»Macht es wie die Wildschweine: Nehmt die Äpfel, die schon am Boden liegen«

So war das Appletree Garden 2017

Zwischen frenetischem Tanz und entspanntem Lauschen bot das Appletree Garden in diesem Jahr erneut unter seinen Bäumen ein abwechslungsreiches Programm in tiefenentspannter Atmosphäre.
Text: Henrike Schröder ,
Text: Helen von Daacke
Bei Facebook postete Die Höchste Eisenbahn ein Video von zwei Securities die bei ihrem Konzert im Graben vor der Bühne fröhlich grinsend auf einander zulaufen. In der Mitte angekommen überreicht der eine dem anderen einen Lolli, der daraufhin noch breiter grinsend zurückläuft. Die Aussage ist fast schon zu einem Klischee verkommen, denn es gibt kaum einen Künstler, der an diesem Wochenende nicht davon schwärmt, wie schön dieses Festival in der niedersächsischen Provinz ist. Aber: es stimmt. Wenn einen die Securities mit Konfetti bewerfen und einem Lakritz-Lutscher anbieten, dann ist schon bevor die Konzerte überhaupt beginnen klar, dass hier mal wieder alles richtig gemacht wurde.

»Deutschlands bester Disko-Punk on Tour«

Seit 16 Jahren gibt es das Appletree Garden mittlerweile: Erst fand es auf einer Apfelbaumwiese in Cornau statt und seit 2006 im Bürgerpark Diepholz, umringt von Bäumen – darunter natürlich auch Apfelbäume – inmitten einer Lichtung. »Macht es wie die Wildschweine, nehmt die Äpfel, die schon am Boden liegen«, rät Erobique am Donnerstagabend. Der Entertainer lässt die Grenzen zwischen Disko und House klischeevoll ineinander übergehen und hat sichtlich Freude daran. Immer wieder richtet er Worte an das Publikum, das frenetisch tanzt, und erklärt sich selber zum letzten Disko-Punker Deutschlands. Mit einem Blick auf das Klapphandy – »Ich habe noch 15 Minuten« – holt er sich schnell einen Sombrero und erzählt – während Debbie Harrys Stimme zu »Heart Of Glass« erklingt, eine Anekdote, wie er mit Besagter eine Nacht am Strand in Mexiko verbrachte. Ob das stimmt ist irrelevant – bei Erobique verschwimmt Fiktion mit Realität, Tag mit Nacht. Bei Erobique tanzen alle für den Moment bei »Temperaturen wie in der Südsee«.

»Ihr dürft jetzt Happy Birthday für mich singen!«

Noch bevor Drangsal am Freitagnachmittag die Bühne betritt sind die Instrumente mit einzelnen bunten Luftballons und einer bunt schimmernden »Happy Birthday«-Girlande behängt. Max Gruber feiert auf dem Appletree seinen Geburtstag und damit vor allem sich selbst. So lässt er zwischendurch von Jan aus dem Publikum – der zufällig einen Tag vorher Geburtstag feierte – die Champagnerflasche öffnen, bekommt von seinen Bandkollegen einen Ehrendoktortitel verliehen und erklärt schließlich generös: »Ihr dürft jetzt Happy Birthday für mich singen!«

Ähnlich großzügig zeigt sich Faber etwas später. Sein Schlagzeuger und Posaunist hat ebenfalls Geburtstag: Er wird 19 – erklärt er – und bekommt dafür einen Porsche von ihm. Nachdem er im letzten Jahr bereits auf der Waldbühne spielte, steht er nun mit seinem ersten Album »Sei ein Faber im Wind« auf der Hauptbühne und begeistert das Publikum – auch nachdem die Pausenmusik bereits einsetzt – mit einer zusätzlichen Zugabe.

»Klavier oder verrückt?«

»Klavier oder verrückt?« fragt Martin Kohlstedt am Samstagnachmittag das über den Boden der Lichtung verstreute Publikum, nachdem er sie darum bittet, sich bloß hinzusetzen. Viel Zeit hat er nicht und deshalb wird nicht viel geschnackt, sondern sofort losgespielt. Aber was denn nun? Das Publikum entscheidet sich für Klavier – es ist schließlich schon Samstag und der Apfelbaumgarten in einer Stimmung zwischen leicht müde und entspannt versunken. Die Schlange am Kaffee-Stand scheint immer länger zu werden und die Suche nach einer Sitzgelegenheit aussichtslos.

Um einiges verrückter geht es beim Konzert zuvor auf der Hauptbühne zu. Entgegen ihres zarten, unschuldigen Aussehens geben sich Rosa Walton und Jenny Hollingworth von Let’s Eat Grandma – beide 17 Jahre alt – düster und geheimnisvoll, verdecken ihr Gesicht mit ihren langen Haaren und verziehen keine Miene. Als sie ihren Auftritt dann auch noch mit einem kindlichen Klatschspiel beginnen muss man unweigerlich an »The Ring« oder ähnliche Horrorfilme denken. Dann folgt das eigentliche Konzert: An den Synthesizern spielen sie teils synchron, nehmen nach und nach immer mehr Instrumente, wie E-Gitarre, Saxophon, Xylophon und Mandoline hinzu. Als man schon denkt, jetzt kann nichts mehr kommen, kramen sie schließlich die Blockflöte hervor, tanzen von einem Ende der Bühne zum anderen und legen sich E-Gitarre-spielend auf den Boden. Egal wen man danach fragt, Let's Eat Grandmas Auftritt hinterlässt bei den Besuchern zwiegespaltene Gefühle: zwischen absoluter Begeisterung und totaler Verwirrung.
Aufgrund verspäteter Flüge und Krankheiten kommt es an allen drei Tagen zu einigen spontanen Programmänderungen. Für Oscar And The Wolf springt am Samstagabend Alice Phoebe Lou aus Kapstadt ein, die für den spontanen Auftritt mit einer improvisierten Band auf der Bühne steht und stimmgewaltig Geschichten aus ihrem Leben – etwa als Straßenmusikerin in Berlin – erzählt. Als die Sonne langsam untergeht und das Festival sich langsam in Dunkelheit hüllt, beginnt sich die Apfeldiskokugel zu dem Song »Galaxies« zu drehen.

Obwohl das Festival schon lange nicht mehr auf der namensgebenden Apfelbaumwiese in Cornau stattfindet, scheint sie omnipräsent: Deko-Äpfel im Haar, als Druck auf der Kleidung, der Picknickdecke oder als Diskokugel über der Waldbühne. Wer einmal anfängt zum Appletree Garden zu fahren, dem wird es schwer fallen nicht im nächsten Jahr wieder hier zu stehen – bemalt mit einem glitzernd grünen Apfel auf der Wange.