Neue Lieben und alte Bekannte

So war das Reeperbahn Festival 2017

Der (Festival)Sommer ist vorbei und pünktlich zum Herbstanfang läutet das Reeperbahn Festival die Indoor-Saison ein. Vier Tage lang war der Hamburger Kiez Tummelplatz für die internationale Musikszene und ihren Dunstkreis, traditionell mit viel Potenzial für die Entdeckung der Lieblingsband von morgen.
Foto: Sebastian Kruthoffer ,
Text: Henrike Schröder ,
Text: Helen von Daacke ,
Text: Hanna Rose ,
Text: Christian Steinbrink
»Hamburg will ja Musikstadt sein, liest man hier und da«, erklärte uns Alex Schulz, Geschäftsführer des Reeperbahn Festivals, auf die Frage nach dessen Bedeutung für die Stadt noch vor einige Wochen. Da macht es nur Sinn, dass das Reeperbahn Festival die Stadt immer mehr in Beschlag nimmt. In diesem Jahr werden Loactions vom Kiez, über das neu gegründete Festivalvillage auf dem Heiligengeistfeld, bis hin zur Elbphilharmonie am Hamburger Hafen, bespielt. Der Kern ist und bleibt jedoch der Spielbudenplatz: Das Herz von St. Pauli und bester Grund das Festival auch ohne Ticket zu besuchen.

Denn hier sind zwischen Bierbude, Crêpe- und Fischbrötchen-Stand überall kleine Bühnen aufgebaut: So schreit Astronautalis vor dem N-Joy Reeperbus fast bis zu den Tanzenden Türmen (hätte man die Lautstärke nicht um ein vielfaches runtergedreht), während am anderen Ende der Reeperbahn auf einer kleinen Bühne, notdürftig aus Paletten zusammengebaut Bergfilm stehen, bevor sie ihr Konzert am Freitagabend in der Molotow SkyBar spielen: So nah wie in ihrem Sound kommen sich Digital und Analog selten. Synthesizer und softe Indie-Gitarren bedienen zwar das Elektro-Pop-Klischee, aber die vier Kölner verweben zusätzlich knarzende Bässe, 1980er-Synthesizer-Hommagen, Bassgitarren-Schnipsel, Trompeten-Soli und bittersüßen Gesang zu komplexe Klangteppichen auf denen es sich wundervoll Tanzen lässt. Live und in Farbe gewinnt das Ganze noch eine extra Portion authentischen Pathos und verwegenen Charme.
Ein wenig früher am Freitag stehen auf der selben Bühne bereits die australische Metalband The Lazys. In traditioneller Manier werden lange Haare im Takt der Musik geschüttelt, die Mienen zu Grimassen verzogen. Mit einem Gitarrensolo auf der Bar haben The Lazys schließlich jeden erreicht und verabschieden sich schweißnass vom Publikum. Ebenso energisch ist die Show von Wucan am Freitag im Terrace Hill. Als »Kraut-fueled Heavy Flute Rock« bezeichnen sie selber ihre Musik. Und »heavy« ist der Sound, den Francis Tobolsky mit einem raschen Wechsel von Querflöte, Gesang und Theremin entwirft auf jeden Fall. Da bleibt kaum Zeit zwischendurch die blonden Haaren umher zu wirbeln. Francis Tobolsky schafft es trotzdem.

