Entschleunigung am Rande der Lüneburger Heide

So war das A Summer’s Tale 2017

Zum dritten Mal wurde das A Summer‘s Tale ausgerichtet und es bestach auch diesmal durch ein schönes Konzept, eine geschmackssichere Musikauswahl und ein abwechslungsreiches Drumherum.
Foto: Maxim Abrossimow ,
Text: Kai Wichelmann
Wie die meisten Festivals liegt auch das A Summer’s Tale abseits städtischen Treibens am Rande der Zivilisation. Irgendwo in Norddeutschland. An kleinen, mit roten Ziegeln gepflasterten Straßen, an Dörfern wie Salzhausen und Luhmühlen vorbei, ist man schließlich dort, wo auch der arroganteste Städter beizeiten hin will: In der Natur. Am Rande der Lüneburger Heide öffnet A Summer’s Tale zum dritten Mal seine Pforten – und das Konzept lässt sich vielleicht mit einem Wort am besten zusammenfassen: geschmackssicher. Wie auch in den Jahren zuvor setzen die Veranstalter auf Recycling, Fair Trade, die Essenststände werden von Locals betrieben und um die Musik herum findet sich ein abwechslungsreiches Rahmenprogramm aus Lesungen und Workshops. Dazu gibt es vergleichsweise kurze Wege zu den Bühnen und Veranstaltungen und ein heterogenes Publikum, das statt bierseliger Hedonisten-Attitüde höfliche Entspannung walten lässt. Man, sind die alle freundlich und entspannt – und gleichzeitig erwischt man sich bei dem Gedanken ob der alte Vater Rock’n’Roll, aufgrund von zu viel Öko-Snobismus nun vielleicht endgültig zu Grabe getragen wurde. Zugegeben: Das exzessive Element findet hier keinen Eingang aufs Gelände, das heißt in kurzen Fakten: keine Moshpits, kein Gegröle, kein Kontrollverlust, aber eben auch: Wenig Müll und Dreck und die soziokulturelle Neuentdeckung von sozialem Verhalten seinen Mitmenschen gegenüber. Je nach Erwartungshaltung darf man dies langweilig oder begrüßenswert finden.
Dieser hier gepflegte Habitus findet im Line-up mitunter seine Entsprechung. Bands und Künstler wie Die Sterne, Pixies, The Notwist, Franz Ferdinand oder PJ Harvey richten sich an ein etwas in die Jahre gekommenes Zuhörerpublikum. Dabei, so fällt auf, setzen die Veranstalter (noch nicht?) auf Wiederkehrer, sondern variieren in den ersten Auftaktjahren das Line-up merklich, ohne die Kernzielgruppe gänzlich aus den Augen zu verlieren.

Zum Festivalauftakt am Mittwoch steht noch nicht allzu viel auf der Agenda, es gibt mit Bernd Begemann & Die Befreiung gleich Entertainment deluxe vom versierten Showhasen auf der kleinsten Bühne, der Waldbühne. Mit »Unoptimiert« spielt er ein Stück, das sich Jan Böhmermann vor kurzem in seinem Podcast mit Oli Schulz wünschte. Vielleicht mag er das Stück deshalb so gern, weil es eine großartige Selbstbehauptungshymne gegen jedweden Druck von außen und versuchter Einflussnahme ist. Die Sterne zeigen im Anschluss, dass sie eine Institution sind. Über die Jahre kaum gealtert haben sie immer noch den nötigen Biss. Zuletzt ließen sie sich von Bands auf dem Sampler »Mach's besser« covern. Frank Spilker erzählt die Hintergründe zu den Songs und welche Gruppen »ran durften«: unter anderem Kreisky oder Stereo Total. Durch über 25 Jahre Bandgeschichte spielt sich die Gruppe, inklusive der Instant-Classics »Aber Andererseits« und »Was hat dich bloß so ruiniert?«.

