Wo Altsein für zwei Tage klar geht

So war der Rolling Stone Weekender 2016

Sommer bis November: Der Rolling Stone Weekender gehört schon lange so sehr zur Festivalsaison wie Hurricane, Melt! und Mistwetter. Besonders bleibt das Indoor-Festival im Feriendorf Weißenhäuser Strand dennoch – und das nicht nur wegen der pädagogischen Grundsatzentscheidungen, vor die es dieses Jahr so manche Eltern stellte.
Klar, auf keinem anderen Festival sind die Kleinen so gut aufgehoben wie hier, wo die Racker mal eben im Kinderhort oder dem Dschungel-Erlebnisland zwischengeparkt werden können. Kein Wunder daher auch, dass Popliterat Benjamin von Stuckrad-Barre froh zu sein scheint, seine Anekdoten von radikalen Spielplatzmamas endlich mal einem dafür empfänglichen Publikum erzählen zu dürfen. Aber bestimmte Mütter könnten sich doch einmal die Frage stellen, ob sie ihren Nachwuchs unbedingt mit zu Schnipo Schranke nehmen müssen –unangenehme Nachfragen, was »Gangbang« heißt oder ob man beim Küssen untenrum wirklich nach Pisse schmecke, sind da ja quasi vorprogrammiert.
Doch sind Jungfamilien nicht die einzigen, denen der vielleicht merkwürdigste Feuilleton-Hype der letzten Jahre nicht »schmeckt«: Bereits nach dem ersten Song verlässt so mancher grummelnd die Almhütte, ähnlich ergeht es kurz zuvor Liedermacherlegende Funny van Dannen auf der Hauptbühne –die Erweiterung des Weekender-Musikkonzepts um humoristische Bands scheint nicht ganz aufzugehen. Dabei scheint es dem zu manchen Teilen bereits ehrenvoll ergrauten Publikum nicht an Offenheit zu mangeln: So wartet ein rappelvolles Witthüs auf den Britpop infizierten Indie-Rock der DMA's –dass so mancher das zur Location umfunktionierte Café dann doch schnell wieder verlässt, liegt in diesem Fall einfach an der kaum aushaltbaren Lautstärke der Australier.

Im Endeffekt sind es dann aber doch die alten Hasen, die am meisten zu begeistern wissen. Okay, nicht unbedingt die ganz alten wie The Sonics – die spielen ihren Garagenrock souverän runter, lassen jedoch erkennen, dass die 25 Jahre, die zwischen ihrem aktuellen Album »This Is The Sonics« und seinem Vorgänger liegen, ihrem Sound nicht gerade eine Frischzellenkur verpasst haben. Aber wie J. Mascis und Dinosaur Jr. (trotz leichten Ungereimtheiten im Sound) immer noch die schönsten Melodien mit den gniedeligsten Gitarrensoli verbinden, oder wie Dauergast Wilco ihren ausufernden Sets dank »Schmilco« noch den einen oder anderen Hit hinzufügen können – das ist dann doch für die meisten der Grund, mitten im November nochmal an die Ostsee zu fahren. Das ist auch Dad Rock, klar. Aber ob Nostalgie in Gitarrenriff-Form, ob nachmittägliche Lesung statt der Bierbong, ob Saunagang zum Aufstehen – beim Rolling Stone Weekender ist das Altsein für zwei Tage im Jahr einfach mal vollkommen okay.