»Die Leute reden so viel Scheiße, es ist nicht zu glauben!«

So war's beim New Fall Festival 2017

Tiefgang und Emotionen bestimmen den Donnerstag des diesjährigen New Fall Festivals. Das Dreierkonzert im Sipgate am Samstag entpuppt sich dagegen als Albtraum. Bis Tobias Bamborschke der Kragen platzt…
Text: Lena Zschirpe ,
Foto: André Symann
15.-19.11., Düsseldorf, verschiedene Spielstätten

Julien Baker strahlt, obwohl die Geschichten, die sie erzählt, im wahrsten Sinne todtraurig sind. Ihr Publikum drängt sich geradezu vor die kleine Bühne, saugt jedes Wort der Songwriterin gespannt auf, als wäre sie ihre Prophetin. »I’m playing more new songs today, so thank you for listening to... them. I don’t know«, haspelt die 22-jährige und kichert nervös, um sich direkt wieder zu fangen und feinfühlig abwechselnd ihre Gitarre oder die Klaviatur zu bespielen. Die Emotionen ihrer Songs verbreiten sich im ganzen Bachsaal, sorgen für beeindruckte Stille und das ein oder andere Tränchen. Bei jedem Applaus bedankt Baker sich ebenso gerührt.

»Felix denkt ja immer noch, der Bürgermeister von Düsseldorf ist Campino«, begrüßt hingegen Francesco Wilking den Robert-Schumann-Saal im Kunstpalast. Das brav sitzende Publikum scheint ungewohnt, vielleicht sogar unangenehm für Die Höchste Eisenbahn. »Aber dann seid ihr auch direkt sehr aufmerksam.«, bemerken sie lobend, fordern aber schließlich doch zum Aufstehen und Tanzen auf.

Ob Sitze im Sipgate am Samstag auch gut getan hätten? Die After-Work-Atmosphäre gleicht hier eher einer verfrühten Weihnachtsfeier des Telefonanbieters. Gurr sind trotz gefühlt durchgehendem Touren in Bestform, dennoch hält sich das Interesse für das gitarrenbetonte Duo heute in Grenzen. Nicht nur die letzten Reihen, sondern die Mehrzahl der Konzertbesucher ist in Gespräche vertieft, knabbert am ausliegenden Laugengebäck und schert sich leider nicht um die Lautstärke der eigenen Worte.

Der undankbare Slot der ersten Band trägt keine Schuld, denn auch als Isolation Berlin die Bühne betreten, hört nur ein Bruchteil wirklich hin, kehrt den Berlinern sogar den Rücken zu. »Der nächste Song handelt von etwas, was mich fertig macht.« Tobias Bamborschke schiebt seine Schiffermütze zurecht und schaut fragend in die immer noch schnatternde Menge. »Das zum Beispiel«, fügt er hinzu, um schlussendlich zu brüllen: »Die Leute reden so viel Scheiße, es ist nicht zu glauben!« Doch beeindruckt ist davon niemand. Ein Abend, der ratlos zurücklässt.