Mit Moderat, Der Ringer, Radical Face und weiteren

So war die c/o Pop 2017

Auch Köln blieb an diesem Wochenende nicht vom Regen verschont. Trotzdem erreicht die diesjährige c/o Pop mit über 150 Acts und 30.000 Zuschauern Rekordzahlen – und entwickelt eine ganz eigene Methode dem Regen auszuweichen.
Text: Henrike Schröder ,
Text: Helen von Daacke
Das Green Juice kann an diesem Wochenende erst am zweiten Tag auf das eigentliche Festivalgelände ziehen, das Chiemsee Summer muss am letzten Tag abgebrochen werden und auch das MS Dockville veröffentlicht eine Unwetterwarnung nach der anderen. Von alledem unbeeindruckt zeigt sich die c/o Pop. Natürlich, Köln ist an diesem Wochenende auch verregnet, doch stört das nicht weiter – die meisten Konzerte finden eh drinnen statt.

Mit einem Kölsch vom nächstgelegenen Büdchen in der einen Hand, Regenschirm in der anderen, stolpert man vor allem am Samstag an jeder Ecke in ein Konzert: Im Nunk Plattenladen tritt beim »Intro Intim« die Berliner Grungeband Pabst dicht gedrängt zwischen den einzelnen Plattenkisten auf. Und bei Blutsgeschwister stehen die Stuttgarter Rikas mit ihrem Jungle-Pop-Sound im Schaufenster. Insgesamt spielen am »Super-Samstag« rund ums Belgische Viertel 48 Bands in 23 verschiedenen Locations – vorwiegend Boutiquen und Stores.
Weiter geht es am Abend zur Volksbühne: »We’re from America, but we tell everyone that we are from Canada«, stellt Ben Cooper erst einmal klar, als er mit seinem Projekt Radical Face, inklusive Band die Bühne betritt. Das scheint durchaus einleuchtend. Und so lässt ihn das aufmerksam zuhörende Publikum einfach weitererzählen. Denn Geschichten – genauer gesagt, Familiengeschichten – erzählen kann Ben Cooper eh am besten. Und so pickt er sich einzelne Facetten aus seiner Alben-Trilogie »The Family Tree« heraus, erzählt von Krieg, Heimweh und immer wieder von Geschwistern. Dabei sitzt er mal mit ganzer Band im Rücken auf der Bühne und mal nur mit seiner Akustikgitarre ­– während sich die Band kurz neben ihre Instrumente legt: »That’s easier than leaving the stage«, erklärt Ben Cooper achselzuckend.

Genauso ein aufmerksames Publikum sitzt einen Tag vorher Martin Kohlstedt im Rücken: Während dieser zwischen akustischem Klavier und Fender Rhodes wechselt verzieht sich sein Gesicht immer wieder von einem angestrengt breiten Grinsen zu einem stummen Schrei. Dabei reißt er die Augen weit auf, beendet schließlich das Stück sachte, dreht sich um und lächelt schüchtern ins Publikum: »Eigentlich sind wir ja hier um Klavier zu spielen«, erklärt er scheinbar von sich selber verwirrt. Dann dreht er sich wieder um, setzt zum nächsten Stück an und das komplette Publikum versinkt gebannt in den dunkelgrünen Sitzen.
Raus aus dem Funkhaus, Schirm aufspannen, Kölsch vom Büdchen, weiter in den Stadtgarten: Nachdem hier erst Oum Shatt mit Soundproblemen kämpfen, startet auch das Synth-Pop-Duo Otzeki aus England holperig. Erst funktioniert das Mikrofon nicht und nachdem sie ein neues bekommen, verursacht auch das Probleme: »It doesn’t seem to like me cause I’m english«, lacht Sänger Mike. Er zieht seine Show trotzdem durch und springt zum Tanzen von der Bühne, mitten ins Publikum. Nicht nur sein Akzent weist auf seine Heimat hin: Schon nach zehn Minuten steht er oberkörperfrei auf der Bühne, während sein Cousin Joel zumindest sein Hemd aufknüpft. Genauso passt ihr Humor zur britischen Schnodderigkeit: »I have no fucking jokes but I’m a walking joke right now. I only know nazi jokes«, kommentiert Mike die technischen Probleme. Eine Kostprobe gab es davon jedoch nicht.

Einen Tag vorher steht im Studio 672 des Stadtgartens – quasi dem Hauptquartier des Festivals – die Hamburger Band Der Ringer auf der Bühne: Ekstatisch bewegt sich Sänger Jannik Schneider zu den Liedern, als habe er sich Ian Curtis Stil abgeschaut. Mit über Vocoder verzerrter Stimme erzählt er, dass sie bereits im dritten Jahr bei der c/o pop auftreten und »sehr froh darüber« sind. Schneider steht in neongelb leuchtendem T-Shirt auf der Bühne, während die Outfits seiner Kollegen Bezüge zu Indie bis Hardcore erahnen lassen. Der ihnen zugeordnete Stil Softpunk trifft es. Was sie an diesem Abend auch treffen ist den Geschmack der wenigen Besucher – sie teilen sich die gleiche Auftrittszeit mit sieben anderen Acts – die sie umso begeisterter bejubeln. Als sie ihren letzten Song ankündigen, wird Enttäuschung im Publikum zum Ausdruck gebracht. »Das ist auch anstrengend« kommentiert Schneider ihre Show schmunzelnd und gibt beim letzten Lied noch einmal alles.
c/o Pop Festival: Moderat
Bild: Christian Hedel
Noch einen Tag vorher stehen Moderat zur Eröffnung des Festivals auf der Bühne im Tanzbrunnen: Vor nicht einmal zwei Wochen erklärte das Berliner Trio seine Auflösung – wohl auch ein Grund, warum viele jetzt hier sind. Bei beginnendem Dämmerlicht fangen sie bereits an zu spielen: »Das ist unsere zweite Show ever, die wir bei Tageslicht spielen«, kommentiert Ring. Und als sich langsam die Dunkelheit über den Tanzbrunnen legt, verändert sich spürbar die Stimmung. Die wobbelnden Technobässe animieren die meisten zusehends zum Tanzen. Zum Einsetzen des Basses erscheinen die Visuals von der Pfadfinderei im Hintergrund und verschmelzen taktgenau mit dem Sound.

Über die ganzen fünf Tage des Festivals wird klar: Die c/o pop kennt ihre Stadt in- und auswendig und weiß genau in welche Kneipe, in welches Theater und in welche Boutique welcher Act gehört. Und so schafft sie es erneut perfekt, musikalische Gegensätze zu schaffen und innerhalb der Stadt sinnvoll zu verbinden: Vom durchtanzten Schaufenster-Gig über das ruhige Singer/Songwriter-Konzert auf der Theaterbühne bis zum schweißgebadeten Konzerten im Keller des Stadtgartens dauert es höchstens ein Wegbier. Da bleibt der Regen fast unbemerkt.

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