»Mittlerweile können die Leute tanzen«

Marteria über die Veränderungen in seinem Leben und auf HipHop-Festivals

Als Festivalveteran auf beiden Seiten der Bühne kennt Marteria sowohl den Matsch auf dem Zeltplatz als auch das Catering hinter den Kulissen. Auch wenn er seit zwei Jahren dem Alkohol abgeschworen hat, sind seine Erinnerungen an die letzen 20 Live-Jahre sehr lebendig. Ein Gespräch über neugierige Nazis, zugekokste Vierzigjährige und den Moment, in dem er einmal fast Nummer Eins in Uganda geworden wäre.
Interview: Alexander Dahas
Marteria, warst du früher ein großer Festivalgänger?

Ich war sogar ein sehr großer Festivalgänger. Als Sechzehnjähriger war ich zum ersten Mal beim Splash, das damals in einem Zelt vor 2.000 Leuten in Oberrabenstein stattfand. Ich weiß auch noch, dass zwischendurch ein paar Nazis den Zeltplatz überfallen haben, was aber nicht so dramatisch war, wie das jetzt klingt. Damals gab’s eben noch Leute, die wissen wollten, was die bescheuerten HipHopper da nebenan machten. Die haben ein paar Zelte eingerissen und ein bisschen Scheiße gebaut, wurden aber schnell wieder vertrieben. Ein Jahr später kamen schon 5.000 Leute zum Festival, und seitdem war ich immer, bis auf einmal, dabei! Zuerst als Besucher und ab 2001 als Performer, beim ersten Mal als Back-up-Rapper bei Underdog Cru, zweiter Slot am Freitag, nach Lenny aus Köln. Letztes Jahr war ich nicht mit von der Partie, aber ansonsten war ich immer Mr. Splash!

Vor drei Jahren hast du einen Secret Gig auf einer winzigen Bühne gespielt. War das deine persönliche Nostalgie-Aktion?

Nee, gar nicht. Da war ich halt nicht gebucht, wollte aber trotzdem hin. Also haben wir kurzerhand auf der Blockparty-Stage gespielt. Damals war ich mit Paul Ripke unterwegs bei irgendeinem anderen Festival, wir haben uns spontan ein kleines Soundsystem organisiert und sind dann da reingeritten. So etwas plant man nicht, so etwas macht man einfach.
Was hat sich in den letzten 20 Jahren auf den Festivals, wie du sie kennst, verändert?

Mittlerweile können die Leute tanzen (lacht). Früher haben sich die Leute bei HipHop-Shows einfach hingestellt und im Rhythmus mit den Armen gewackelt, aber inzwischen bewegen sie sich ganz anders. Auch die Musik ist in ständiger Bewegung. Ich habe immer alles gehört. Die wichtigsten Künstler in meinem Leben und für meine Musik sind neben ein, zwei Rappern nach wie vor Björk und The Prodigy. Musik aus England habe ich immer bewundert, weil man sich dort etwas Neues einfallen ließ, wenn der Rest der Welt zu lange auf einem Thema rumzureiten drohte. Garage, Drum and Bass, Two Step, Dubstep, Grime – da war Bewegung drin, und das sieht man im HipHop jetzt eben auch. Früher hatte man den Eindruck, dass die Leute im HipHop eher gefangen waren und sich nicht richtig bewegen konnten, dabei ist HipHop eine Bewegungsmusik und steht für eine offene Kultur. Es gibt schließlich keine Musik, in der man Dinge so gradlinig aussprechen kann. Andere Dinge verändern sich dagegen nie, wenn man an Festivals denkt. Klar ist es geil, jetzt mal ein Foto mehr zu posten als früher, aber nach wie vor geht es nicht darum, auf sein Handy zu gucken, sondern sich die Kanne zu geben, bescheuerte Spiele zu spielen und möglichst viele Acts zu sehen.
Du kennst ja inzwischen beide Welten. Ist es hinter der Bühne tatsächlich so interessant, wie man sich das vor der Bühne so vorstellt?

