Schampus? Vergiss es! (2002)

Karel Hamm steht immer unter Strom. Trotzdem feiert der Produktionsleiter bei Rock am Ring keine Gelage.
Text: Andreas Schnell
Wenn Andere sich prächtig amüsieren, muss Karel Hamm arbeiten. Immer. Ein freies Pfingstwochenende hat er seit Jahren nicht mehr erlebt. Am 50. Tag nach Ostern hat sich was für ihn mit Einkehr und Besinnlichkeit. Dann werden Überstunden gekloppt bis tief in die Nacht. Denn am Ring wird schließlich gerockt. Die FormeI-1-Rennstrecke will in ein ordentliches Festivalgelände verwandelt werden. Vier Bühnen‚ Backstage- und Cateringzelte, Container für Büros, Ton-, Licht- und Videotechnik, Zäune, Kontroll- und Einlasssysteme, Bierstände – eine Menge Arbeit. Da soll einer den Überblick behalten! Karel Hamm kann das. Er ist Produktionsleiter von Beruf und sorgt nicht nur bei Rock am Ring für den reibungslosen Ablauf.

Permanenter Stress und Hektik bestimmen Hamms Lebensrhythmus. Doch den Griff zur »Rennie-räumt-den-Magen-auf»-Tablette hat er nicht nötig. Dafür ist auch keine Zeit. Schließlich muss er gleich zum nächsten Termin. Die fortwährende Hetze merkt man ihm nicht an, wie er da entspannt im Maritim Hotel in Frankfurt sitzt. Groß, schlank, dezenter Ohrring, die Schläfen leicht grau meliert. Umsichtig und konzentriert ist der 45-jährige bei der Sache ­– unverzichtbare Eigenschaften für seinen Job. Diesen Mann scheint so leicht nichts zu erschüttern.

Logistik, Konzeption, Organisation gehören zu seinen Aufgaben. »Von dem Tag an, wo ein Veranstalter weiß, wo er was bucht, gibt er die Durchführung komplett an den Produktionsleiter ab. Das beinhaltet Planung, Kontakt zu Behörden und Hallen ebenso wie komplette Erstellung der benötigten Technik und Infrastruktur«, umreißt er sein Tätigkeitsfeld. »Ich bin eine Ein-Mann-Firma. Ganz ohne Hilfe geht‘s natürlich nicht. Für viele Aufgabenbereiche habe ich komplette Teams. Aber alles läuft über meinen Schreibtisch und wird von da aus koordiniert, überwacht und geplant. Bei Rock am Ring haben wir über 300 Mitarbeiter. Vom Site-Coordinator, also dem Planer für die Vorbereitung des Veranstaltungsorts, über den Stagemanager bis hin zum Cateringteam.« Bei Hamm laufen die Fäden zusammen.

Wenn andere abschalten, dreht er so richtig auf. Feierabend? Fehlanzeige. Während Amerika erwacht, schenkt Hamm sich noch schnell eine Tasse Kaffee ein und bearbeitet die von dort kommenden Anfragen. »In der heißen Phase geht das oft 16 Stunden am Tag«, erzählt Hamm. »Vier Wochen vor Festivaltermin laufen die Deadlines für die Informationen aus, die wir brauchen: Bühnenpläne, damit wir sehen, was wir vorbereiten können, um den Umbau in 20 Minuten zu schaffen; Mikrofonierungs-Charts für die Tonfirmen; Pass-Anforderungen, die oft noch bearbeitet werden müssen, wenn z.B. die erste Band auf der Nebenbühne mit 100 Gästen anrücken will. Da muss man nachhaken. Nichts darf übersehen werden.«

Und dann ist da noch der große Haufen anderer Veranstaltungen. In diesem Jahr war Hamm mit Staind auf Tour, in Arbeit sind eine Konzertreise mit Supertramp, eine mit Alanis Morissette, Lord Of The Dance und zwei weitere Festivals. »Dann ist nebenbei noch Bush, ein Gig in Hamburg mit Billy Bob Thornton, dem Hauptdarsteller in ›The Man Who Wasn't There‹. Und ich habe bestimmt noch was vergessen. Außerdem ist das nur die Planung bis Juli.«

