Die ganze Bandbreite der Emotionen

So war das Highfield 2016

Auf dem Highfield geht es dieses Jahr heiß her: Das Wetter schwankt zwischen 10 und 30 Grad Celsius – und unsere Stimmung umfasst eine ähnliche Spannweite. Welches Festival bringt schon Rammstein und Scooter zusammen auf eine Bühne?
Text: Sophia Sailer
Bereits bei der Anreise wird deutlich, dass das Festival mit 35.000 Besuchern nicht nur ausverkauft ist, sondern mit 10.000 Leuten mehr als im Vorjahr an seine Grenzen stößt. Schon am Donnerstag sind die Campingplätze überfüllt – wer hier zelten will, benötigt Tetris-Skills und starke Nerven.
Man möchte sich nicht vorstellen, wie frustrierend die Platzsuche für die Anreisenden am Freitag sein muss. Den meisten steht ihr Unbehagen jedoch sowieso in die verschwitzten Gesichter geschrieben, sodass es eigentlich keines großartigen Vorstellungsvermögens bedarf. Abkühlung sollte hier der Störmthaler See verschaffen. Pustekuchen: Zwei Stunden müsse man warten, um einmal ins kühle Nass zu tauchen. Dann eben doch die warme Dusche – dorthin schafft man es sogar innerhalb einer Stunde. Bereits während des Auftritts von Sum 41 platzt das Festivalgelände aus allen Nähten. Wie soll das erst bei Rammstein werden? In den ersten Reihen eine pogende Masse, der Rest schwelgt zu »Into Deep« und »Walking Desaster« in Erinnerungen an vergangene Jahre. Verdammt lang her –– obwohl es noch genauso klingt wie damals. Durch und durch routiniert wirkt das Ganze: Ein paar Fans werden auf die Bühne geholt mit denen der Sänger dann zwischendurch ein Selfie macht, das Publikum besteht mal aus »Ladies and Gentlemen«, mal wird es als »Motherfucker« tituliert. Ganz Rock'n'Roll also.
Highfield 2016
Bild: Tamara Reuter
Highlight des Freitags bleiben Wanda aus dem Nachbarstaat. Ihr Dialekt klingt gesprochen übrigens fast noch schöner als gesungen. Mit lässigem Wiener Charme (oder eben Schmäh) wird dem Publikum die Liebe gestanden und die Zigarette vom Sänger sogar während der Lieder geraucht. Anschließend wirft er die restliche Schachtel mit der Bitte, sie solle 15 und nicht nur einen Menschen glücklich machen, in die Menge. Amore!

Aber jetzt mal Butter bei die Fische: Worauf wohl alle gewartet haben war H.P. Baxxter alias Scooter. Trash-Techno auf dem Highfield? Die Bandbestätigung hat bereits vor Wochen Köpfe verdreht. Ob das gut geht? So lala. Die meisten Menschen beschließen nämlich schon nach den ersten drei Songs, dass die Performance irgendwie zwar witzig, aber nicht so dauerhaft unterhaltsam ist, wie zunächst angenommen. Und das trotz Scooter-Hooligans, die sich laut Pavillon-Aufschrift nur für den blondierten Herrn und seine Band hier eingefunden haben. Vielleicht liegt die Ernüchterung auch daran, dass die Bühne so gut besucht ist, dass weit hinten kaum noch was vom Sound oder der nicht zu verachtenden Lichtshow ankommt. Als Gag vielleicht ganz nett, aber für einen Headliner um Mitternacht fällt Scooter dann leider doch überraschend mau aus.
Highfield 2016
Der Samstag startet mit Fjørt. Die Aachener setzten mit ihrem vorletzten Song ein deutliches Zeichen für Zusammenhalt und gegen Fremdenfeindlichkeit. Schließlich ist ein Festival immer ein Ort, an dem viele verschiedene Menschen zusammentreffen, ein Ort der Begegnung und somit eben auch der Toleranz. Selbiges Bild vermitteln auch die Stände des Festivals: Antifa reiht sich an Viva Con Agua, diese grenzen wiederum an die Theke von Peta.

Grenzen kennt auch das kulinarische Angebot nicht. Es gibt natürlich die Festivalklassiker Handbrot, Döner, Falafel und Pizza, aber auch Käsespätzle, Lachs-Döner und Steinofenpizza in mehrfacher Ausführung. Was das Festival an Essen gewinnt, fehlt an anderer Stelle. Zuerst haben wir uns gefreut, dass man verhältnismäßig viele Bands sehen kann, da es lediglich zwei große Bühnen gibt. Überraschend prall fällt das Line-up für das kleine Festival aus, das sich lediglich auf zwei Bühnen abspielt. Leider stehen diese direkt nebeneinander und da sich die Menschenmassen eben nur auf diese zwei Orte verteilen, ist zum einen immer sehr viel los, zum anderen werden weiter hinten stehende Zuhörer in den Genuss zweier Bands gleichzeitig kommen. So grätschen zum Beispiel die Blastbeats von Heaven Shall Burn immer wieder in die süffigen Songs von Wanda. Das nervt.

Dann eben doch die Weinbar, bis Rammstein losgeht. Die sind nämlich die Herren der Stunde –– dafür spricht nicht nur der Headliner-Slot, sondern auch die Bekleidung der Besucher, von denen ein Großteil den Merchstand leer gekauft hat. Das übrigens auch schon Stunden vor dem Konzert, nur um sich die besten Plätze zu sichern. Gar nicht unbedingt nötig, denn der Sound ist selbst von hinten noch hervorragend und die Show in jeglicher Farbe und Facette brachial. Warum diese Texte und eine Performance, die Engelsflügel beinhaltet, nicht lächerlich erscheint, ist nicht wenigen hier noch immer ein Rätsel. Aber die Ernsthaftigkeit der Band auch nur eine Sekunde in Frage zu stellen, wagt an diesem Abend keiner. Genauso wenig zu stören, scheint der Regen, der pünktlich zum Konzertbeginn in Strömen herunterprasselt. Passt aber irgendwie zur Stimmung.
 

 
Der Sonntag schließt mit dem Krawall von Deichkind, der wieder sämtliche Register des Hamburger Show-Wissens in präziser Reihenfolge zieht und wahrscheinlich noch über die Landesgrenze hinweg zu hören ist. Es geht so ein Festival zu Ende, das keine besseren Voraussetzungen hätte haben können, doch mittlerweile an seine Grenzen stößt. Die Masse an Besuchern sprengt den kleinen Rahmen des Festivals – der besondere Charme und die gemütliche Atmosphäre werden buchstäblich von der Menge überrannt. Wie die Veranstalter damit umgehen, werden wir wohl erst im nächsten Jahr erfahren.