« an. Ob uns eine Art musikalische Autobiografie erreichen wird oder einfach dem legendären Label Tribut gezollt wird, bleibt abzuwarten.

Danke splash!, dass du nach 20 Jahren immer noch weißt, wie man überrascht. »The world is yours!« Happy Birthday!

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