Europas Festivals in Zeiten von Erdogan, Wilders & Co.

Love, Peace & Populismus?

Noch vor 20 Jahren sah die europäische Festivallandschaft anders aus, aber das galt genauso für Europa selbst. Die Schritte der jungen Demokratien im Osten wurden sicherer, der Krieg auf dem Balkan näherte sich seinem Ende. Nach und nach sah man Festivals aus einem friedlichen Boden sprießen wie Krokusse im Frühjahr. Und heute? Teile der Gesellschaft rutschen nach rechts, Extremisten und Populisten finden immer mehr Zuhörer und der Kontinent hält den Atem an. Was bedeutet das für Festivals und ihre Macher, stehen sie doch eindeutig für einen völlig anderen Lebensstil.
Text: Holger Schmidt ,
Foto: Anatol Gottfried
Die in Düsseldorf ansässige Veranstaltungsagentur SSC Group hat im Frühjahr Zuwachs bekommen. Baris Basaran arbeitet neuerdings als »Head of Booking« im Tournee‑ und Festivalbereich für das Unternehmen. Er ist kein unbeschriebenes Blatt, seit Jahren ein hervorragend vernetzter Fachmann der internationalen Livemusikbranche. Basaran ist in der Türkei geboren und war dort bis vor gar nicht langer Zeit beim größten Konzertveranstalter des Landes in Istanbul beschäftigt. Ins Musikgeschäft kam er erst über Umwege und doch ist es kein Zufall. »Musik hatte immer einen besonderen Platz in meinem Herzen«, erklärt er. »Neben meinen Dayjobs organisierte ich Raves und Partys. Ich habe gefühlt und bin immer noch überzeugt, dass wir die Welt mit Musik verändern können.«

Basaran fand seine Bestimmung 2004, als ein Jobangebot aus der Veranstaltungsbranche kam, das er annahm. Fortan war er über zehn Jahre erfolgreich von Istanbul aus für die bedeutendsten Konzertbüros der Türkei vor allem vor Ort, aber auch in ganz Osteuropa, tätig. Baris arbeitete ebenso an den populärsten türkischen Festivals wie bspw. dem Rockʼn Coke mit über 30.000 Besuchern wie auch für die internationalen Majorevents Sziget und Exit. Es lief super – bis sich das Klima in der Türkei langsam, aber sicher veränderte und damit auch die Basis für das Geschäft, von dem und für das Basaran lebte. Werte, die auch in bester Tradition seiner internationalen Auftraggeber stehen, waren zuhause plötzlich nicht mehr selbstverständlich. »Wir waren die Flaggenträger der freien Rede, Glaubensfreiheit und Gleichheit von Rasse und Geschlechtern«, sagt Basaran. »Wir haben Kultur und alle Formen der Kunst gefördert. Unsere Existenz, unsere Werte, Philosophien – diese Dinge waren die Top‑Werte der Türkei bevor die aktuell vorherrschende Mentalität unglücklicherweise das Land verändert hat.« Veränderungen, die nicht ausschließlich im Livemusik- und Veranstaltungsbereich geschahen, sondern in weite Teilen der türkischen Gesellschaft reichten. Deren säkularer, aufgeschlossener und liberaler Teil lehnte dies ab und doch konnte das Verschwinden der vormals guten Dinge nicht verhindert werden.
»Für mich war der offensichtliche Wendepunkt, als in der Nacht vor unserer Show mit Pulp im Jahr 2012 das Alkoholverbot in Kraft trat«, erinnert sich Basaran. Während andere dies an sich nicht ganz so schlimm fanden, erkannte er, dass Aktionen wie diese Puzzlestücke sind, die am Ende das ganze Bild verändern. »Im nächsten Sommer war es dann, als die Ereignisse im Gezi‑Park geschahen. Mit Straßenkämpfen und Aufständen. Ich habe im Sommer 2013 insgesamt 36 internationale Shows absagen müssen und wir waren uns bewusst, dass es wohl leider zu spät für unser Land ist.« Er hatte gehofft, dass sich die Branche in der Folgezeit würde erholen können, jedoch ohne Erfolg.

