Mach mal hygge!

So war das Sørveiv Festival in Norwegen

Jedes Jahr im November präsentieren sich im norwegischen Kristiansand die heiß gehandelten Talente Skandinaviens, während sich die internationale Musikbranche zum Stelldichein auf der angehängten Konferenz trifft. Silvia Silko war für uns vor Ort und hat sich unter anderem Farveblind, The Modern Times und Nelson Can, angeschaut.
Text: Silvia Silko
Nachdem alle lifestylig nach Achtsamkeit strebten ist es nun der neuste Trend möglichst hyggelig zu sein. Es gibt Workshops, Bücher und Blogpost zur Frage „How to be hygge“? So richtig weiß keiner was das eigentlich bedeutet, es geht aber wohl hauptsächlich darum Waffeln zu essen und endlich mal gemütlich zu sein. Der gemeine Skandinavier ist davon, wie von so vielem anderen, recht unbeeindruckt: Im hohen Norden ist es halt kalt, dunkel und der Alkohol für etwaige Stimmungsaufhellungen zu teuer. Daher bleibt einem wohl nichts Anderes übrig, als sich so flauschig wie möglich seinem Schicksal zu ergeben – oder Kunst zu produzieren.

Ob die Skandinavier auch deshalb ihren Kulturmarkt so stark subventionieren, weil sie ihre MitbürgerInnen bei aller Dunkelheit und Kälte bei Laune halten wollen? Das sind natürlich nur Mutmaßungen, aber auch im Küstenstädtchen Kristiansand wurde erst kürzlich eine für 80000 EinwohnerInnen doch recht große Konzerthalle gebaut. Wie man auf die Bühne derselben kommt, kann man vor Ort an der Uni im Fach „Popmusik“ studieren, auf Schritt und Tritt tingelt man hier an Tonstudios vorbei und gut kuratierte Festivals sowie Konzerte scheinen sich vor Ort miteinander abzuwechseln. 
Kein Wunder, dass sich genau hier das kleine aber feine Sørveiv Festival seit sieben Jahren abspielt. Die Veranstaltung zielt auf die Newcomer der skandinavischen Musikszene ab und möchte hauptsächlich diesen eine Bühne bieten. Das funktioniert auch ganz wunderbar, zumal hier die ungeschriebenen Regeln der skandinavischen Gemütlichkeit einwandfrei eingehalten worden sind: Das Programm fängt erst gegen Abend an, was bedeutet, dass man genügend Zeit hat, bei drei Grad und Sonnenschein durch die hübschen Straßen und über die kleinen Brücken zu flanieren oder Lakritz zu essen. Die fünf verschiedenen Venues sind dann jeweils entspannte zwei Gehminuten voneinander entfernt und wirken herrlich intim. 
Auf den Bühnen kann man sich dann davon überzeugen, dass die skandinavischen Steuergelder gut investiert wurden. Hier nur einige Highlights der zwei Festivaltage: The Switch spielen sonnige Rockmusik, als hätten sie nie Schnee, sondern immer nur L.A. gesehen, Nelson Can geben einen Einblick, wie The Staves sich anhören würden, wenn sie mit Courtney Love liebäugeln würden, Farveblind (Titelfoto) hämmern einen mit treibendem Elektro und Live-Drums ins Delirium, sodass man gar kein überteuertes Bier mehr braucht und The Modern Times kriegen das Slackertum besser auf die Bühne als Courtney Barnett. Die BesucherInnen sind natürlich allesamt hyggelig und entweder sehr interessiert, sehr euphorisch oder selbst MusikerInnen, die sich mal anschauen, was sonst so geht. 
Hier spielt aber nicht nur die Musik von Übermorgen, auch die zukünftigen Akteure der Musikindustrie dürfen schon mal Probeläufe machen: Die Studierenden der Universität Agder und erwähntem Studiengang haben hier mitorganisiert. Wer also Lust auf skandinavische Zukunftsmusik, Wasser, Bäume, Waffeloverload und Zimtbrötchen hat, sollte sich das Sørveiv auf jeden Fall fürs kommende Jahr im Kalender vormerken und „How to be hyggelig?“ direkt vor Ort ausprobieren.