Mit Die Heiterkeit, Thomas Meinecke und Woman

So war der Donnerstag beim Reeperbahn Festival 2016

Schon am ersten Tag ist das Reeperbahn Festival in vollem Gange. Die Trink- und Feiermotivation der Besucher ist hoch, rund um die Reeperbahn wimmelt es von Festivalbesuchern, Touristen, bunten Lichtern und lauter Musik. Neben der Verleihung des Festival-Awards Der Helga!® bietet der erste Tag nicht nur zahlreiche Konzerte von nationalen und internationalen Newcomern, sondern auch ein großzügiges Programm an Lesungen.
Schon vor dem eigentlichen Start des Festivals am Donnerstag, spielen am Mittwoch bereits ein paar Bands. Darunter Drangsal. Der ist jedoch bei seinem Auftritt im Mojo Club doppelt gebeutelt – technische Probleme verzögern den Beginn des Auftritts vor vollem Haus, noch dazu ist er hörbar erkältet. Der Mann, der seit Monaten die halbe Musikwelt sowohl persönlich als auch musikalisch polarisiert, macht mit seiner Aussage »gleich werde ich aber sauer hier« wieder nicht ganz klar, ob er es wirklich wird und wutschnaubend das Gebäude verlässt oder sich wieder beruhigt und auf die Bühne geht. Als es nach einer halben Stunde Verspätung losgeht, scheint die Technik noch immer nicht 100 % okay – mit »Love Me Or Leave Me Alone«  muss ausgerechnet einer der Hits des hochgelobten Debüts »Harieschaim« abgebrochen werden. Seine Erkältung hört man ihm beim Singen nicht an – seine leichte Angepisstheit schon.
 
Am Donnerstag zeigt sich dann, dass das Festival in diesem Jahr neben der Musik auch einen besonderen Fokus auf sein Lesungsprogramm, das zu einem großen Teil in der Alten Liebe direkt am Spielbudenplatz durchgeführt wird, legt. Den Anfang macht Thomas Meinecke mit Auszügen aus seinem neuen Roman »Selbst«. Seine Textstellen offenbaren, dass der Band ähnliche Qualitäten besitzen dürfte wie seine vorangegangenen Werke: Wieder braucht man etwas, um die Charaktere der im Selbststudium forschenden Charaktere zu unterscheiden, wieder geht es um die Überwindung von Geschlechterrollen und den damit verbundenen Hierarchien, und wieder lernt man was. Leider sind zu so früher Stunde nur etwa 20 ZuhörerInnen gekommen, alle anderen verpassen einen schönen ersten Eindruck eines lesenswerten Romans. Es lohnt sich auf jeden Fall, einen Blick auf das restliche Lesungsprogramm des Festivals zu werfen.
 
Im Rahmen des »Why Portugal«-Abends tritt in der Pooca Bar ein weiterer Newcomer auf die Bühne: Der Singer/Songwriter Nelson Graf Reis, alias We Bless This Mess ist bis zum Hals voll tätowiert und schmettert, die Akustik-Gitarre in der Hand, sehr hübsche Songs, deren Texte jedoch ein bisschen kitschig und vorhersehbar sind (»We never won but at least we never lost« oder »We got our love to share We got hope and we are strong we're here for better days«). Reis macht das durch seinen Charme aber gut wieder wett, lobt den portugiesischen Wein und fragt mehrmals nach, ob es allen gut geht. In den Höhen erinnert seine Stimme gar etwas an Rocky Votolato, da kann man den Kitsch auch mal Kitsch sein lassen und einfach zuhören.
 
Ein paar Meter entfernt in der St. Pauli Kirche beweisen Black Oak einmal mehr, dass ihre Konzerte sehr gut in die Kirche passen. Los geht’s mit »The Grain«, dann ein paar langsamere Songs und später kündigt Geert an, er werde das Publikum um Himmels Willen nicht zum Einschlafen bringen und jetzt noch schnellere Songs zu spielen. »Schnell« im Maßstab von Black Oak eben. Und wer wirklich müde wird, kann hinten in der Kirche noch den bandeigenen Kaffee kaufen.
 
Gerade noch stand er beim Helga!® gemeinsam mit Bernd Begemann auf der Bühne und sang passend zum diesjährigen größtenteils verregneten Festivalsommer eine schräge Fassung von Michael Holms »Barfuß im Regen«, steht Aydo Abay samt gleichnachnamiger Band um kurz nach Mitternacht vor dem Publikum des gut gefüllten Kaiserkellers. Live sind die Songs des kürzlich erschienenen Albums »Everything’s Amazing And Nobody Is Happy« wahre Bretter, seine Vergangenheit als Sänger von Blackmail kann Abay nicht verleugnen – aber warum sollte er auch? Wie schon vor ein paar Wochen bei seinem schrägen Auftritt beim ZDF-Fernsehgarten trägt der Sänger auch heute Abend stolz sein FCK-NZS-Shirt, was im Rahmen des Reeperbahn Festivals allerdings natürlich niemanden juckt.
 
In Angie’s Nightclub treten Woman eine halbe Stunde später als geplant auf, bedanken sich dann aber artig nach jedem ihrer Songs, wobei sie es auch nicht lassen können, immer wieder rechtfertigend zu erwähnen, wie begrenzt ihr Repertoire bis jetzt ist. »Aber unsere EP kann man kaufen,« erklären sie, was anscheinend auch notwendig ist, da nur das ihnen, wie sie erzählen, den Heimweg nach Köln ermöglicht. Nachdem sie ihre fünf Lieder dann gespielt haben – teilweise in sich versunken, dann wieder ekstatisch mit schweißnassen Haaren, die am Gesicht kleben – verschwinden sie schnell von der Bühne. »Spielt den selben Song noch mal!« kommt es aus dem Besucherraum. Und tatsächlich kommen sie noch mal auf die Bühne – aber nur um zu erklären, dass sie lieber gemeinsam an der Bar singen wollen.
 
Reeperbahn Festival 2016
Bild: Anatol Gottfried
Abgeschlossen wird ein Reeperbahn-Festival-Tag am besten im Knust – gemütlich und etwas ab vom sündigen Treiben der Reeperbahn. Trotzdem ist der nicht eben kleine Live-Club gut gefüllt, als Die Heiterkeit um halb eins auf die Bühne treten. Die Band ist mittlerweile multinational besetzt: Neben Hamburg sind auch Berlin und Köln und irgendwie auch Münster vertreten. Sie fokussiert die Songs ihres neuen, wunderbaren Albums »Pop & Tod I+II« und bezaubert wieder mit ihrem elektrisierenden Kontrast aus leichten Popsong-Arrangements, den tiefen Texten und der schweren Hilde-Knef-Stimme von Vorsteherin Stella Sommer. Hier kommen Charme, Botschaft und Klasse zusammen – das wissen nicht nur die Sänger von den Nerven und Messer, die in der ersten Reihe die Show ausladend feiern.