Währenddessen im Häkken: Yungblud aka Dominic Harrison ist gerade mal 19 Jahre jung, hat bisher nur zwei Singles veröffentlicht und sein erstes Konzert spielte er auf dem diesjährigen Great Escape Festival. Trotzdem liefert er eine souveräne Show in alteingesessener Alternative-Rock-Manie – Protest ist eben ein guter Motor. Politisch geladene Texte chauffiert von schneidenden Gitarrenriffs und kuratiert von sympathischer Egozentrik.
Neben außergewöhnlichen Acts feiert sich die Festivalsaison am Donnerstag traditionell selber. Beim Festival-Award Der Helga!® werden mit Liebeserklärungen, einem eigens komponierten Song von Bernd Begemann und Erobique und einer ordentlichen Bierdusche die besten Festivals der Saison gefeiert. Weiter geht es an dem Abend mit Pixx und der Frage: Steht da Johnny Rotten auf der Bühne? Angesichts von Pixx’ gefärbten und stachelig toupierten Haaren und den Outfit-Accessoires aus Weste und Schlips kann man den Eindruck bekommen, auch weil der kleine Karatekeller im Molotow übervoll und die Sicht damit behindert ist. Und auch ihre Performance deutet in diese Richtung: Aggressiv steht sie am Bühnenrand und spuckt ihre Songs in die Frontreihen. Musikalisch rekurriert sie auf Postpunk und Dream-Pop mit Anleihen und die Zackigkeit und Härte des Punk. Alles passend also, aber doch so viel mehr als ein bloßes Abziehbild vergangener Jahrzehnte.
Festival: Reeperbahn Festival 2017, Pixx
Bild: Lukas Senger
Es bleibt beim Molotow, es bleibt bei Punk: Nicht nur Liam Gallagher und Beth Ditto sind von der A-Prominenz auf dem Reeperbahn Festival vertreten, auch ein Mitglied der SWMRS aus Oakland trägt einen berühmten Namen: Joey Armstrong ist der Sohn von Green-Day-Frontmann Billie Joe. Bei den SWMRS hat er sich aber hinter dem Schlagzeug verschanzt, während die frontenden Gebrüder Becker alle Register des kümmernden Punkrock ziehen: Eindeutige Hooks, eindeutige Härte, eindeutige Ansagen in Richtung Weltpolitik. Gut ist, dass die Band einen Mittelweg zwischen punkigem Enthusiasmus und ernsteren Anliegen findet, auch wenn sie musikalisch nicht besonders heraussticht.

Der Samstag beginnt in der Superbude: Waffeln mit Ahornsirup, Kaffee und dann in die Rockstarsuite: Bereits zum fünften Mal veranstaltet die Intro hier das Superintim – und diesmal wird es voll. Bei gefühlt 45 Grad Raumtemperatur spielen vier Bands – WildesSløtfaceIlgen-Nur und LeVent – während sich das Publikum fast bis ins Treppenhaus staut.
Im Häkken stehen abends Otzeki auf der Bühne: In der Regel versprechen Electro Acts eher verhaltene Bühnenshows, das Londoner Electronic Duo schwimmt in dieser Beziehung jedoch gegen den Strom. Sänger Mike ist ein virtuoser Selbstdarsteller, gezeichnet von nervöser Rastlosigkeit, der die vierte Wand zwischen Publikum und Bühne regelrecht durchbricht, sich während berauschenden Instrumentals tanzend unter das Publikum mischt und plötzlich halbnackt auf dem Tresen am anderen Ende des Clubs steht.

Kurz nach Mitternacht betreten Leoniden aus Kiel die Bühne im Knust. Nach ihrem Konzert am Eröffnungstag, beenden sie nun vier Tage später das Hamburger Musikfestival. Wer schon seit Mittwoch dabei sei, fragt Sänger Jakob Amr und freut sich über die zahlreichen Besucher. Dann folgen 50 Minuten energetisches Tanzen beiderseits – beim Publikum und der Band. Unablässig springen die Kieler über die Bühne, Gitarrist Lennart Eicke steckt sich mal das Mikrofon in den Mund, oder haut sich gleich die Gitarre auf den Kopf. Die gute Stimmung der Band überträgt sich auf das Publikum. Spätestens bei dem Song »1990« steht niemand mehr still und das Publikum singt laut mit.

Und was beleibt nun nach vier Tagen buntem Festivaltrubel mit über 800 Veranstaltungen, diversen geschmiedeten und fast ebenso vielen verworfenen Konzertplänen, überraschend guten Neuentdeckungen, neuer Begeisterung für alte Lieblingsbands, wenig Schlaf und viel Astra? Die Erkenntnis, dass Waffeln zum Frühstück eine super Voraussetzung für den Start in einen glorreichen Festivaltag sind, dass man sich auch von dem Gedanken freimachen muss, auf wirklich jedes Konzert gehen zu wollen, an das einen die App gerade erinnert und dass das Reeperbahn Festival immer noch die Adresse für vielversprechende Newcomer und alte Größen ist, wodurch es seinen Spirit mit in die Line-ups des nächsten Festivalsommers trägt.