Großer Ärger, großer Spaß und große Momente

So war das Lollapalooza Berlin 2017

Die dritte Ausgabe des Lollapalooza Berlin findet dieses Jahr zum ersten Mal auf der Galopprennbahn Hoppegarten statt. Nach dem ersten Tag ist klar, dass längst nicht alles nach Plan läuft. Dann wird jedoch auch deutlich, dass sich das Festival um seine Besucher kümmert – in vielerlei Hinsicht.
Autor: Benni Bender
Auch wenn die deutsche Version der amerikanischen Festival-Legende Lollapalooza in diesem Jahr seinen Besucherrekord einfährt, äußern etliche der 17.000 Anwohner Unmut und Unverständnis dafür, dass ihre Gemeinde an zwei Tagen von insgesamt zehn Mal so vielen Festivalfreunden besucht wird. Die größte Sorge beschränkt sich dabei auf die Lärmbelästigung, denn fast 50 Acts verwandeln die Galopprennbahn in Hoppegarten zum Magnetfeld für ein internationales Riesenpublikum. Berlin tut sich, anders als andere europäische Metropolen, nachwievor schwer mit einem urbanen Festival dieser Größenordnung.

Das Lollapalooza kommt gleich am Samstag an seine Grenzen. Zur Nacht hin drängen sich die Besucher zum S-Bahnhof und recht schnell ist klar, dass sich die Abreisesituation an diesem Tag zu einem veritablen Problem aufschwingt. Im Gewimmel kollabieren Besucher und müssen behandelt werden, während sich Rettungskräfte nur langsam durch die Massen bewegen können. Die Verantwortlichen handeln schnell und schließen kurzfristig das Gelände, um die Situation kontrollierbarer zu gestalten. »Wir wollen raus!«-Rufe am Gelände-Ausgang B haben für ein Festival, das Liebe, Harmonie und Freiheit exemplarisch vorzuleben versucht, allerdings einen faden Beigeschmack. Auch wenn die meisten erst mitten in der Nacht, einige gar erst in den frühen Morgenstunden wieder zuhause sind, muss dem Ganzen aber doch zugute gehalten werden, dass neben schnellen Entscheidungen auch schnelle Lösungen gefunden werden, die letztlich ein Verbesserung der Sicherheit gewährleisten. Zum Abschluss des Lollapalooza wollen nicht weniger Menschen nach Hause, diesmal aber – auch weil nun die S-Bahn länger fährt und außerdem mehr Shuttle-Busse organisiert wurden – läuft nun offenbar alles wieder, wie es soll.
Mit seinen weiteren Ablegern auf der Welt, unter anderem in Santiago de Chile oder Buenos Aires, genießt das Lolla einen hervorragenden Ruf als multiple und harmoniebedürftige Festival-Familie. Familiär geht’s dementsprechend auch auf dem Gelände zu. Insgesamt tummeln sich bis zu 5.000 Kinder auf dem Gelände, wenngleich zumeist mit Gehörschutz – musikalisch gibt’s auf die Ohren. Das Booking trumpft mit einem umfangreichen Spektrum an gegensätzlichen Kontrasten, gewinnt dadurch aber an Exklusivität und atmosphärischen Wechselbädern. Da wären zum Beispiel die wärmenden und gemütvollen Akustik-Arrangements von Bear’s Den, deren schwereloser Indie-Dream-Folk nicht bloß mit gezähmter Holzfäller-Romantik korrespondiert, sondern an einigen Stellen auch Exkurse zu The War On Drugs oder den Fleet Foxes wagt. Das lichte Set der Briten am Samstagnachmittag bemüht sich zusehends, die immer dunkler herauf ziehenden Wolkendecken aufzubrechen.

