Geheimer Headliner: Notstrom-Aggregat

So war das Kosmonaut Festival 2017

Von der Zentralhaltestelle zur Skyline: In Chemnitz ist zum fünften Mal Kosmonaut und es wird wohl bald das beste Festival der Welt sein.
Text: Paula Irmschler ,
Foto: Christian Hedel
Was haben Übergangs- und Dauerchemnitzer gestaunt, als es 2013 hieß: Die Kraftklubs machen jetzt ein Festival. Ja, geil/ Ach, komm. Ein Tag, 6.000 Besucher, wenig Eintritt, das ehemalige Splash!-Gelände am Stausee Oberrabenstein als Veranstaltungsort und Kraftklub unter dem Namen »Kosmonaut« als erster geheimer Headliner. Ein Jahr später wurde das Festival schon auf zwei Tage ausgedehnt und die Besucherzahl fünfstellig. Kultur in Chemnitz, das hieß immer: Langer Atem or die - Lärmbeschwerden, fehlendes Interesse der Bevölkerung und Ostdeutschland. Heute ist das Kosmonaut Festival das Hipsterfotomotiv der Blume, die sich durch den Beton wächst, das Richtige im Falschen, Stern Sirius von Sachsen, hellster Stern am tristen Himmel, der uns leiten und uns finden lassen mag, was wir suchen: geiles Zeug.

Im fünften Jahr des Festivals hat sich das Wochenende als feste Instanz der Stadt etabliert. Ganz selbstverständlich verwandelt sich im Laufe des Freitags auch Chemnitz in Kosmonaut-Land. Bei Aldi gibt es keine Tetra Paks mehr, an der Zentralhaltestelle wird sich Pfeffi gereicht und der Shuttlebus bringt einen Sternburg Bier trinkend in zwanzig Minuten in eine Welt voll glücklicher, verliebter Menschen, die für zwei Tage gemeinsam in Richtung Bühne und gleichzeitig See gucken, auf dessen gegenüberliegenden Seite »KOSMONAUT« in weißen Hollywood-Lettern prangt und einen schmalzen lässt: geht doch.
Kosmonaut Festival 2017
Bild: Christian Hedel
Und ja, wirklich alle sind glücklich über dieses Kleinod der Festivallandschaft: Die Security ist streng, lappt einen aber lächelnd und in breitestem Sächsisch voll oder verjagt einen von dort, wo man nicht sein soll, so, dass man es wieder nur kultig finden kann und nicht mal böse ist, dass man nun schon wieder zu spät zu einem Act (Freitag: Von Wegen Lisbeth, Samstag: Voodoo Jürgens) kommt, den man eigentlich sehen wollte. Sicherheit ist gut und außerdem: »Or, dann drink mor hald no de Flasche Pfeffii aus, die muss eh leer wern«. Nu genau.

Auch das Line-up kann als nichts anderes als »nett«, im besten Sinne gemeint, bezeichnet werden. Die Atomino Stage beherbergt Newcomer, die im nächsten Jahr bitteschön die Hauptbühne verdient haben. Namentlich gemeint sind die Chemnitzer Band Blond, die Berliner Rapperinnen SXTN oder der Austropopper Voodoo Jürgens aus Wien. Auf der großen Bühne kann man hingegen noch mal die alte Riege sehen: Die Editors wirken hier wie aus einer anderen Welt (immerhin England) und legen ein bisschen Schwere auf die Leichtigkeit, passend zu diesem verregneten Abend, bevor Deichkind sich typisch und wie ein sehr aufmerksamkeitsbedürftiges Kind über die Meute bewegen und alles mit Farbe beschmieren. Strobo fürs Herz. OK KID bringen einen auf der kleinen Bühne wieder ein wenig runter und im Anschluss wird sich stoisch beim Blume Open Air noch hin- und herbewegt, bis man eben vergisst, wie man jetzt noch nach Hause kommt. Egal, alles wird gut.   

Annenmaykantereit machen dementsprechend am nächsten Tag normale Annenmaykantereit-Sachen, heißt: Wir wollen uns alle sofort gegenseitig in die Wangen kneifen. Gerührt nicht nur Publikum, sondern auch der Henning. Fünf Jahre Kosmonaut machen auch ihn nostalgisch, denn: »Vor fünf Jahren haben wir angefangen, Musik zu machen. Seit zwei Jahren so, dass wir davon leben können. Danke euch dafür.« Doch es geht noch weiter. Beim Song »Du bist überall«, der für Annenmaykantereit sonst immer Anlass ist, das Publikum für seine Handyfilmerei zu beschimpfen, fällt May einfach nichts ein: »Jetzt sind hier gar keine Handys und ich weiß gar nicht, was ich machen soll. Bleibt bitte genau so, wie ihr seid!« Ja, okay, ihr aber auch.
Samstag außerdem Auftritt Bilderbuch und alle so: »Grundgütiger!« Sänger Maurice bringt auch den heterosexuellsten Typen im Publikum noch dazu, sein Leben dahingehend zu überdenken. Arschwackeln, stöhnen, anstößige Bemerkungen und Predigten bezüglich »Das Kosmonaut trinkt zu viel«. Wir sind in der Sexkirche und der Boy da vorn unser Gott. »Wie findet das Kosmonaut Religion?« – Buh! – »Wie findet das Kosmonaut Sitzen auf einer Wiese?« - Gut, aber kannst du uns vielleicht alle mit nach Hause nehmen?  

Wieder aufs Wesentliche konzentrieren. Das große Raten um den geheimen Headliner hat hier längst Flunkyball als beliebtestes Festivalspiel ersetzt. Wie in jedem Jahr, hat man schon »den Rothaarigen von den Hosen gesehen«, »von internen Stellen erfahren, dass es doch die Ärzte sind, aber psst«, bereits »Mexikaner mit Eizi Eiz gesoffen« oder einem ist »John Lennon erschienen«. Einer von den Angebern hat natürlich immer Recht. Es sind die Beginner, die sich mit »hier ist Mark Foster und seine Jungs« an- und abkündigen, eine großartige Show spielen und daran erinnern, dass sie 1999 auf dem Splash! an gleicher Stelle gespielt haben. Veteranen! 18 Jahre ist das her - und es geht weiter. Hier in Chemnitz. Dank Kraftklub.   

Aber Moment mal … apropos Kraftklub. Die haben doch ein neues Album, stehen nicht auf dem Timetable und der geheime Headliner sind sie eh nicht… Was zur Hölle? Da muss noch was kommen. Da kommt noch was. Am Samstag um 7.30 Uhr morgens auf dem Zeltplatz wird den pennenden Kateropfern in ihren Zelten kein Schlaf, aber dank eines Notstrom–Aggregats ein spontanes Konzert der Band gegönnt. Keine Nacht für niemand, fly me to the moon.

Bist du dir jetzt schon sicher, dass das Kosmonaut dein Lieblingsfestival 2017 ist? Dann stimme jetzt ab beim Voting für das beste Festival beim unabhängigen Festival-Award Der Helga!® 2017.