Ordnung muss sein (2001)

Chemnitz-Rabenstein im Juli 2000. 25.000 eigentümlich behoste Halbwüchsige fallen über den beschaulichen, erst kürzlich mit einem Umweltpreis ausgezeichneten Ort her. Die Kids kacken in Flora und Fauna. Sie beschmieren gepflegtes Wohneigentum und verwüsten Landbau. Nach zwei Tagen verschwindet die grenzdebile Horde so plötzlich, wie sie gekommen ist – fast wie ein böser Spuk. Einst blühende Landschaften liegen in rauchenden Trümmern.
Text: Oliver Schäfer

»Der Lärm ist ja unerträglich.«

(aus: Wilhelm Raabe: »Die Akten des Vogelsangs«)

So oder zumindest ähnlich muss man sich den Ablauf des letztjährigen Splash! vorstellen, vorausgesetzt, man glaubt den Schilderungen der lokalen Unabhängigen Bürgerinitiative Rabenstein e.V. Deren Mitglieder haben selbstredend keine grundsätzlichen Einwände gegen größere Musikveranstaltungen für junge Menschen, nur sollten die an geeigneter Stelle stattfinden. Sprich: nicht vor der eigenen Haustür. Ähnliches treibt auch die Berliner Bürgerinitiative »Rettet den großen Tiergarten vor der Loveparade« um. Der gelang mit der Anmeldung einer Gegendemonstration das Husarenstück, dem Raver-Karneval den angestammten Termin am 14. Juli streitig und die Veranstalter von Planetcom lächerlich zu machen. Wann, wo und ob Dr. Motte in diesem Jahr seine Rede halten kann, war bis zum Redaktionsschluss noch offen.

Wer ein Festival zu veranstalten gedenkt, womöglich sogar eines mit Tausenden oder Zehntausenden Besuchern, der tut gut daran, sich im Vorfeld mit starken Nerven ausstatten zu lassen. Denn empfindliche Anwohner sind nicht die einzige Herausforderung, der sich Festival-Veranstalter zu stellen haben: Hürden, Stolpersteine und Fußangeln gibt es zahlreiche, aufgestellt durch die Bürokratie in Form von Ämtern und Polizei und – nicht zuletzt – die Besucher selbst.

Einer Großveranstaltung geht eine tour de force durch Ämter und Behörden voraus. Das Kulturamt, das Amt für Tourismus und Wirtschaftsförderung, Ordnungsamt, Bauamt, Polizei und Feuerwehr sind nur einige der Institutionen, die konsultiert werden wollen. Im Fall der Bonner Rheinaue, einem Wasserschutzgebiet, in dem das Rheinkultur stattfindet, will auch die Wasserschutzbehörde ein Wörtchen mitreden. Doch im Allgemeinen sind die Beziehungen zwischen Veranstaltern und Offiziellen so schlecht nicht. Man zeigt gegenseitiges Verständnis. Ralph Zimmer von der Concert Corporation Bonn, die u. a. das Bizarre veranstaltet, weiß über die Ämter grundsätzlich nichts Schlechtes zu berichten: »Wenn etwas passiert, dann sind die Ordnungsbehörden als erstes dran. Da kann ich schon verstehen, dass die genauer hingucken und die Notbremse ziehen, wenn sie merken, dass ein Veranstalter von Tuten und Blasen keine Ahnung hat.« Ordnung muss sein, allein schon, weil Veranstaltungen, bei denen viele Menschen zusammenkommen, immer ein Risiko sind, wie die Katastrophe von Roskilde im vergangenen Jahr gezeigt hat.

Vor allem bei etablierten Festivals sind die Abläufe mittlerweile institutionalisiert. Man kennt sich und macht sich keine Schwierigkeiten. Dabei ist es hilfreich, dass ein Großteil der Gesetze nicht frei von Sinnhaftigkeit ist. Das Ordnungsamt z.B. möchte von dem Veranstalter neben Nachweisen über Brandschutz, Sicherheitskräfte, Sanitäranlagen und Haftpflichtversicherung auch die Originalverträge mit den Künstlern sehen. Ein nachvollziehbares Anliegen: Die Eichenring-Sandrennbahn in Scheeßel wurde 1977 von wütenden Fans zerlegt, als es, wie vom offenbar lebensmüden Veranstalter (der übrigens nichts mit den jetzigen Machern des Hurricane zu tun hat) versprochen, statt 45 Mega-Acts inklusive Byrds-Reunion nur ein paar Amateurbands zu hören gab.

