Von Aktivisten, Abzockern und Alternativen

Sicherheit auf Festivals (2001)

Roskilde, 30.06.2000: »Neun Fans wurden im Matsch zu Tode getrampelt, während Pearl Jam spielte. Nach den vorläufigen Ergebnissen der staatlich eingesetzten Untersuchungs-kommission war der schlechte Sound schuld. Wäre die P.A. leistungsfähiger gewesen, wären die Fanmassen beim Gig von Pearl Jam nicht mit solcher Macht nach vorne gedrängt«, so der New Musical Express.
Text: Folke Schneider
Altamont. 06.12.1969: »Zur Katastrophe kam es, als die Rolling Stones als Höhepunkt des Festivals auftraten. Beim Song ›Carol‹ zogen sich ein paar junge Leute nackt aus und krochen in Richtung Bühne, als sei sie ein Hochaltar, als wollten sie sich als Opfer für die Stiefel und Stöcke der Hell's Angels darbieten. Je brutaler sie verprügelt wurden, um so mehr schienen sie von irgendeiner übernatürlichen Macht dazu gezwungen zu werden, sich diesen Agenten Satans als Menschenopfer anzubieten... Mick Jagger murmelte: ›Immer wenn wir diese Nummer spielen, passiert etwas.‹ Als dann der zum Luzifer stilisierte Mick Jagger in dämonischer Pose das Rockstück ›Under My Thumb‹ sang, wurde ein 18-jähriger Schwarzer unmittelbar vor der Bühne erstochen. 19 Ärzte und sechs Psychiater behandelten bis zur Erschöpfung Drogenfälle, Frühgeburten und Verletzungen durch Schlägereien.«*

Tragische Zwischenfälle und tödliche Unfälle bei Großveranstaltungen hat es immer gegeben. Mit Altamont, einem Gratisfestival auf einer verwahrlosten ehemaligen Autorennbahn in der Nähe von San Francisco, das blöderweise mit einer Hell’s-Angels-Security bestückt war, verloren Festivals ihre Unschuld. Auch wenn es sich dabei um ein singuläres Ereignis handelt, so macht die jüngste Chronik der Zwischenfälle nachdenklich: Beim Big Day Out mit Limp Bizkit gab es ein, beim A1-Konzert in Kairo vier, bei einem Fußballspiel in Ellis Park, Johannesburg, 43 Todesopfer. Auch wenn sich die Todesfälle massiv unterscheiden, Anlass sich mit dem Thema Sicherheit zu beschäftigen, gibt jeder einzelne.

Jemand, der sich in der Branche auskennt, ist Paul Wertheimer, Chef des US-Unternehmens Crowd Management Strategies. Vor dem Hintergrund der Katastrophe in Ellis Park fordert er Konzertveranstalter zum Handeln auf: »Es ist ein globales Problem, welches regional nur unterschiedlich auftritt. In den USA existieren keine rechtlich verbindlichen Sicherheitsstandards für Festivals, und die unverbindlichen sind unzureichend. Es findet auch kein spezielles Training für die Security statt – glaub’ mir, sie könnten eine Menge lernen. Stattdessen gibt es die massive Ausbeutung der Konzertbesucher, die einfach in Stadien und Venues gestopft werden. Und wenn vorne zehn stürzen, glauben die hinten halt, dass es endlich Platz gibt, und rücken auf. Wir meinen, dass Rock-, Metal-‚ Pop- oder Rap-Fans für ihr Geld Recht erwerben, weisen sie darauf hin und versuchen ihnen bei der Durchsetzung zu helfen. Die Verantwortlichen für all das Leid sind klar zu benennen: es sind die unverantwortlichen und gierigen Abzocker unter den Promotern. Die Spur geht von Hillsborough über Woodstock '99 nach Ellis Park, wo bereits 1991 mittels eines exzessiven Kartenverkaufs eine ähnliche Katastrophe wie jetzt verursacht wurde.«

Die Aktivisten ziehen auch die Bands zur Verantwortung. Für Wertheimer ist die Roskilde-Katastrophe nicht zufällig bei Pearl Jam passiert. »Eddie Vedder spielt sich nun einmal als Herr des Moshpits auf«, so Wertheimer. Und ruft seine Geister. Der Alive-Moment, in dem er sich so vertrauensvoll in die Arme seines Publikums warf, ist nicht nur ein denkwürdiger und per Video für kommende Generationen festgehaltenen. Er ist mittlerweile auch ein Bild aus einer vergangenen Festivalzeit, als Stagediving und Crowdsurfing noch erlaubt war. Nach den Ereignissen in Roskilde haben sich etliche Festivalveranstalter entschieden, das Crowdsurfing zu untersagen. Ob das der Weisheit letzter Schluss ist, bleibt indes abzuwarten. »Das ist zwar lustig anzuschauen, wenn es aber solch üble Folgen haben kann, muss man was dagegen tun«, sagt Jan Smeets, seit 31 Jahren Chef des Pinkpop in Landgraaf, NL. »Die meisten Leute finden das übrigens gut, weil sie nicht dauernd aufpassen wollen, ob sie gleich jemanden auf die Murmel

bekommen.«

Wertheimer wird sein Einsatz indes nicht nur gedankt. »Immer wieder schreiben mir Fans, wie Pearl Jam und gerade Eddie sich in kritischen Situationen bemühen, die Lage zu beruhigen. Wenn ich diese Zuschriften so sehe: wie schön, dass sie sich bemühen – aber gibt es auch mal ein Konzert von Pearl Jam‚ bei dem es gar nicht erst dazu kommen muss? Die stete Regelmäßigkeit von Krisen hat wohl etwas mit dem Verhalten der Band, ihrem Image und ihrer Organisationsfähigkeit zu tun – sonst müsste Eddie gar nicht erst dauernd ›löschen‹. Nur das ist unser Vorwurf!«

