Tanz den Babysitter-Boogie

Mit Kindern auf Festivals

Schon länger vermehrt sich das Interesse an Musik-Festivals bei unterschiedlichen Generationen. Und auch wenn man das in Großbritannien und den Niederlanden schneller begriffen hat, mehren sich nun auch in Deutschland die Angebote für Kinder auf Festivals.
Autor: Carsten Schumacher
Musik-Festivals in allen Spielarten werden immer beliebter in der westlichen Welt und sind nicht mehr allein den Teenagern und Anfang-20-Jährigen vorbehalten. Längst ist ein Mehr-Generationen-Ding daraus geworden. Und auch wenn man das in Großbritannien und den Niederlanden schneller begriffen hat, mehren sich nun auch in Deutschland die Angebote für Kinder auf Festivals.

Kinder, wie die Zeit vergeht. Eben noch zu Biohazard gehüpft, stellt sich plötzlich für viele die Frage: Verabschiede ich mich vom Festival-Treiben oder nehme ich meine Kinder einfach mit? Laut einer Statistik der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) waren im Jahr 2013 auf deutschen Rock/Pop-Festivals 30% der Besucher zwischen 30 und 50 Jahre alt, nicht wenige in dieser Altersstufe werden mittlerweile Kinder haben. In Großbritannien ist diese Entwicklung längst bekannt, im selben Jahr lag das Durchschnittsalter beispielsweise beim Glastonbury Festival bei 36,8 Jahren. Das soll nicht heißen, dass die Festivallandschaft keine 18-Jährigen mehr interessiert, es bedeutet einfach, dass sich die Älteren weigern, alt zu sein und zu Hause zu bleiben. Entsprechend sind die dortigen Angebote für Kinder auf Festivals auch groß, werben Latitude, Guilfest, Green Man, Womad, Camp Bestival und das Big Chill explizit für ihre familienfreundliche Seite. In Deutschland wurde dieses Thema erst im vergangenen Jahr zum Verkaufsargument für Open Airs. Natürlich war es schon vorher kein Problem, auf klassischen Hippie-Festivals wie dem legendären Burg Herzberg Festival Kinder mitzunehmen. Auch Juicy Beats, Open Flair oder Summerjam standen dem offen gegenüber und brachten Angebote für Kinder mit ins Programm wie beispielsweise Kindertheater oder Kinderzirkus beim Open Flair.
 
Und doch waren Kinder (und bleiben es noch an mancher Stelle) ein umstrittenes Thema. Eltern bringen Feuchttücher und Tupperware mit gestifteten Gurken und Möhren mit, achten auf Sonnenhüte für die Kleinen und erbitten etwas mehr Rücksichtnahme, wenn der Mittagsschlaf ansteht. Wenn vor dem Zelt nebenan zeitgleich die Bong vorbereitet wird oder das rituelle Wettsaufen ansteht, können da schon mal Welten aufeinanderprallen: Die einen sind ihre eigenen Eltern gerade erst losgeworden, da proklamieren andere Eltern plötzlich ihr eigenes Recht auf ein Festivalleben – alles nicht ganz einfach. Dass es trotzdem Festivals gibt, die seit vergangenem Jahr offensiv um Eltern als Festivalbesucher werben, liegt an der sich ständig ausweitenden Festival-Landschaft, in der man mittlerweile längst Festival-Kreuzfahrten buchen kann, um mit Sodom durch die Karibik zu schippern, oder am Weißenhäuser Strand ganz gediegen den Indie aus dem Rotweinglas schlürft. Die Festivals richten sich also längst nicht mehr nur an die Generation »Spring Break«, sondern schließen auch jene mit ein, die lieber einen Bungalow als ein Zelt bewohnen, dafür aber auch das nötige Kleingeld besitzen.

Aber auch in einer solchen Situation sind nicht immer alle glücklich, selbst bei einem explizit familienfreundlichen Festival ist das kein Automatismus. »Als Elternteil sollte man einschätzen können, ob das Kind ebenso viel Lust hat wie man selbst, ein Festival zu besuchen. Denn nur dann haben Eltern und Kids dort eine tolle Zeit zusammen«, sagt Sina Klimach vom A Summer’s Tale, das mit einem extra kinderfreundlichen Programm für sich wirbt. Doch aus sie stellt klar, wo der Unterschied zu einer Betreuung à la Ikea-Kinderparadies liegt: »In unserem Kinderzelt können Kinder und Eltern gemeinsam spielen. Wenn die Kinder mögen, können sie auch allein dort bleiben, jedoch obliegt die Fürsorgepflicht stets den Eltern. Sprich: Wir haben natürlich ein Auge auf die Kinder, die bei uns spielen, können jedoch keine Rundum-Betreuung anbieten und auch keine Verantwortung dafür übernehmen, wenn sich die Kinder entschließen, das Kinderzelt zu verlassen und das Gelände auf eigene Faust zu erkunden. Wir bieten in diesem Jahr ein Festivalarmband für Kids an, auf dem Eltern ihre Handynummer notieren können. So können wir die Eltern jederzeit kontaktieren, falls mal ein Kind verloren gehen sollte.«