Hilfreich für die Veranstalter ist, dass Gesetze und Verordnungen durchaus kreativ interpretierbar sind. So drücken Verantwortliche in Behörden dort, wo es sinnvoll erscheint, auch mal ein Auge zu. In diesen Fällen allerdings muss sichergestellt sein, dass inoffizielle Absprachen Behördenintern kommuniziert werden. Ansonsten kann es einem ergehen wie einem Veranstalter, der hier nicht genannt werden möchte. Der hatte von den lokalen Behörden die inoffizielle Genehmigung erhalten, am Tag der Veranstaltung im Umkreis Hinweisschilder auf den Veranstaltungsort aufstellen zu dürfen. Dumm nur, dass der an diesem Tag Diensthabende davon nichts wusste und die Schilder flott wieder abmontieren ließ.

Vor dem Gang durch die Behörden wollen aber erst mal Bürgermeister und Stadtversammlungen informiert und überzeugt werden. Mitunter kein leichtes Unterfangen, wird doch in der Sonne des vermeintlich ach so mächtigen Amtes manch kleines Licht zum selbstherrlichen Provinzfürsten. Nik Schär, Organisator der Techno-Großveranstaltungen Nature One und Liberty One, erklärt, dass ein Bürgermeister im Prinzip nicht selbständig entscheiden könne, ob ein Festival in seiner Gemeinde stattfinden dürfe oder nicht. immerhin gäbe es ja Verwaltungsvorschriften. Doch sieht die Realität anders aus: »Wenn der Bürgermeister die Veranstaltung nicht will«, so Schär, »dann behindert er sie einfach. Entscheidungen werden verzögert. Und wenn man die Genehmigung doch bekommt, ist sie voll von hanebüchenen Auflagen, die man kaum erfüllen kann.«

Und in Sachen Auflagen können die lokalen Behörden alle Register ziehen. Dagegen kann man zwar klagen, doch ein Verwaltungsgerichtsentscheid dauert drei bis sieben Jahre. »Bis ich mit meiner Klage durch bin, hat sich die Hälfte der Bands, die auf meinem Festival auftreten sollten, schon wieder aufgelöst.«

Doch gibt es eine Wunderwaffe, die viele Probleme aus der Welt zu schaffen hilft: Kommunikation. Schär berichtet von dem Bürgermeister einer Gemeinde in der Nähe der Nature One, der das Event verhindern und dazu sogar eine einstweilige Verfügung erwirken wollte. Doch ein Besuch bei dem Mann in Verbindung mit der Einladung, sich das Festival doch mal anzuschauen, wirkte Wunder. Schär: »Um neun hat der Mann unsere Veranstaltung betreten, und um zwei habe ich ihn immer noch gesehen. Es hat ihm offenbar gefallen.« Dass Ratssitzungen, in denen die Veranstalter die Repräsentanten der Gemeinden von ihrem Vorhaben überzeugen müssen, leicht zu Marathonverantaltungen ausarten, kann Schär verstehen. Schließlich habe die Gemeinde ja das gute Recht, sich zu vergewissern, dass da keine Dilettanten ans Werk gehen.

Die Opposition von Anwohnern gegen Konzerte und Festivals gehört, mit wenigen Ausnahmen, zum täglichen Festival-Brot. Wolfgang Niedecken, Sänger der Gruppe BAP, notiert für den 22. Juni 2000 beim Tollwood in München in sein Tour-Tagebuch: »Auch heute steht wieder eine Bürgerinitiative mit Stoppuhr und Handy im Anschlag bereit, um bei Überschreitung der 10.00-Uhr-Grenze die Polizei anzurufen. Sozusagen eine Spießbürger-Initiative.« Allein der lokale Einzelhandel gibt sich nach Großveranstaltungen meist heiter‚ denn hungrige und durstige Festivalbesucher lassen die Kasse in der Regel kräftig klingeln.

 
Glücklich sind Veranstalter, die das nötige Kleingeld haben, um Probleme monetär zu regeln: Um z.B. Streitigkeiten beim Großfestival Tribal Gathering zu vermeiden, luden die Veranstalter die Anwohner der benachbarten Ortschaften kurzerhand ein, das Festival-Wochenende auf Kosten der Festival-Organisatoren in London zu verbringen. Wem solche Aktionen zu kostspielig sind, der tut gut daran, sich peinlichst an die Vorschriften zu halten.