Ein Wandel in der Kultur war eingetreten. Weit weniger neue, richtungsweisende Künstler jenseits des Mainstream – jene, für die Basaran mit Leidenschaft arbeitet – kamen in die Türkei. Und selbst Besucherzahlen für weltweit spielende Majoracts gingen signifikant zurück. Istanbuls bedeutendste Klassische Konzerthalle AKM ist seit fünf Jahren geschlossen und der Stadtteil Beyoglu, vormals das kulturelle Herz der Stadt, ist ein Schatten seiner selbst. In den Jahren seit 2013 reduzierte sich die Anzahl der Mitarbeiter von Basarans Arbeitgeber um mehr als die Hälfte: von gut 140 auf etwa 60, die es heute noch sind. Die großen Festivals des Landes, über Jahre Fixpunkte im internationalen Veranstaltungskalender, haben seit 2013 nicht mehr stattgefunden. Im Sommer 2015 strich auch Basaran enttäuscht und resigniert die Segel.

Die politisch‑gesellschaftliche Entwicklung in der Türkei hatte ihm und seinem Schaffen die Grundlage entzogen. Dabei sieht Basaran aber auch Schuld auf internationaler Ebene. Die Entwicklung wurde dadurch begünstigt, dass zu Beginn viele heute kritische Europäer Ankara unterstützten und naiv genug waren zu glauben, eine vergleichsweise zahme, gemäßigt-islamische Türkei käme dabei heraus. »Nun, das ist das Ergebnis, das du bekommst, wenn du versuchst, etwas zu tunen, von dem Du keine Ahnung hast«, gibt sich Basaran desillusioniert.

Entwicklungen starten langsam, selten mit einem Knall. Vor zwanzig Jahren war weder in der Türkei noch in Europa erkennbar, was wir heute weltweit vorfinden: scheinbar wählbare rechte oder ultra-konservative Parteien, postfaktische Diskussionsführung mit gefühlten Wahrheiten und instrumentalisierte Angst. Die Resultate begegnen uns allenthalben – Ausgrenzung, Intoleranz, fehlende Solidarität, Protektionismus und gesunkene Hemmschwellen für Hass und Gewalt. Dies sind Phänomene, die sich mit der fröhlich‑bunten Festivalwelt nicht vertragen.
Die Vermutung liegt nahe, dass es in der europäischen Festivalszene gemeinsame gelebte Werte gibt. Doch ist dem wirklich so? Fruzsina Szép, Festivaldirektorin des Lollapalooza Berlin mit ungarischen Wurzeln, ist sich dessen sicher: »Die Festivalszene, die ich kenne, und die Leute hinter diesen erstaunlichen Festivals, wir haben eine gemeinsame Utopie. Respekt, Toleranz, Zusammengehörigkeit, Offenheit, Neugier, Leidenschaft, Inklusion, andere unterstützen und ihnen helfen – und Liebe.« Ein Festival sei ein Platz, an dem Dinge erschaffen werden, der Menschen verbindet und an dem man sich umeinander kümmert. Natürlich definieren die Festivalmacher ihre Ziele und Werte unterschiedlich. »Festivals sind wie Menschen: voneinander verschieden«, sagt Mauro Valenti, seit über dreißig Jahren verantwortlich für Italiens Arezzo Wave Love Festival mit bis zu 20.000 Besuchern am Tag. »In meinen Augen ist mein Fest wie ein Zug, der Musik als seine Lokomotive hat und seine Waggons sind Räume, die mit positiven Botschaften für das Publikum gefüllt werden.«

Das klingt 1500 km weiter nördlich gar nicht so anders, wenn Thomas Jensen, einer der Veranstalter des Wacken Open Airs, über das bedeutendste Metalfestival der Welt sagt: »Für mich persönlich haben Musikfestivals immer den Geist von Freiheit und Austausch. Auf Wacken bezogen ist es immer unser Ziel, die dazu erforderlichen Rahmenbedingungen zu schaffen. Also einen Ort mit möglichst wenig Einschränkungen und Verboten, wo jeder sein Ding machen kann.« In diesem Fall ist der Ort eben ein inzwischen weltbekanntes Dorf in Norddeutschland, in dem 80.000 Gleichgesinnte aus aller Herren Länder zusammenkommen, um unter dem Banner ihrer Musik vereint zu feiern. Denn »Musik bedeutet für mich schon immer Freiheit und sein Ding zu machen! Das war vor 28 Jahren so, ist jetzt so und wird auch in 15 Jahren so sein«, ist sich Jensen sicher.

