Mit Get Well Soon, Dilly Dally und Chefket

So war der Samstag beim Reeperbahn Festival 2016

Der letzte Tag des Reeperbahn Festivals gibt sich entspannt: ob mit Eis und Limo beim Intro Superintim in der Rockstarsuite der Superbude, mit ganz viel »Love« bei Get Well Soon oder in der Sauna-Atmosphäre bei der kanadischen Punkrock-Band PUP.
In der Superbude herrscht schon nachmittags großes Hallo. Beim Intro Superintim geben sich wie jedes Jahr vielversprechende Newcomer die Klinke in die Hand. Balthazar-Sänger Maarten Devoldere holt mit dem melancholischen Sound seines Solo-Projektes Warhaus erstmal alle aus der Katerstimmung ab und verneigt sich damit vor Größen wie Leonard Cohen. Die Gurrrlcore-Band Gurr peitscht anschließend alle Gedanken an letzte Nacht aus den Gehirnen und hinterlässt rauchende Amps und ein begeistertes Publikum. Anschließend springt Konni Kass für die kurzfristig verhinderten Communions ein und verzaubert alle mit ihrer jazzigen Stimme und ihrem smoothen Saxophon-Spiel. Bemerkenswert ist dabei, dass ihre ebenfalls von den Färöer-Inseln stammende Band normal ganz andere Musik macht: der Bassist als Symphoniker und der Drummer in einer Black-Metal-Band. Den Closer macht der italienischstämmige Fil Bo Riva mit seiner unglaublichen Stimme. Er kommt nicht mit kompletter Band, sondern nur mit seinem Gitarristen. Und während er auch Gitarre spielt, tritt er auch noch die Bass Drum und singt mit einer Stimme, die ganz Italien in sich trägt und sich jetzt schon mal für Größeres empfiehlt.
Im Uebel & Gefährlich erzählt Wallis Bird etwas später, dass sie sich gerade eine Auszeit von der Musik genommen habe – »just hanging around naked in my house, playing piano by the window.« Vier Jahre lang dauerte diese Auszeit an. Bald erscheint ihr neues Album, von dem sie jetzt einige Songs vorstellt. Dabei reißt sie ihre Stimme gnadenlos auseinander – von schrillen Schreien bis hin zu einer Art Beatboxen, wodurch einzelne Lieder mehr aus ineinander fließenden Lauten bestehen als aus richtigen Wörtern.   Zurück auf der Reeperbahn: Umringt von leuchtend bunten Reklameschildern und Massen an Menschen ist der beste Weg, all dem grellen, lauten Trubel aus dem Weg zu gehen, zwischen der Reeperbahn und den tanzenden Türmen im Boden zu verschwinden. Der im Untergrund gelegene Mojo Club hat sich in diesem Jahr besonders als Venue für R’n’B-Comebacks und HipHop-Newcomer hervorgetan. Wer nicht auf große Soul-Stimmen oder kreative Beats verzichten wollte, feierte mindestens ein Mal in den Katakomben des Mojo. So auch Chefket, der sich nach großartigen Acts wie Craig David und Izzy Bizu die Ehre gibt. Dass der Berliner Rapper mehr als nur den klassischen HipHop-Fan anspricht, zeigen die Massen vor der Bühne. Auch wenn niemand springt oder ausgelassen tanzt, sind alle nass geschwitzt und beseelt, während Chefket sein Publikum in Fahrt bringt. Auf seine Frage, ob jemand Lust habe, den »Running Man« zu machen, meldet sich ein Fan, der prompt auf die Bühne gehievt wird, um zur Chefkets Freestyle-Einlage und den Anfeuerungsrufen des Publikums seine Moves zum Besten zu geben. Wer hierfür einen Platz ergattern konnte, hat es nicht bereut. Etwas später spielt am selben Ort noch die Londoner Band Ephemerals. Schon nach wenigen Songs tropft Sänger Wolfgang Valbrun der Schweiß von den Haarspitzen. Er schafft es, zwischen grauem Beton eine Stimmung entstehen zu lassen, die mal andächtig und mal ekstatisch wirkt.
Reeperbahn Festival 2014
Bild: Frederike Wetzels
Wieder aufgetaucht aus dem angenehm schnörkellosen Mojo Club, geht es die komplette Reeperbahn runter, ins Molotow. Dort spielen Dilly Dally und schnell wird klar: Katie Monks ist jemand, den man gerne mal treffen möchte. Ihre krasse, kratzige Stimme fasziniert von Anfang an. Ihre Band, die sich aus ihrer High-School-Freundin Liz Ball und zwei männlichen Mitstreitern zusammensetzt, steht heute schon zum zweiten Mal auf der Bühne des brechend vollen Molotows. Der Sound klingt nach einer noisigen Mischung aus Hole – vor allem im Gesang – und den Pixies. Ab und an meint man, Smashing-Pumpkins-Melodien herauszuhören. Sie selbst nennen das »Soft Grunge«. Was daran »soft« sein soll? Keine Ahnung! Aber ich will es wieder. Das Debüt der Band aus Kanada heißt übrigens »Sore«.
 