In noch gefühlvollerer Verfassung zeigt sich Michael Kiwanuka, der neben ausnahmeverdächtigen Retro-Soul-Nummern noch Zeit findet, die gegenwärtigen Rassendiskriminierungen in den Vereinigten Staaten zu tadeln (»Black Man In A White World«). Es ist auch gar kein Problem, möchte man vielleicht doch lieber zum Konzert von Marteria den Kopf nicken – man hört ihn bei Kiwanuka selbst noch in der ersten Reihe. Das gleiche gilt für Cro, der es am Sonntagnachmittag auf die engelssüße Stimme von Hannah Reid abgesehen hat. Die Raps und Bässe, die von der Main- bis zur Alternative-Stage rüber wandern, können trotzdem kaum darüber hinwegtäuschen, dass die Sängerin von London Grammar über ein stimmlich Weltformat verfügt, vorgetragen mit einer fast schon unwirklichen Anmut. George Ezra, der sich ausgerechnet während »Budapest« damit arrangieren muss, dass die Technik ausfällt, zeigt sich gekonnt unbekümmert, wenn er diese Panne auf schelmische Weise belächelt.
Lollapalooza 2017
Ruppiger, dafür allerdings fehlerfrei, geht’s bei Wanda zu, die das Publikum mit ihrer gewohnt rüpelhaften Kneipengänger-Attitüde konfrontieren. In herzerwärmter Hochstimmung packt Sänger Michael Fitzthum die Leidenschaft. Während sich der Keyboarder ein ums andere Mal die Tränen von den Wangen streift, verteilt Fitzthum Zigaretten in der ersten Reihe, nur um sich kurz darauf wieder rückwärts auf die Bühne zu purzeln. Klar ist, dass Wanda nicht nur mit Schnaps und Kippen nach Berlin gereist sind. »Amore für euch alle!«, krächzt es aus der Kehle des österreichischen Gossen-Romanciers. Klar, bei Wanda geht’s zuhauf um Liebe, egal ob gekauft, versiebt oder vorgetäuscht. Dass sie dabei jedoch ohne allzu pathetische Gesten auskommt und ihre ausgebuffte Stammtisch-Poesie bei diesem Konzert an mancher Stelle Stadionrock-Momente hinterlässt, spricht ausdrücklich für einen beeindruckenden Entwicklungsprozess hin zur etablierten Festival-Band.

Liebe liegt im Übrigen allzeit in der Luft. Knutschende Paare, verliebt ineinander verschränkte Trunkenbolde und allerlei Kleinfamilien, deren Babys über den halbtrockenen, aber immerhin festgewalzten Boden der Hoppegartener Galopprennbahn krabbeln - man hat das Gefühl beim diesjährigen Lollapalooza trifft man sich zur Familien- und / oder Abschlussfeier. Heimischer als die Besucher fühlen sich an diesem Wochenende wohl nur die Lokalmatadore selbst – In vorderster Front die Beatsteaks, die sich aber auch gleich des internationalen Charmes bewusst werden: »Wird viel Englisch gesprochen, ne?« Sänger Arnim Teutoburg-Weiß ist zu keiner Sekunde das Grinsen auszutreiben - nicht zuletzt auch, da die Band am Vorabend die Auszeichnung als »Lieblingsband« beim Preis für Popkultur einheimst. Während ihres Auftritt schaukeln sich die Beatsteaks zu einer Bühnenqualität hoch, die fraglos offenbart, warum diese Band gerade im Festival-Kontext so viel Sinn und noch mehr Spaß macht. Das Publikum kennt jeden Song, die Beatsteaks zeigen sich auf ihre Art dankbar: »Ihr alle habt eine so herrliche Meise!« Und als wäre dieses platonische Stelldichein zwischen Band und Fans nicht genug, introducen sich die sechs Berliner selbst noch mal als »Die alten Beatsteaks«, spielen ein Klassiker-Miniset (»Hello Joe«, »Hand In Hand« und »To Be Strong«) und überragen mit einem Queen-Cover (»I Want To Break Free«), wobei Teutoburg-Weiß sogar die Mercury-Kopfstimme zu treffen scheint. Absolutes Highlight: Im Überschwang der Gefühle wird ein kleiner Junge aus dem Publikum kurzfristig zum Band-Member, vor allem um das Stagediving zu übernehmen. Später tauchen die Beatsteaks noch mal bei Marterias Auftritt auf. Der hatte vorher sein Alter Ego Marsimoto und Casper auf die Bühne gezaubert.

Mumford & Sons geben am Festivalsamstag den ersten Headliner und präsentieren eine bestens getaktete und wohl dosierte Zusammenballung aus alten Klassikern, neuen Songs und zwei Auftritten, zu denen Baaba Maal ans Mikro gebeten wird - im vergangenen Jahr nahm die Band die LP »Johannesburg« mit dem senegalesischen Sänger auf, man kennt sich also bestens. Dann fällt Sänger Marcus auf, dass ihm Berlin ungemein gefehlt hat: »Two years since we’ve played in Berlin – That’s far too long. We fucking love it here!« So ist die Performance  zuweilen von melancholischem Schwermut, allerdings auch von einem lebensfrohen Stimulus geprägt: Tempo-Variabilität und die grundlegenden Wechsel zwischen balladesken Ruhepuls-Arrangements und den bewährten Folk-Rock-Kloppern erwecken den gut gemeinten Anschein, die Briten schnupperten abwechselnd am Oxytocin und dann wieder am Adrenalin.

Die Fahrt zum Gelände am Festivalsonntag ist bei einigen noch vom Chaos des Vorabends getrübt. Eine Grundhaltung, die allerdings schnell verfliegt, als bei – endlich – trockenem Wetter und ein paar kitzelnden UV-Strahlen die bezaubernde Sigrid ganz nonchalant über die Bühne hopst und sich zur Mittagszeit mit ihrem melodiösen Synth-Pop auf der Alternative Stage austobt. Ein paar hundert Meter weiter auf der Main-Stage feiern Bonaparte mit gewohnt dadaistischer Bühnenperformance sich selbst und ihren karnevalesken Avantgarde-Punk, bei dem ein riesengroßer Aufblasschwan als crowdsurfendes Fortbewegungsmittel umfunktioniert wird.