Nein. Backstage gibt es meistens auch nur zwei vollgeschissene Toiletten und mehr oder weniger gutes Essen, aber ansonsten hängt man da nur rum. Da ist die Fanseite schon aufregender, denn da ist man quasi auf einer Mission: Reinkommen, was erleben, abfeiern, Frauen kennenlernen, essen und trinken und in den See springen. Auch als Künstler bin ich später immer auf den Zeltplatz gegangen und hab mich da mit Jungs getroffen, die ich kannte. Nicht, weil ich so bodenständig bin, sondern weil ich lieber dahin gehe, wo es Spaß macht. Es ist einfach geiler, draußen zu sein, als mit irgendwelchen Künstlern abzuhängen. Klar, unterhalte ich mich auch gerne mit Kollegen, aber das ist nicht das, was man als Spaß bezeichnen würde.

Du selbst hast vor zweieinhalb Jahren dem Alkohol abgeschworen. Bedeutet das, dass die wilden Zeiten für dich vorbei sind?

Genau, ich bin jetzt raus. Ich bin jetzt Anfang 30 und will nicht meiner Jugend nachrennen. Früher hätte ich mir nicht vorstellen können, nicht besoffen auf ein Festival zu gehen. Ich bin ja auch immer gerne in irgendwelchen Clubs gewesen, was genauso mit einem exzessiven Leben zu tun gehabt hat. Wenn ich feiern war, war ich richtig feiern. Ich war nie der Drei-Bier-Typ, sondern war eher mal drei Tage am Stück weg und bin montags völlig zerstört aus dem Berghain gekommen. Aber irgendwann ist mir halt klar geworden, dass mir das meinen Weg kaputt macht und ich deshalb lieber ganz aufhöre. Ich will mein Leben ja noch genießen und geile Sachen erleben und Spaß haben, und da ist Saufen im Moment keine Alternative mehr für mich. Die Energie stecke ich jetzt lieber ins Reisen. Mit der Band unterwegs sein, verrückte Dinge machen, angeln gehen. Ich find das nicht geil, die hart zugekoksten Vierzigjährigen zu sehen, die es anders gar nicht mehr aushalten im Club, weil sie sonst viel zu schnell viel zu müde wären. Das ist schon ein sehr erniedrigendes Bild. Tua hat zu dem Thema mal etwas sehr richtiges gesagt: »Du verlierst die Nacht, aber du gewinnst den Tag.« Und so ist es auch. Wenn ich jetzt um sechs Uhr morgens auf meinem Boot bin, ist das ein ganz besonderer Flash. Und außerdem sieht man etwas von der Welt.
Festivalguide
Bild: Patrick Desbrosses
In deinem Fall besonders viel von Afrika. Vor ein paar Jahren warst du in Uganda, neulich in Südafrika. Was hast du da gemacht?

In Südafrika waren wir einen Monat lang und haben ein paar Videos und einen Film gedreht. Die Wahl fiel auf Südafrika, weil es da die entsprechende Technik und eine tolle Kulisse gibt. Wir waren vor allem in Kapstadt, das, anders als Johannesburg, eher so der hübsche Ort am Meer ist. Wie überall in Afrika ist HipHop dort am Kommen, wobei Südafrika immer ein bisschen suspekt und seltsam ist im Vergleich zu anderen afrikanischen Ländern. Man bekommt dieses Rassending immer noch irgendwie mit, alles ist krass geschützt und jeder hat Angst vor jedem. Alles, was an Südafrika komisch ist, fällt einem schon in dem Moment auf, in dem man auf dem Tafelberg steht und auf Robben Island guckt, wo Nelson Mandela gefangen gehalten wurde. Da wurde den Menschen quasi der wichtigste Mann in ihrem Leben und der wahre Held des Landes, der für Freiheit und Frieden gekämpft hat, in Sichtweite von zwei Kilometern Entfernung eingeknastet vor die Augen gesetzt. Das war eine 35-jährige Provokation.