Wertheimer hat es oft mit wütenden PJ-Fans zu tun, wie ein Blick auf die Crowdsafe-Mailingliste zeigt. Viel Leute glauben, mit seiner Kritik an den Alternative-Idolen wolle er nur die schnelle Mark machen. Im Gespräch mit ihm drängt sich dieser Eindruck nicht auf, zumal er auch Missstände bei anderen Rockgrößen anprangert. So ist er mit den Sicherheitsmaßnahmen der kommenden US-Tour von U2 keineswegs einverstanden. Deren geplanter Verzicht auf Sitzplätze im Innenraum sei unverantwortlich: »Denen geht es um die Kohle. Die wollen so viele Leute wie möglich in die Arenen stopfen.« Und Überfüllung ist eine gefährliche Sache: »Mehr als 60.000 Leute hat man nicht mehr unter Kontrolle«, findet auch Jan Smeets. »Das ist das Problem bei Festivals wie Glastonbury. Da kommen zu viele Leute, da braucht man zu viel Security.« Das Glastonbury wurde deshalb in diesem Jahr abgesagt. im Vorjahr waren – Stichwort: Gatecrasher – doppelt so viele Zuschauer anwesend wie zugelassen.

Das von Wertheimer geführte Unternehmen entwickelt derweil eigene Strategien, um sichere Konzerte zu ermöglichen. So propagiert es Sicherheitsstandards, welche die National Fire Protection Association entwickelt hat, und überwacht deren Einhaltung. Auch »Moshing Guidelines« wurden entwickelt, denn Paul weiß: »Es geht uns nicht darum, den Fans etwas zu verbieten. Sie wollen und sollen Spaß haben. Wir zeigen den Veranstaltern, wie das funktionieren kann.«

In Roskilde tut sich derweil einiges. Hierzu Leif Skow von der Veranstalteragentur: »Das Unglück hat sich zwar nur vor einer Bühne – der Hauptbühne – zugetragen, und es ist zuvor in 29 Jahren Festivalgeschichte auch nichts geschehen, aber wir haben trotzdem insgesamt bei Null angefangen und das gesamte Sicherheitssystem neu konzipiert. Dies betrifft sowohl alle sieben Bühnen als auch das ganze sonstige Terrain mit Camping, Feuerstätten, Toren und Verkehr. Die Matschbildung vor den Bühnen wird durch spezielle neue Böden verhindert. im gesamten Zuschauerbereich stehen besondere Absperrungen, dazwischen werden Korridore eingerichtet, in denen sich die Leute bewegen können. Es werden überall erfahrene Sicherheitsleute postiert, die als Sensoren blitzschnell übermitteln, wenn auch nur die Gefahr von Überfüllung besteht. Wir können die Tore nun an allen Seiten nach Bedarf schließen, um weiteren Zustrom in bestimmten Phasen zu unterbinden und Überfüllungen auszuschließen. Es gibt neue riesige Screens, die es attraktiv machen, in Abstand zur Bühne relaxt zu lagern und das Geschehen dort live zu verfolgen. Zudem geben wir 20.000 Tickets weniger aus als in den letzten Jahren.«

Paul Wertheimer ist mit den Vorkehrungen in Roskilde zufrieden: »Sie haben es begriffen und unternehmen ernsthafte Anstrengungen, dass sich so etwas nicht wiederholt. Ich halte das Roskilde-Festival dieses Jahr für sicher.«

* aus: U. Bäumer: »Wir wollen nur Deine Seele«. Enthält neben der blumigen Schilderung der Vorgänge in Altamont einige launige Anekdoten sowie haarsträubende Denunziationen zum Thema Rockmusik und Satanismus.

Roskilde – aber sicher doch!

Safety durch Vierteilung

Obwohl die Ursachen für das letztjährige Unglück noch nicht genau feststehen – der Abschlussbericht der dänischen Polizei wird erst für nächstes Jahr erwartet – haben die
Veranstalter unter Anleitung von Spezialisten dieses Jahr die Sicherheitsvorkehrungen intensiviert. Die Festivalmacher haben dabei »alles hinterfragt und keinen Stein auf dem anderen gelassen«, so Roskilde-Sprecherin Rikke Oxner.

Vor allem vor der Bühne, da wo die Menschen zu Tode getrampelt wurden, hat sich einiges getan. Die ersten 20 Meter vor der Stage wurden durch drei Gräben, in denen die Security Wache schiebt, in vier rechteckige Sektoren gesplittet. Sollte die Situation Anlass zur Sorge geben, können diese Areale an ihren Außenseiten blitzschnell geöffnet werden. Keine Chance für gefährliche Enge. Sicherheitsbedienstete in Zivil beobachten das Treiben in den Sektoren und können über Funk gegebenenfalls Hilfe herbeiholen. Ferner wurde eine neuartige Kommandozentrale für Polizei, Feuerwehr und Sanitäter eingerichtet. Auch die Position des Security-Managers, bei dem alle Fäden zusammenlaufen, ist neu. Vorsicht ist besser als Nachsicht. Damit sich das auch die Besucher hinter die Ohren schreiben, werden 400.000 Exemplare der Broschüre »Du und die Menschenmenge auf dem Festival« mit wichtigen Verhaltensregeln ausgegeben. Bezahlt haben das Heftchen Oasis und die Pet Shop Boys, die ihre Gagen nach der Tragödie spendeten.