Rocken gegen Ruhe

So war das Bergfestival 2016

Anfang Dezember vermutet man in einem österreichischen Wintersportort eher Apres-Ski-Hits als Gitarrenriffs und knallende Beats. Das 4. BERGFESTival in Saalbach-Hinterglemm hat es sich jedoch auch heuer wieder zum Ziel gesetzt, diese Spielregel für ein Wochenende auszuhebeln.
Text: Christoph Stein ,
Foto: Christoph Stein
Saalbach im Glemmtal, am Fuße des Schattenbergs. Dass hier schon am nächsten Tag bis zu 4.000 Festivalbesucher durch den Ort pilgern werden, ist bei der Anreise am Donnerstag noch schwer vorzustellen. Der Ort wirkt verschlafen, einige wenige Skigäste lassen sich ein Stiegl in einer Schirmbar schmecken, in der ein dumpf klingender DJ Ötzi einen Stern besingt.

Als dann am Freitag der Auftritt von Zebrahead beginnt, fühlt es sich richtig nach Festival an. Die kalifornischen Punkrocker stört es wenig, dass sich vor der Hauptbühne im Ortskern erst eine Handvoll Besucher eingefunden haben – denn die sind dafür gleich voll bei der Sache. Sänger Ali stürzt sich sofort in die Menge und springt los, während die zur Band gehörenden tanzenden Bierflaschen Beer I und Beer II sich eine wahre Saufbattle liefern. Mit den Walisern Skindred und ihrem Crossover aus Metal und HipHop geht es direkt mit Vollgas weiter, die wütende Stimme von Sänger Benji wird virtuos von Gitarrist Mikey begleitet, der als Cousin von ZZ Top durchgehen könnte. Ein kurz angespieltes Pop-Sample wird jäh durch ein lautes »We dont need that evil shit!« abgebrochen. Danach wird die Marktsackpfeife von In Extremo als Headliner abgefeiert, es fließt aber weiterhin Glüh- anstatt Honigwein. Das Mittelalterfeeling dringt bis in den Shuttlebus, der jeden, der will nach Hinterglemm bringt, wo die zweite Hauptbühne steht.

Auf der zweiten Hauptbühne in Hinterglemm stehen dann zweimal bayrische Mundart aus dem Chiemgau auf dem Timetable. Der Folk-Pop von Django3000 erzeugt schnell eine Mordsgaudi – vor allem durch Kontrabassist Michael. LaBrassBanda lassen danach die Blaskapelle von Hinterglemm alt aussehen, die Masse tanzt und gibt johlend den Schuhplattler.


Der Samstag beginnt sonnig, und vor allem luftig. Ziel ist die 1910 Meter hoch gelegene Wildenkarhütte, die als Kulisse für ein Akustikset von den Donots gewählt wurde – jedoch ohne Bass. Der wurde nämlich einfach im Ort vergessen, sodass Bassist Jan sich stattdessen am Glühwein festhält. Sänger Ingo verrät, dass die Band abends ihr 999. Konzert geben werden. Während die letzten Skifahrer die Pisten runterfahren, sind Lemo aus Graz auf der Bühne am Reiterkogel angekommen. Nicht nur an ihrem Outfit ist zu erkennen, dass die Temperaturen am zweiten Tag noch weiter gesunken sind. Neben feinen Popsongs gibt’s zum Glück auch hier Glühwein. Rockiger und staubiger klingen mittlerweile die schwäbischen Killerpilze, die völlig zu Unrecht immer noch die Altlasten Ihres frühen Erfolges mit sich herumtragen müssen.

Das 999. Konzert der Donots steht an, der Platz ist mittlerweile wieder gut gefüllt. Wesentlich lauter als mittags geht´s zur Sache, ein Circlepit folgt dem nächsten und Sänger Ingo ist mittendrin. Die Songzeile »Ich hab kein Problem – ich bin das Problem« wird kurzerhand von Bloodhound-Gang-Bassist Evil Jared unterstützt, der Ingo auf die Schultern nimmt und dem künftigen US-Präsidenten Donald Trump den Mittelfinger zeigt. Mit seinem persönlichen Himmelfahrtskommando landet Alligatoah auf der Bühne – die Band komplett mit Engelsflügeln bestückt. Kurz vor Mitternacht machen sich Wolfmother auf, der fröstelnden Menge noch einmal richtig einzuheizen, was ihnen direkt gelingt. Der Hard Rock der Australier klingt nach einer lauten Mischung aus Jimmy Hendrix und The Doors, gepaart mit einer von Sänger Stockdale bis zum letzten Ton gequälten Gitarre. Die Ohren klingeln und glückliche Besucher verschwinden in die diversen Nachtbars.