Warum tun Menschen sowas? Geht es um den Glamour, die Glitzerwelt der Stars und Sternchen? Um das Abenteuer, den Rock'n’Roll-Traum? Manchmal ist es bei Hamm wie bei einem Musiker: »Es gibt Momente, wo ich Lampenfieber habe. Kurz bevor bei Rock am Ring der erste Ton erklingt, ist da die Nervosität, ob alles klappt. Ohne den Kick geht‘s nicht. Wenn alles Routine wäre, würde es nicht funktionieren.« Da ist auch Improvisation gefragt. »Am Anfang hast du zwar eine klare Vorstellung von der Sache, aber nachher kommt etwas heraus, das aus so vielen Komponenten besteht, dass es fast ein kreatives Werk ist. Außerdem hat man bei dem Job eine große Verantwortung.«

Mit präziser Vorbereitung allein ist die Sache nicht getan. Wenn Neil Young oder Ozzy Osbourne auf der Bühne stehen, ist Karel Hamm in der Nähe – im Dienst. Denn es kann immer etwas passieren, das einen fachmännischen Eingriff und schnelles Handeln erfordert.

»Denk daran, was vorletztes Jahr in Roskilde passiert ist«, sagt Karel Hamm. Von wegen Party, Künstlerkontakt und Champagner ... »Vergiss es! Wer mit einer solchen Vorstellung da rangeht, wird bitter enttäuscht werden.«

Am Anfang der Karriere als Produktionsleiter stand das Interesse an Musik. Hamm spielte ein wenig in Bands, machte Sessions ­– unter anderem mit Uwe Ochsenknecht, den er noch aus Schulzeiten kennt. Dann kam der erste Job. Stagehand-Debüt 1975. »Ein Freund rief an und fragte, ob ich mithelfen wolle. Das war gleich ein ganz großes Konzert: Yes. Der Bühnenaufbau war von Roger Dean, eine Riesenproduktion. Irre Maloche für wenig Geld. Security und Abbau habe ich auch noch gemacht. Eigentlich Wahnsinn«, amüsiert sich Hamm heute. Nach einigen Stagehand-Jobs dirigierte er eine Crew und machte in den folgenden Jahren alles, was es auf einem Konzert zu tun gibt – vom Bühnenaufbau über Backlinetechnik bis zum Licht. »So habe ich mir ein breites, umfangreiches Fachwissen angeeignet. Abgesehen davon bin ich ein Klassiker: Ich habe Abitur und Führerschein.«

Die Erfahrungen dieser Jahre sind unbezahlbar: »Das nimmt dir keiner. Du lernst, was jede einzelne Funktion wirklich bedeutet, welchen Stellenwert sie im Gesamtgefüge einnimmt.«

Irgendwann kamen dann Aufträge, ganze Produktionen zu leiten. Lichtdesign für Kraan, Rudolph Nurejev und Foreigner. Lichttechniker für Joe Cocker und The Tubes. Produktionsmanager für Rock am Ring (seit 1994), lron Maiden und Die Ärzte. Stagemanager für Die Toten Hosen und Monsters Of Rock. Site Coordinator für Aerosmith und REM. Projektleiter für Black Sabbath, The Who und wen auch immer.
 
Klingt aufregend. Ein Traumjob? Fragt man Hamm, wie man einsteigen kann, hat er einen guten Tipp: »Davon kann ich nur abraten.« Weil: Knochenjob. Einer, den man nicht mal so eben lernen kann. Und mit der Dreifaltigkeit von Sex, Drogen und Rock’n‘Roll ist es auch nicht weit her: »Wenn jeden Tag Show ist, hast du keine Zeit für Partys. Du bist oft von acht Uhr morgens bis nachts um drei in der Halle. Der Nightliner ist dein Wohnzimmer, da wird nicht lange gefeiert, weil es ein paar Stunden später konzentriert weitergehen muss.« Und die Stars? Lassen die‘s krachen, wenn der Produktionsleiter in der Koje liegt? »Die Bands sind auf einem ganz anderen Planeten. Aber auch da stecken viele zurück, die müssen schließlich Leistung bringen.« Früher war das anders. »Ich
hab noch mitgekriegt, wie Einrichtungen aus dem Hotelfenster geflogen sind und ähnliches.« Mehr verrät er nicht, zündet sich noch eine Kippe an und lehnt sich lächelnd zurück. Und muss dann auch ganz schnell weiter.