Es soll also eben nicht darum gehen, die Kinder an der Garderobe abzugeben, um sich dann als Eltern drei Tage völlig frei von Verantwortung bewegen zu können, das sollte vorab klar sein. Familienfreundliche Festivals helfen lediglich, auf die Bedürfnisse von Kindern einzugehen, damit auch sie auf ihre Kosten kommen und nicht nur als Anhängsel mit durchs Programm geschleift werden. Daher ist es auch sinnvoll, Kinder erst ab einem gewissen Alter und nicht schon als Babys mit zum Festival zu nehmen, sie im Vorfeld mit der Musik der Acts vor Ort vertraut zu machen und sich wirklich darüber im Klaren zu sein, dass man sie dabeihaben möchte – auch bei schlechtem Wetter, Sturm und Schlamm!
 
Dafür wichtig ist, dass man sich bereits im Vorfeld erkundigt, wie die Verhältnisse vor Ort sind, dass man beispielsweise mit dem Auto möglichst nah an Zelt oder Bungalow parken kann. Schon die Anreise sollte kein großer Stress für die Kinder bedeuten. Äußerst empfehlenswert ist es, in einer Gruppe anzureisen, in der sich auch den Kindern vertraute Personen befinden, die auch mal auf sie aufpassen können, wenn man selbst gerade zum Dixi oder Duschen möchte, oder die gegebenenfalls bei den Kindern am Zelt bleiben, während man selbst die ohrenbetäubende Grindcore-Band feiern geht, für die man früher so geschwärmt hat, denn quasi die Grundvoraussetzung für einen Festivalbesuch mit Kindern ist ein guter Gehörschutz. Hier lohnt sogar ein Gespräch mit dem Kinder- oder Ohrenarzt im Vorfeld, der auf mögliche Risiken hinweisen und angemessenen Schutz empfehlen kann, da das kindliche Gehör noch um einiges empfindlicher ist als die Hörorgane der Erwachsenen. Beim A Summer’s Tale spielen natürlich keine Metal-Bands, wummern keine EDM-Bässe, aber selbst Noel Gallagher kann einem Kind das Trommelfell wegpusten, wenn es keinen Schutz trägt und den Platz vor dem Lautsprecherturm für einen guten hält.
 
Im besten Fall aber liegen die Kinder bereits im Schlafsack, wenn Noel Gallagher auf der Bühne steht, und hatten zuvor einen schönen Tag im Kinderzelt, wo sie basteln, spielen, toben und andere Kinder kennenlernen konnten. »Auch auf den Bühnen wird einiges für die jungen Festivalbesucher geboten, zum Beispiel das Musik-Puppentheater Reggaehase Boooo – wir zeigen alle drei Teile an drei aufeinanderfolgenden Festivaltagen – oder das Theaterstück ›Oh wie schön ist Panama‹«, erläutert Sina Klimach.

Beim Lollapalooza in Berlin hat das Kinder-Areal direkt einen eigenen Namen. Direkt am Eingang des Kidzapalooza wird Gehörschutz verkauft, und die Kinder können dort auch für ein breites Workshop-Angebot angemeldet werden. Weiter durch befindet sich die Kidzapalooza Stage, auf der die neuen Stars der Kinder-Szene auftreten. Die HipHop-Formation Deine Freunde sind mit ihrem dritten Album »Kindsköpfe« immerhin bis Platz 50 der Deutschen Album-Charts vorgestoßen und haben bei ihrem Auftritt beim Debüt des Festivals 2015 eine veritable Klopapierschlacht zwischen Band und Kindern losgetreten. Die Puppetmastaz treten gleich zusammen mit den Kindern und deren dort gebastelten Puppen auf; und für Kinder, denen das Bühnenprogramm zu langweilig ist, gibt es jede Menge Möglichkeiten, sich zu verkleiden, Fußball zu spielen, riesige Seifenblasen zu bestaunen oder Clowns und Zauberern zuzusehen. Dazu liegt der Vorteil eines solch urbanen Festivals auf der Hand: Geschlafen wird am Ende entweder zu Hause, bei Freunden oder im Hotel, und das Wetter kann einem entsprechend piepegal sein.