Mit Maeckes, Fjørt und Izzy Bizu

So war der Freitag beim Reeperbahn Festival 2016

Der Freitag in Hamburg zeigt, dass das Reeperbahn Festival nicht nur steifer Business-Treff ist, sondern vor allem auch von spontanen Street Gigs lebt und einen durch oftmals lange Schlangen zu Acts treibt, die überraschen und festhalten. Entlang der bunt beleuchteten Reeperbahn und in den etlichen kleinen Seitenstraßen gibt es am Freitag gefüllte Säle und ein Menschengewusel auf allen Straßen St. Paulis.
Wenn sich die Länder beim Reeperbahn Festival präsentieren, kann das zwar musikalisch spannend sein, die Atmosphäre aber eher in Richtung Business-Treff als verschwitzter Club pendeln. Like A Motorcycle haben am Freitagnachmittag Glück, denn das Publikum ist durchmischt und man sieht schon ein paar Leute im Publikum mitsingen. Der Punk’n’Roll der Band erinnert an die Ramones, die vier Kanadierinnen haben großen Bock und spielen Songs wie »Into The Night« und »High Hopes« deutlich schneller als auf dem Debüt-Album. Auch schön ist, dass die Familie der Bandmitglieder dabei ist. Schöne Grüße an den Papa, irgendwo hinten im Raum. Auch wenn Like A Motorcycle klanglich eher in den verschwitzten dunklen Club gehören, ist das Konzert am Nachmittag ein schöner Tritt in den Hintern. Jetzt sind alle wach.

In der Alten Liebe liest Popkritiker und Zeitungsredakteur Jens Balzer derweil Passagen aus »Pop: Ein Panorama der Gegenwart«. An dem Großwerk arbeitete sich in den letzten Wochen ein ganzer Berufsstrang ab und fand mal begeisterte, mal ablehnende Worte. Folgerichtig ist der Publikumsbereich bei seiner Lesung am frühen Freitagabend in der Alten Liebe auch bis auf den letzten Platz gefüllt. Obwohl manche Kommentatoren monierten, dass Balzer viel Platz für wenig neue Einsichten in Anspruch nehmen würde, sind seine Kapitel über Rammstein und Frei.Wild, Rihanna und Beyoncé und immer wieder auch Sting zumindest für ein paar krachend trockene Pointen gut. Balzer liest zwar etwas hastig, hinterlässt aber den sicheren Eindruck, dass sein Buch eben doch für ein paar klare Gedanken über die überwältigende Welt des Pop und so manchen Erkenntnisgewinn gut ist.
Der Freitag auf dem Reeperbahn Festival 2016
Bild: Anatol Gottfried
Bemerkenswert, wie abgeklärt diese Kids sind: Ihren sowieso schon knapp bemessenen Line-Check funktionieren die Lemon Twigs direkt zum Start ihres Sets um – eine Viertelstunde vor dem angekündigten Termin. Was danach folgt, ist nicht weniger als sensationell: Die Performance des Quartetts, zuvorderst die der beiden Brüder Brian und Michael D’Addario, ist noch besser als die hervorragenden Songs ihres Mitte Oktober erscheinenden Debütalbums »Do Hollywood«. Was musikalisch von den Beatles nimmt und mit David Bowie verbindet, sieht im Konzert aus wie eine in Ramones getünchte Freddy Mercury-Show. Diese Band ist jetzt schon und sowas von bereit für die größten Bühnen dieser Welt, ohne dass die Hauptakteure auch nur die 20 Lebensjahre erreicht hätten.

In der Großen Freiheit 36 rastet am frühen Abend dann Maeckes, in einer Mischung aus Tanzen, Springen und mit Hummeln im Hintern drehend, aus – so überschwänglich, dass er sich nach jedem Lied sein In-Ear-Monitor wieder feststecken muss. »Atme ein. Stell dir vor, du bist auf dem besten Konzert deines Lebens. Atme aus…« Der Stuttgarter Rapper steht jetzt vorne, Augen geschlossen. Dazu gibt eine Off-Stimme Anleitungen zur Meditation und endet schließlich mit der Feststellung: „Du bist ein Ventilator!“ Statt meditativen Aussagen setzen jetzt Bässe ein, die so stark wummern, dass man es bis in den Kiefer spürt. Zum Ende des Konzerts hin versinkt das Publikum zu stetig ruhiger werdenden Songs immer mehr in Gedanken. Bis Maeckes schließlich mit einem Sprung den Standart-Konfettiregen einläutet um danach dem Publikum zu versichern, sie würden alle für immer leben. Er würde ja nicht viel versprechen, aber das schon.
 
