Zehntausend Bremer entdecken zu den Toten Hosen das Gute im Mob

Ostkurve goes Nostalgiepunk: Die Toten Hosen live in Bremen

Ob Fußballstadion oder Montagsmarsch: Großen Menschenansammlungen haftet schnell der Gestank des latent gewaltbereiten, eigenen Denkens beraubten Mobs an. Wenn sich zehntausend Bremer beim Konzert der Toten Hosen versammeln, kann man sich die bierbäuchigen, fahnenschwingenden Meuten so auch auf der Osttribüne des Weserstadions vorstellen — und doch kann man an einem solchen Abend das Wort »Gruppenmentalität« ausnahmsweise durchgängig positiv besetzen.
Text: Jan Martens ,
Foto: Christina Falke
18.11.2017, Bremen, ÖVB-Arena

Zwar wird sich kaum jeder hundertste Besucher von Spendenbüchsen für Pro-Asyl und »Nazis raus«-Sprechchören während »Willkommen in Deutschland« dazu inspiriert fühlen, den Rest des Wochenendes bei der Flüchtlingshilfe zu verbringen, jeder tausendste wahrscheinlich bei nächster Gelegenheit auch bei Frei.Wild den Bierbecher schütteln, und doch tut es immer wieder gut, eine Band und ihr Publikum eindeutig Stellung für die gute Seite beziehen zu sehen. Wenn von den Besuchern darüber hinaus nur zu bestimmten Songs Fahnen geschwenkt, Wunderkerzen gezündet und (zur aktuellen Single »Wannsee«) Schwimmringe und Gummienten gezückt werden, statt sie zum Instrument permanenter Selbstdarstellung zu machen, zeugt dies zudem von einem gewissen Maß an Rücksichtnahme vor seinen Mitmenschen, die auf Konzerten dieser Größe nicht unbedingt mehr gegeben ist.

Die Düsseldorfer Band — oder besser: DIE Düsseldorfer Band — dankt es den Bremern nicht nur mit Anekdoten und Anspielungen auf ihren strauchelnden Bundesligisten, Grünkohl und die norddeutsche Rundfunkinstitution »Buten un binnen«, sondern auch mit dem souveränen Nachkochen des Patentrezepts, eine Setlist aus Evergreens zugunsten der Konzert-Binger um Live-Raritäten zu ergänzen: »Alex« und die »Opelgang« sind Stammgäste, »Helden und Diebe« nur heute Abend eingeladen. Überraschend zudem, dass neue Songs wie »Unter den Wolken« nicht nur jetzt schon auf ähnliche Euphorie wie seit längerem volljährige Hits stoßen, sondern in ihrer Live-Umsetzung auch den Schlagerstaub abschütteln können, nach dem der aktuelle Output der Hosen so oft müffelt.

Dass so sehr von Nostalgie geprägte Best-of-Sets stets irgendwo auch festgefahrene Unaufgeschlossenheit in den Köpfen des Publikums perpetuieren, liegt in der Natur der Sache und das bekommt auch der Support Shoshin zu spüren: Deren drückender Crossover-Interpretation des Sounds von The Clash wird bestenfalls durch einzelne nickende Köpfe Tribut gezollt, sie muss in dieser Hinsicht sogar hinter der Punkrock-Playlist aus Bad Religion, Pennywise und The Offspring zurück stehen, die während der Umbaupause gespielt wird. Aber solange die Sehnsucht nach früheren Zeiten eben auch die Sehnsucht nach Tagen ohne Nazis im Bundestag dermaßen anfeuert, wie es bei Konzerten der Toten Hosen der Fall ist, darf man sich auch problemlos in fahnenschwenkenden Massen verlieren.