Im Umgang mit Anwohnern wird dann auch klar, dass genau diese Vorschriften weniger Schikanen sind als Hilfsmittel und Wegweiser, auf die Verlass ist. So regelt z.B. das Landesemissionsschutz-Gesetz u. a., zu welchen Uhrzeiten man wo wieviel Krach machen darf und wo wieviel von diesem Krach noch zu hören sein darf: Die Musik auf einem Festival darf beispielsweise zwischen 22.00 Uhr abends und 6.00 Uhr morgens nur so laut aufdreht werden, dass die Lärmbelastung einen Meter vor geöffnetem Fenster der nächsten Wohnbebauung den Grenzwert von 55 db(A) nicht überschreitet.

Was tun? Der Veranstalter beauftragt ein unabhängiges Institut, das unter Berücksichtigung von Bühnenposition(en), Schalldruck, Abstrahlwinkeln und allen möglichen Windrichtungen und Luftfeuchtigkeitsgraden berechnet, wann wo unter welchen Bedingungen mit welchem Lärm zu rechnen ist und folglich, bei welchen Bedingungen man die Lautstärke wie weit aufdrehen kann, aber auch, wie die Bühnen optimal zu stellen sind, damit von der Musik möglichst wenig und im genannten Dorf auf keinen Fall mehr als 55 db(A) ankommt.

Hat der Veranstalter diese Angaben, kann schon nicht mehr viel schiefgehen. Beim Bizarre wird zudem ein Beschwerde-Telefon eingerichtet: Fühlt sich ein Anwohner durch die Musik belästigt, so fährt ein Messwagen zum betreffenden Haus, wo vor dem Fenster oder auf Wunsch auch direkt im Wohnzimmer der db(A)-Wert gemessen wird. Ist der in Ordnung, muss der Nachbar die Ruhestörung in Kauf nehmen. Ist er zu hoch, muss die Musik leiser gedreht werden. Das Schöne an dem Schall-Maß db(A) ist für Veranstalter übrigens, dass es tiefe Töne wie wummernde Bässe, die ziemlich weit zu hören sind, nicht erfasst.

Hält sich ein Veranstalter nicht an die Auflagen, wird die Polizei nicht gleich das Festival auflösen. Die Strafen für das Übertreten von Vorschriften seien allerdings, so betont Rossner vom Splash!, empfindlich: Bußgelder könnten schnell an die finanzielle Substanz gehen. Doch nicht alle Anwohner sind Denunzianten. Nik Schär berichtet von einem Fall, in dem sich ein neu zugezogener Anwohner per Leserbrief in der lokalen Zeitung beschwert und gefordert habe, das Festival zu verhindern: »Das Ergebnis dieses Briefes war, dass eine wahre Flut von Leserbriefen von Anwohnern in der Zeitung erschien, die dem Mann nahelegten, sich nicht so aufzuregen und, falls ihm das Festival nicht passe, wegzuziehen.«

Nicht die Feinde, sondern die falschen Freunde stellen ein gewichtiges Problem dar. Illegale Besucher gefährden das Festival und die Besucher, die Eintritt gezahlt haben. Das britische Glastonbury beispielsweise hat seit jeher Ärger mit illegalen Gästen, den sogenannten Gatecrashers – ein Problem, das dieses Jahr zur Absage der Veranstaltung geführt hat. Die Organisatoren fühlten sich außerstande, die Sicherheit der Gäste zu gewährleisten.

Überhaupt sind Besucher ein Risiko, das sich kaum versichern lässt. Während mit Haftpflicht- und Ausfall-Versicherung (für den Fall von schlechter Witterung etwa, bei Ausfall wegen Maul- und Klauenseuche gibt's indes keinen Pfennig) sowie unzähligen Zusatzversicherungen z. B. für PA und Bühne große Teile des Risikos abgedeckt werden können, muss der Veranstalter für die Schäden, die seine Gäste außerhalb des Festivalgeländes anrichten, selbst aufkommen, da die Schuldigen im Nachhinein meist nicht auszumachen sind.

Dem guten Willen der Besucher darf da – sanft, aber bestimmt – auch mal nachgeholfen werden: Beim Splash! wird dieses Jahr jedem Besucher am Eingang ein Müllbeutel in die Hand gedrückt, für den er/sie fünf Mark Pfand hinterlegen muss. Den Heiermann bekommt der Besucher nur dann zurück, wenn er den Beutel am Ende des Festivals mindestens zur Hälfte mit Müll gefüllt wieder abgibt. Das freut auch die lokale Bürgerinitiative, denn so wird das Gelände schneller wieder sauber. Überhaupt haben sich Veranstalter und Bürgerinitiative in Chemnitz-Rabenstein in letzter Zeit erstaunlich lieb. Auch hier scheint sie ein kleines Wunder vollbracht zu haben: die Kommunikation.