Wer die vielen Stufen im Uebel&Gefährlich auf sich nimmt, um zum Konzert der schwedischen Indie-Band Tiger Lou zu gelangen, schnappt im stickigen Konzertsaal leider vergeblich nach Sauerstoff. Tiger Lou haben seit 2009 nicht mehr viel von sich hören lassen, so ist es kaum verwunderlich, dass es voll im Club ist. Die fünfköpfige Band rattert ihre Songs nahtlos aneinander gereiht herunter, verzichtet dabei weitgehend auf Ansagen, abgesehen von klischeehaften Phrasen wie »This one’s for you guys«. Die Show verläuft wenig abwechslungsreich, ohne Höhen und Tiefen und plätschert – trotz einwandfreier musikalischer Performance – an einem vorbei. Einige Songs stechen aus der Masse heraus und geben dem Publikum hin und wieder neuen Schwung, so richtig Stimmung kommt aber leider nicht auf.
 
Manchmal hat man Pech und Clubs sind schon voll. Einlassstopp bei The Boxer Rebellion. Der Vorteil: Man landet auch mal bei Acts, die man vorher nicht auf dem Zettel hatte. Zum Beispiel bei Spröde Lippen in der Hanseplatte. Die eigentlich vier Musikerinnen aus Bremen haben einen Vertretungsschlagzeuger dabei und machen, nun ja, Indie? Die Texte beschränken sich gern auf eine bis zwei Zeilen »Drops« zum Beispiel ist eine Aneinanderreihung des Satzes »Der Drops ist gelutscht« und endet mit »Ich werd’ heut’ nicht mehr alt«. Dazu gibt’s Gefiepe, Keyboard und Gitarre und das Ganze ist reichlich merkwürdig, aber irgendwie charmant.
 
Wenn beim ersten Song schon weiträumig sehr viel Bier im eh sehr kleinen Konzertsaal verteilt wird, ist klar: Dieser Gig wird großartig! So auch im Fall von Odd Couple. Spätestens beim zweiten Song musste sich, wer nicht umgemäht werden wollte, aus den ersten fünf Reihen verziehen. Im Normalfall besteht das Trio nur aus Jascha Kreft und Tammo Dehn, die sich tatsächlich schon seit dem Kindergarten kennen. Odd Couple spielen dreckigen und extrem abwechslungsreichen Garage-Rock samt fliegender Haare und rotziger Stimmen. Sie wissen genau, wie man ein Publikum unterhält, scheinen aber selbst den meisten Spaß auf der Bühne zu haben. Topgeil!
 
Auch bei Fjørt wird es laut. Trotzdem klingt das Schlagzeug großartig klar und man versteht sogar, was Chris und David da von sich brüllen. Trotzdem, dass sich gleichzeitig bei Biffy Clyro die Leute mit einem zu Fjørt passenden Musikgeschmack stapeln müssen, ist das Gruenspan gut besucht. Sympathiepunkte gewinnt der eine Typ vorne, der jedes einzelne Wort mitsingen kann. Jedes. Fjørt knallen Songs wie »Kontakt« und »Paroli« um die Ohren, das Publikum antwortet auf »Auf zwei von denen kommen zehn von uns« wütend und mit der Faust in der Luft. Und da ist sie, die klischeehafte Gänsehaut.
Der Freitag auf dem Reeperbahn Festival 2016
Bild: Anatol Gottfried
Ein Auftritt, dem am Freitagabend wohl ein hauptsächlich weibliches Publikum entgegenfiebert, ist der der New Yorker Band MOTHXR im moondoo Club. Neben Electro-Pop wartet dort nämlich Schauspieler und Mädchenschwarm Penn Badgely, auch bekannt als »Lonely Boy« Dan Humphrey aus der Serie »Gossip Girl«. Etwas unsicher und unbeholfen wirkt der Frontmann auf der Bühne, obwohl es eigentlich keinen Grund dazu geben sollte. Stimmlich überrascht er mit makellosem Gesang und auch an der Gitarre probiert er sich aus. Dennoch merkt man Badgely seinen eigentlichen Beruf an, denn so ganz kann er die Rolle des Schauspielers nicht ablegen. Zu affektiert und unnatürlich wirken viele seiner Gesten, die eher von der Musik ablenken als sie zu untermauern. Auch in den einsilbigen Ansagen scheint er zögerlich, als wüsste er nicht genau, was er sagen möchte. Obwohl die Band musikalisch Potenzial hat, verliert sie während der Show an Glaubhaftigkeit und verschwindet nach dem letzten Song so schnell von der Bühne, wie sie sie betreten hat. Den harten Kern in den ersten Reihen scheint das jedoch – dem Jubel nach zu urteilen – nicht zu stören.
 
Spannung im Raum schon bevor im Terrace Hill The Hirsch Effekt überhaupt auf der Bühne erscheinen. Weltraum-Sounds unterlegen eine Atmospähe in der Schwebe, die urplötzlich von einem Gewitter abgelöst werden. Tausend Ideen wollen beinahe gleichzeitig, zumindest aber in ultraschneller Folge aus dem Lautsprecher. Das Math/Artcore-Trio aus Hannover lässt The Mars Volta streckenweise wie eine Doom-Band dastehen, wirkt dabei aber jederzeit agil und lässig und keinesfalls trocken-statisch wie eine Prog-Formation. Jeder Song klingt wie ein komplettes Konzert im Zip-Format und überraschender Weise steht nicht einmal ein reines Nerd-Publikum davor. The Hirsch Effekt scheinen auch den Frauen zu gefallen, was diese Band noch einen Schritt unwirklicher erscheinen lässt. Die Begeisterung ist am Ende ohnehin ausnahmslos, denn wer sich mit diesem Sound nicht anfreunden kann, hat auf einem Hirsch-Effekt-Konzert keine Überlebenschance.
 