Das beste Wetter erwischen an diesem Wochenende Metronomy, die mit ihrem Mix aus Space-Funk, Synthwave und Indietronica die besten und letzten Sonnenstrahlen dazu nutzen, ein Set auf die Beine zu stellen, das vor allem dazu anleitet, den Kopf sorgenfrei in die Luft zu strecken, die Augen zu schließen und allen voran beim Schluss-Track »The Look« das motorische Zepter an den kosmischen Sound von Anna Prior und ihrer multiinstrumentalen Gefolgschaft abzugeben.

Das hochfrequentierteste Kreischen heimsen wenig überraschend Annenmaykantereit ein. Deren Lieder handeln noch immer »von der einen Frau«. Wieso auch nicht? Zum Charisma von Sänger Henning May gesellen sich im Laufe des Konzerts ebenfalls Die Höchste Eisenbahn dazu. Zuvor fällt May aber noch auf, dass ihm die Unterstützung nicht ganz ungelegen kommt: »Das ist die größte Bühne, auf der wir je gestanden haben.«

Mit Stand-Up-Strategie entlockt Foo-Fighters-Frontmann Dave Grohl am Sonntagabend dem Publikum ein halb ausgereiftes Gelächter: »Can you hear that Dance-Music [gemeint ist die Perry’s Stage, auf der gerade Oliver Heldens an den Plattentellern dreht] over there? Sorry, but we simply cannot play Dance-Music since we’re not The Killers.« Generell versteht es der ehemalige Nirvana-Drummer dem Publikum zu erzählen, was gefällt: »We have so much songs. We would like to play for at least three hours. But somehow they don’t want us to play three hours.« Musikalisch beweisen die Foos, dass sie mittlerweile zu den wenigen Rock-Bands mit absolutem Weltformat gehören. Spätestens nach einer Viertelstunde ist offensichtlich, dass dieser Auftritt das Festival nochmals auf eine weitere Ebene der Live-Performance hebt – die Foo Fighters zeigen sich in bester Form als eine zu Hard Rock gewordene Pulsbeschleunigung.

Nichtsdestotrotz kommt der bewegendste Auftritt von The xx. Nachdem bei zwanzigminütigem Verzug bereits erste Vermutungen diskutiert werden, nach denen die Veranstalter dem Lärmschutz ab 22:00 Uhr nachzukommen haben, spazieren Romy Croft, Oliver Sim und Jamie xx dann doch aus dem Nebel hervor, in den die Bühne bereits seit einer Stunde gehüllt ist. Was folgt ist ein unsagbar sphärisches Set inklusive der besten Light-Show, in der es sich an diesem Wochenende zu verlieren lohnt: Nervöse Laserstrahlen fliegen über die Köpfe der Fans hinweg, denen Romy in voller Emotionalität von ihren Ängsten erzählt. Oliver weist ganz grundsätzlich darauf hin, »that we live in scary times. It is so beautiful to see you people. Germany is such a special place to us.« Und tatsächlich wird das Konzert zum therapeutischen Dialog zwischen The xx und all den Zuschauern, von denen nicht wenige zu weinen beginnen. Auch Smith weint, mehrmals. In der Luft liegt etwas – allem Pathos zum Trotz – Magisches. Wenngleich auf dem Lollapalooza oft von Liebe und kollektiver Harmonie gesprochen wird, ist dieses Gefühl bei The xx so greifbar wie bei keiner anderen Band an diesem Wochenende.

Nach zwei Tagen Lollapalooza kann man eines nicht ignorieren: Die Schwierigkeiten des jeweils ersten Tages scheint das Festival, das bislang immer an einem anderen Ort in Berlin stattfinden musste, nicht los zu werden. Als es darauf ankam, handlungsschnell und – zum Wohle der Besucher – vor allem angemessen zu reagieren, waren die Veranstalter aber da. Das aufregende und kontrastreiche Line-up, sowie die friedfertige und fürsorgliche Atmosphäre auf dem Gelände sorgen ohnehin dafür, dass das Lollapalooza Berlin 2017 erinnerungswürdig bleibt.

Und 2018? Man würde dem Festival ja wünschen, dass es endlich irgendwo ankommen darf, wo sich keine Anwohner gestört fühlen und der Nahverkehr trotzdem funktioniert. Dass es überhaupt an eine Stelle wiederkehren kann, an der man die Erfahrungen des Vorjahres für sich nutzen kann, um aus den eigenen Fehlern zu lernen. Da macht es die Stadt Berlin ihrem Lollapalooza allerdings extrem schwer.