»Zuhause ist es einfach scheiße!«

So war Der Helga!® 2016

Pálinka, Konfetti, Beer Pong, Trubel vor und auf der Bühne. Der am 22. September im Rahmen des Reeperbahn Festivals verliehene Der Helga!® changierte wieder zwischen Anmut und Anarchie und fasste damit die Festivalsaison perfekt zusammen. Den Publikumsaward erhielt das Hurricane Festival, das in diesem Jahr aus einer Wetterkatastrophe mit perfektem Krisenmanagement am eigenen Schopf herauszog.
Auf der Bühne und hinter den Zuschauerreihen bringen sich schon mal Männer mit roten Uniformjacken, samt goldener Knöpfe in Position. »Geil, die haben Meute,« wird sich in der zweiten Reihe gefreut. Und schon zieht von beiden Seiten des Saals – mitsamt Konfetti-Kanone – die Hamburger Techno-Marching-Band ein. Dann treten auch schon die Moderatoren dazu. Mit Bernd Begemann steht Festivalguide Chefredakteur Carsten Schumacher dieses Jahr endlich wieder gemeinsam auf der Bühne und erklärt erst mal das Konzept: Sieben Kategorien. Sechs davon entschieden durch eine Jury, bestehend aus den eigenen Festivalreihen, sprich: Booker und Veranstalter, genauso wie Künstler, Besucher und Wurstverkäufer. In der letzten Kategorie »Bestes Festival« entscheidet allein das Publikum – 13.000 haben in diesem Jahr beim Internet-Voting mitgemacht.
 
Eingeleitet wird die Award-Show aber erst mal durch eine Vorstellung der Kategorien, die es leider nicht in die Show schafften. Dabei wird das Flunkyball-Spiel mitten auf der Autobahn A38 in Richtung Highfield als »Bestes Festival-Stauspiel auf einem Tieflader« und der Ritt auf der Dixie-Tür als »Konstruktivste Umdeutung deprimierender meteorologischer Entwicklungen« vorgeschlagen. Dazu passt dann auch der Auftritt von Aydo Abay – im original ZDF-Fernsehgarten-Outfit – und Bernd Begemann, die gemeinsam »Barfuss im Regen« spielen – nicht perfekt aber charmant »spackig«, wie Bernd Begemann es nennt. Der von Michael Holm und Giorgio Moroder geschriebene Song erfährt jedenfalls eine Ramones-Behandlung.
 
Doch weiter mit den Kategorien, die an diesem Abend Gewinner finden. Den Anfang macht das »anmutigste Camping-Gelände«, also der schönste Zeltplatz, oder wie Bernd Begemann es ausdrückte, »der natürliche Feind des Menschen«, »ein Ort des Übergangs« – der sich dieses Jahr in seiner schönsten Form auf dem Feel befand. Den Preis nimmt Alexander Krüger entgegen, der in seinem roten Trainingsanzug passend zu der Auszeichnung auch aussieht, als wäre er geradewegs vom Zeltplatz ins Imperial Theater geschlendert. Er selber hat in diesem Jahr bereits 60 Festivals besucht, erzählt er. »Bei ihm Zuhause ist es vielleicht einfach scheiße,« spekuliert Bernd Begemann schlagfertig. Ein wenig später muss er dann erneut auf die Bühne. Denn auch in der Kategorie »Wundervollstes Entleerungs-Erlebnis« sahnt das Feel die Trophäe samt Klopapierpackung ein: »Vom Feeling her ein beschissenes Gefühl!«, kalauert Laudator Marco Weber (nicht vorher gewarnt zu haben), der sich für das Festivalguide Magazin bereits selber in die Rolle eines Klomanns begeben hatte und daher für die Aufgabe maximal qualifiziert ist. Die Feel-Macher erzählen, dass sie schon ewig eine (längst abgelaufene) Rote Beete Suppe im Regal hatten – als Platzhalter für den Helga!®. Jetzt kann sie endlich ausgetauscht werden.
 
Der Helga!? 2016
Bild: Christian Hedel
Das Sicherheitspersonal ist »erster und oft auch letzter Eindruck eines Festivals« – in sofern ist die nächste Kategorie »Netteste Security« mitnichten eine unbedeutende und hier wird ein Festival ausgezeichnet, das schon im Vorfeld der Verleihung als Favorit gehandelt wurde. Zwei Security-Männer des Open Flair, Thorsten Hinrichs und Oliver Kleen, stürmen überglücklich die Bühne und bekommen sofort Bier, Auszeichnung und Jägermeister in die Hand gedrückt. Letztere wird dann zurück im Zuschauerraum sofort ihrer Bestimmung zugeführt.
 
Nach einer Techno-Brass-Band-Version von Deichkinds »Krawall und Remmi Demmi« erhält dann das Hurricane – zu Recht – den Preis für das beste Festival und wird dabei vor allem für sein Krisenmanagement gelobt. Aufgrund schlimmer Unwetter musste das Festival in diesem Sommer mehrmals unterbrochen werden, das Hurricane hat aber hervorragend gehandelt, die Besucher in ihre Autos geschickt, über gleich mehrere Kommunikations-Kanäle ständig auf dem laufenden gehalten und dabei trotz verzweifelter Lage auch nie den Humor verloren.
 
»Wer findet, dass Bernd Bergemann purer Sex ist, schreit Helgaa!« – »Helgaaaaaa!« schallt es einstimmig durch den Saal. Bernd Begemann und Carsten Schumacher spielen als Moderatoren harmonisch zusammen. Mal bremsen sie sich gegenseitig etwas aus, an anderen Stellen schaukeln sie sich so lange hoch bis einer der beiden verwirrt feststellt, man müsse dann doch mal mit der Verleihung fortfahren. Beide zusammen aber immer mit »Liebe zum Detail«, wie die eigentlichen Gewinner der gleichnamigen Kategorie, die beiden Vertreterinnen der Fusion feststellen, die sich nach einer liebevoll detailreichen Einführung der Lollapalooza–Festivaldirektorin Fruzsina Szép (und reichlich Pálinka) bereits über den zweiten Helga!® in ihrer Festivalgeschichte freuen können.
 
Und das sind noch mal alle Gewinner des Helga 2016 in der Übersicht:
 
Anmutigstes Campingelände: Feel
Netteste Security: Open Flair
Wundervollstes Entleerungserlebnis: Feel
Lodernste Liebe zum Detail: Fusion
Emotionalster Moment: Highfield
Größtes Zurechtfinden: MS Dockville
Bestes Festival: Hurricane
 
Wer sich die ganze Show noch mal in voller Länge angucken möchte, der findet auf www.facebook.de/festivalguide/ den Livestream von der Verleihung.