Gemütlich dagegen die Atmosphäre bei Ebbot Lundberg & The Indigo Children. Der ehemalige Soundtracks-Of-Our-Lives-Sänger hat die Hamburg-Reise als Schwede natürlich für eine ausführliche Bier-Verkostung im Vorfeld der Show genutzt und wirkt im Rahmen der jungen unschuldigen Gesichter seiner Indigo-Children noch rübezahliger bzw. wie ein gefallener Priester voller Messwein eingerahmt von Ministranten. Letztere wiederum begleiten ihn so sicher und souverän, dass sie fast wie Aliens aus einem 70er-Jahre-SciFi-Thriller rüberkommen. Allein das wäre schon filmreif, doch hinzu kommen noch die großartigen Pop-Songs von Lundbergs neuem Solo-Album »From The Ages To Come«, denen selbst die ein oder andere verfehlte Note im Gesang nichts anhaben kann, dafür ist das Songwriting schlicht zu stark.
 
Wirklich charmant, ein wenig schüchtern, aber die meiste Zeit kokett und wild: Izzy Bizu verzaubert im vollen Mojo ihre Fans. Die 21-Jährige Londonerin, die ihr Gesangsstudium am British and Irish Modern Music Institute absolviert und ihre ersten Karriereschritte in der Band SoundGirl gemacht hat, spielt mit dem vollen Umfang ihrer kratzigen Stimme. So ist die Annahme, dass die britische Neo-Soul-Welle nach Winhouse, Adele und Lianne La Havas den Zenit bereits überschritten hat, an diesem Abend nicht zu spüren. Mit Soul-Pop-Nummern wie »Mad Behaviour« und einem exzellenten Outkast-Cover von »Ms. Jackson« fesselt die britische Newcomerin Bizu im Mojo am Ende alle.
 
Es ist so eine Sache mit der Ironie. Man kann mit ihr den langweiligsten Text und das stumpfsinnigste Thema aufmöbeln. Fatoni beherrscht das Spiel mit dem Spott wie kein anderer seiner Zunft. Gemeinsam mit seiner Posse um DJ V.Raeter und Rapper JuseJu überzeugt der Schauspieler und Entertainer in der Nacht von Freitag auf Samstag im Uebel&Gefährlich. Selten haben wir bei einem Act des Reeperbahn-Festivals so gelacht, waren so zufrieden. Auch wenn das Publikum völlig fasziniert von den Entertainer-Qualitäten des München MCs, vergisst zu tanzen und mal die Branche Branche sein zu lassen, war das Konzert ein Highlight des Festival-Freitags. Dank Fatonis Gitarren-Solo und einigen persiflageartigen Trap-Einlagen von Kumpane Juse, wie gewohnt ein Auftritt zum Niederknien.
Es ist bereits ein Uhr morgens, doch die Schlange vor dem Imperial Theater scheint schier endlos. Dass The Slow Show aus Manchester eine hervorragende Band sind, scheint sich endlich herumgesprochen zu haben. An diesem Abend kommen sie allerdings aus Kostengründen nur zu dritt und verzichten damit gänzlich auf Bass, Schlagzeug und Bläser. Das Programm besteht hauptsächlich aus den neuen Songs und Sänger Rob Goodwin macht aus der Not eine Tugend und sagt, er freue sich auf die reduzierte Version seiner Songs. Er sagt es sehr leise, fast wie im Vertrauen und das Publikum ist dabei auf mucksmäuschenstill. Und so läuft das Konzert in einem äußerst intimen Rahmen voller Respekt zwischen Band und Publikum (wobei einige allerdings auch also Opfer der Umstände einfach sanft in ihrem Samt-Sesseln dahinschlummern, was sicher nicht am Desinteresse lag).

Gegen halb zwei nachts wird es vor der alten Tabledance-Bar Moulin Rouge auf einmal voll. Wo sonst eher Pfandsammler auf den Treppen der geschlossenen Clubs sitzen, stehen jetzt etwa 30-40 Festivalbesucher und warten auf Meute. Die Techno-Marchingband hatte auf Facebook angekündigt, mit dem improvisierten Straßen-Gig ihren ersten Band-Geburtstag feiern zu wollen. Da die Menschentraube um die Band jedoch schnell bis auf die nächste Straßenseite wächst, ist auch die Polizei bald da: »Entschuldigung, es ist so laut hier. Wir können euch leider nicht verstehen…« die Reaktion der Band. Letztendlich wird die immer größer werdende Geburtstagsparty dann doch auf einen nahegelegenen Platz verschoben. Mit Bier vom nahegelegenen Kiosk in der Hand wird hier dann noch weiter zur Marchingband-Version zu „Krawall und Reim Demmi" getanzt, dann geht es, entlang der Reeperbahn, heim.