Nach dem Einstieg durch alte Bekannte, ist am Donnerstag das Gehör offen für neues. Mir nichts, dir nichts sieht man am frühen Abend im Zeltraum mit Tash Sultana eines der Festivalhighlights. Die Australierin ist Anfang 20 und pflegt den DIY-Ansatz. Auf der Bühne stehen zahlreiche Instrumente und sie spielt alle selbst. Schnell fällt auf, dass sie genau jene Manie in sich trägt, die es braucht, um es (künstlerisch) ganz nach oben zu schaffen. Wie ein Derwisch pendelt sie über die Bühne. Greift zur Gitarre, fabriziert Klacker-Beats und nimmt die Zuhörer durch ihre aufrichtige Emphase mit. Am Ende spielt sie »Jungle«, den viralen Hit, der mittlerweile auch bei Spotify rund 15 Millionen Mal geklickt worden ist.
Später am Abend dann eine weitere Überraschung: Die Pixies liefern. Viele mögen gedacht haben, nachdem schon Unkenrufe nach semi-inspirierten Platten und Auftritten laut wurden, dass sich das Vorurteil bestätigen wird, dass hier gelangweilte alte Männer ihre zappeligen Songs zu langsam und träge darbieten würden. Dies ist nicht der Fall. Mit sichtbarer Freude lenkt Frank Black durch die verschiedenen Phasen der Band. Alt und Neu vermischt sich, neuere Songs wirken auf einmal toll. Im zweiten Teil schnallt sich der Frontmann dann die Akustische um und ein gutes Konzert wird zu einem grandiosen. Am Ende spielen Sie »Into The Light«, die Nebelmaschine pumpt und pumpt und ein Flitzer rennt auf die Bühne, wird jedoch schnell von den Securitys niedergerungen. Die Gruppe versinkt im Nebel. So unvorhersehbar wie bei den Pixies ging es bei PJ Harvey nicht zu: Mit der Aura eines eiskalten Engels und einem Spielmannszug aus gut gekleideten Männern um die 50 überlässt sie nichts dem Zufall. Ein Auftritt, der nicht enttäuscht, aber durch seinen gelebten Perfektionismus auch wenig berührt.

Die beste Live-Band des Landes? Ganz klar: The Notwist. Die Soundtüftler aus Süddeutschland werden immer besser, weil sie sich immer mehr trauen. Auf Platte schon experimentell, steigern sie sich gerne und zunehmend ausufernder in Avantgarde Techno Exkursionen hinein. So werden Mini-Hits wie »Run Run Run« und »Pilot« zu echten Dance-Hymnen. Das tendenziell eher ruhigere Publikum fährt hier richtig aus der Haut. Ein wenig Ekstase darf es dann eben auch sein. Zwei Stunden später steht Alex Kapranos von Franz Ferdinand auf der Bühne und reckt die Arme aus. »Feiert mich!« will er damit wohl ausdrücken. Nachdem Nick McCarthy die Band verlassen hat, muss er umso stärker rödeln, so scheint es. Was Franz Ferdinand bieten ist ein zweckdienliches Set, das die Massen zufrieden stellt. Die neuen Songs, die die Band seit ein paar Wochen in ihr Set einbaut, lassen ein gutes kommendes Album erahnen.

Verlässt man die Bühnenumgebung, dann fällt auf, dass abseits des musikalischen Treibens wirklich viel geboten wird. Man kommt theoretisch also auch ohne Musik auf seine Kosten. Bei Kanu-Touren, beim Wood Working oder bei einer Barfußwanderung. Auch kulinarisch gibt es viel zu entdecken: Egal ob bei Pommes am Stil, Bauernbrot, Pulled Pork Kartoffeln oder Bauerneis, schmecken tut das alles sehr. Wer sich hier jedoch richtig durchessen will, der darf nicht aufs Kleingeld achten.
A Summer's Tale Festival
Bild: Maxim Abrossimow
Am finalen Festivaltag zeigen Element of Crime, dass die Seefahrer-Romantik ihrer Trompeten geschwängerten Songs nichts von ihrem Charme eingebüßt hat. Sven Regner ist in bester, schnoddriger Erzähllaune und erzählt von seinem Zivildienst, den er hier in der Ecke vor zig Jahren absolviert hat. Mit »Wenn es dunkel und kalt wird in Berlin« spielt die Gruppe auch eines von zwei neuen Stücken – es dürfte eines ihrer besten sein. Die Melancholie des Kommen und Gehens die dieser Stadt anheftet und die Sven Regener volltrefflich beschreibt rührt selbst gestandene Männer zu Tränen. Zeit für Taschentücher.

Den krönenden Abschluss liefert Feist. Sie schafft es tatsächlich vor mehreren Tausend Menschen eine intime Baratmosphäre zu erschaffen. Im Gegensatz zu PJ Harvey wirkt sie nahbar und witzig. Von einer kleinen, unaufdringlichen Band flankiert reicht das nötigste Gerüst, um ihren kleinen Songs den richtigen Rahmen zu geben. Auch »1234« spielt sie wieder. Ein alter Freund sei zu ihr zurückgekehrt, sagt sie. Neue Freunde hat sie durch ihren charmanten Auftritt garantiert gewonnen. Ein toller Abschluss.

Die hartgesottenen dürfen jetzt noch im Künstleratelier – einer alten Scheune – zum Revolver Club DJ tanzen, der hier Indie-Classics spielt. Der müde Rest geht glücklich in seine Zelte zurück. Vier wunderbare Festivaltage gehen zu Ende.

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