Eine Wundertüte waren die Wild Beasts schon immer, von Album zu Album, von Tour zu Tour. Aktuell haben die Briten ihre speckigen Lederjacken aus den 1980ern wieder ausgepackt und ihre Songs, egal ob alt oder neu, in ein überraschend wenig subtiles Wave-Rock-Kleid gewandet. Das ist nicht ohne Reiz, allerdings kann man nicht umhin, sich einen Song wie »Bed Of Nails« vom großartigen 2011er-Album »Smother« wieder im Originalarrangement zu wünschen. Dementsprechend hinterlässt ihr Auftritt in der Großen Freiheit 36 ein etwas halbgares Gefühl, aber keine Sorge: Schon bald werden diese wandlungsfähigen Künstler sicher schon einen neuen Stil aufgerissen haben.
 
Etwas später steht da, wo eben noch die Wild Beasts standen, »LOVE« – in leuchtend roten Buchstaben. »Love« heißt das Album von Get Well Soon, »It’s Love« der Eröffnungssong ihres Sets und auch Frontmann Konstantin Gropper hat ein bisschen Liebe für sein Publikum übrig: »Sehr freundlich, dass Sie sich für uns entschieden haben, hier auf der Musikmesse«. Es ist der letzte Stopp seiner Band, und sie haut die großen Liebeslieder des Albums raus, Lieder, die noch größer wirken durch die Lautstärke und die vielen Lichter, die bei jedem Tusch, bei jedem »It’s Love« oder später bei jedem »All we have is love« in »Marienbad« aufleuchten und die Band wie eine Gruppe aus Schatten wirken lassen. »Pompös« ist vielleicht das richtige Wort dafür, aber wie anders sollte man auch mit der Liebe umgehen, als mit viel Pomp und großen Gesten?
 
Während im Gruenspan nun Me And My Drummer spielen und die Stimmung zum Kochen bringen, präsentiert sich nebenan im deutlich kleineren Indra die dänische Band Chinah in einem sehr intimen und dennoch nicht weniger energiegeladenen Konzert. Obwohl es das Trio um Frontfrau Fine Glindvad erst seit einem Jahr gibt, wirken die drei Musiker auf der Bühne perfekt aufeinander abgestimmt. Dass die Sängerin ihre Texte selber schreibt, merkt man daran, dass sie sie mit einer Intensität vorträgt, die jeden in ihren Bann zieht. Während des gesamten Konzerts bleiben die drei Musiker nordisch-kühl und geben sich bescheiden. Das Publikum wiederum zeigt diese Eigenschaft weniger: Mit lautem Applaus und Jubelrufen fordert es eine Zugabe, die leider nicht erhört wird.
 
Nun wäre ein Thermometer gut, um zu wissen, ob es tatsächlich gefühlte 60°C im Grünen Jäger sind, oder doch nur 40°C, was aber auch schon viel zu heiß ist. Man kommt rein, das Shirt ist nass. Die kanadische Punkrockband PUP spielt hier. In einem ihrer Songs heißt es »If this tour doesn’t kill you...«. Dass es da eigentlich nicht um verschwitzte Clubs geht, kann man hier mal getrost ignorieren. Das Debütalbum hat viele, eingängige Hits und die Leute im Grünen Jäger wollen tanzen. Dafür ist wenig Platz, sie tun es aber trotzdem. Und als wir abends unsere T-Shirts auswringen, wissen wir nicht, ob das unser Schweiß oder der anderer Leute ist. Ein Zeichen für eine gute Show.