Wie kann man sich HipHop in Afrika vorstellen?

Auch dort gibt es eine Community und eine Szene, zumindest überall, wo ich schon gewesen bin. Vor drei Jahren war ich in Uganda unterwegs und habe dort Musik gemacht, und letzten Dezember habe ich Angola besucht, wo ich mit zwei Rappern von dort zwei Songs aufgenommen habe. In Angola gibt es eine eigene Musikrichtung, die auf einem Tanz basiert: Kuduro. Den meisten Menschen außerhalb Afrikas ist das nicht geläufig, aber wer sich dafür interessiert, der kennt das auch. In Berlin gab es früher ein, zwei Kuduro-Partys, und auch M.I.A., die ich sehr schätze, ist davon beeinflusst. In den entsprechenden Netzwerken lernt man schnell Leute kennen, eigentlich braucht man auch nur zu fragen. Als ich in Südafrika vom Flughafen abgeholt wurde, habe ich mich gleich erkundigt, welche Jungs dort im HipHop das Sagen haben. Dann einfach auf Facebook gehen, anschreiben, treffen, Musik machen. In Südafrika gibt es ganz reguläre Hitparaden, genauso in Uganda. Wobei: In Uganda kann man sich den Platz Eins der Charts auch kaufen, für ungefähr 1.500 Euro. Das haben wir uns mal kurz überlegt, haben’s aber dann sein lassen (lacht).
Dich zieht es offenbar immer wieder nach Afrika. Was gefällt dir dort neben der Musik besonders?

Für mich ist Afrika als Kontinent einfach am interessantesten zu bereisen. Die Kultur und die Vielfalt geben einem unheimlich viel. Man kommt nicht von einem Uganda-Trip zurück und denkt, man sei bloß im Urlaub gewesen. Da gibt es immer wieder intime Momente und neue Erfahrungen. Als ich letztes Jahr in Angola war, bin ich aus dem Flughafengebäude gekommen, direkt hinten auf einen Van gesprungen, der mich fünf Stunden lang durch die Gegend bis zu einem Flusssystem gefahren hat, wo ich dann fünf Tage lang mit drei Angolanern angeln war. Niemand sprach ein Wort Englisch, aber wir haben trotzdem tagelang miteinander gequatscht. In solchen Momenten merkt man: das System Mensch funktioniert auch ohne Sprache. Das ist eine Erfahrung, die man mal machen muss, und die macht man an ganz vielen Orten eben nicht. Länder zu bereisen, die nicht bei allen Leuten auf der A-Liste stehen, bringt einem in jeder Hinsicht viel mehr. In Angola gibt es zum Beispiel so etwas wie den Grand Canyon, nur dass man da keine Touristen sieht, beziehungsweise gefühlt zehn pro Monat. Es ist ein wunderschönes Land, und die Menschen sind ausgesprochen nett.

Bist du in Afrika schon mal auf einem Festival aufgetreten?
Wir haben durch das Goethe-Institut tatsächlich auch schon Konzerte in Uganda gespielt. Da kamen dann 300 Leute aus Uganda und 300, die da arbeiten. Dabei fiel mir immer wieder auf, wie offen die da sind und was die alle für ein geiles Zeug quatschen, auch schon mit 18, 19 Jahren. Wenn die dann nach ein, zwei Jahren nach Deutschland zurück gehen, labern die nicht nur irgendeine Scheiße. Es wäre schön, wenn der kulturelle Austausch vorangetrieben würde und das mehr Leute machen würden, denn das sind im Nachhinein die geilsten Erinnerungen überhaupt. Ich finde, dass es gut für die Menschen und für die allgemeine Bildung wäre, wenn man sein soziales Jahr nach der Schule in Afrika verbringt. Ich glaube, dann wäre die Welt eine ganz andere.