Offene Gesellschaft, Toleranz und Freiheit, durch Kultur und Musik verändern – die Schnittmenge der Festivalwerte ist groß und doch muss man weiter und über das Event hinaus denken, will man mit diesen Werten tatsächlich etwas Handfestes erreichen: »Ich glaube, dass eine wirkliche Veränderung in der Gesellschaft nur dann geschehen kann, wenn die Werte und das Gefühl, welche wir innerhalb der Festivalgemeinschaft teilen, in unsere alltäglichen Handlungen, die kleinen und großen, übersetzt werden«, meint Codruta Vulcu, Veranstalterin des ARTmania Festivals, dem bedeutendsten seiner Art in Rumänien. »Diese Alltagshandlungen sind die eigentlichen Auslöser für positive Veränderungen.« Vulcu hat Erfahrungen damit, Veränderungen herbeizuführen und Krusten aufzubrechen. Sie war zu Jahresbeginn mit vielen Tausend gleichgesinnten Demonstranten gegen Korruption und Amtsmissbrauch auf den Straßen Rumäniens. Vor zwölf Jahren startete sie als junge 25-jährige Frau und unabhängige Veranstalterin ihre Festivallaufbahn in einer postkommunistischen Gesellschaft, in welcher immer noch Männer für alles verantwortlich waren. Ihre gesamte Kreativität sei gefragt gewesen und das habe auch großen Spaß gemacht, erinnert sie sich. »Ich musste mit einer sehr veralteten Mentalität kämpfen, Überbleibsel der kommunistischen Zeiten, in welchen jeder, der Rock, Punk oder Metal hörte, als Problem für die Gesellschaft angesehen wurde.«

Man ist versucht den Kopf über derlei antiquierte Ressentiments zu schütteln und doch scheinen sie heute ob der rückgewandten Gesellschaftsströmungen eben gar nicht mehr so weit weg. Der Chef des niederländischen Lowlands Festivals (richtiger Name: A Campingflight To Lowlands Paradise), Eric van Eerdenburg, hat nicht vergessen, dass die Kultur auch in den Niederlanden von der PVV, der populistischen Partei von Geert Wilders (seit den Wahlen im März die zweitstärkste Partei des Landes) nach dem Motto ›Kultur ist ein Hobby der Linken! Alle Subventionen streichen und für niederländische Folklore-Events verwenden!‹ angegriffen wurde. Auf dem Lowlands Festival bewegt sich etwa ein Viertel des Programms außerhalb von Musik. Es gibt Platz für Tanz, Theater und Comedy, aber auch Programme für Literatur, Philosophie sowie für politische Debatten und Gesellschaftsthemen. »Ich habe auch den Vorsitzenden der populistischen Partei eingeladen«, so van Eerdenburg. »Er hat die Einladung nicht angenommen.« Und doch fand die Thematik ihren Platz im Festival. Van Eerdenburg lud einen Philosophen zum Festival ein, der ein Essay über die Zusammenhänge zwischen dem aufkommenden Faschismus der 1930er Jahre und der populistischen Bewegung, die sich derzeit in Europa ausbreitet, schrieb. Dies erregte große Aufmerksamkeit und wurde heftig in den Medien diskutiert – sicherlich auch ein Verdienst der Popularität des Festivals mit 55.000 Besuchern und seiner medialen Strahlkraft.
Doch ist Politik tatsächlich die Aufgabe von Festivals, deren Kernkompetenzen seit jeher Unterhaltung und Eskapismus sind? Christof Huber, Geschäftsführer der europäischen Festivalvereinigung Yourope und Veranstalter des Open Air St. Gallen in der Schweiz, ist sich da sicher: »Europa ist in der wohl schwierigsten Krise seiner Geschichte seit dem Zweiten Weltkrieg. Es gibt leider bereits einige Länder in Europa, wo gewisse Festivals Angst haben müssen, sich politisch zu äußern, und Folgen fürchten müssen«, berichtet er und fährt fort: »Wir können das Sprachrohr sein von Generationen, erreichen Millionen von jungen Leuten an unseren Events in ganz Europa. Wir können, nein, wir müssen heute unsere Besucher zur aktiven Arbeit in der Gesellschaft aufrufen. Wir müssen heute wieder eine Meinung haben, können uns nicht verstecken. Wir als private Personen – aber wir haben auch eine Verpflichtung als Veranstalter.« Yourope hat zu diesem Zweck mit Take A Stand eine internationale Kampagne gestartet, die es Festivals und der gesamten Musikbranche ermöglicht, aktiv zu werden und sich individuell zu gemeinsamen Zielen zu bekennen. Sie gibt auch Festivals, die bereits Probleme fürchten müssen, die Möglichkeit, mitzumachen und die Solidarität der anderen Partner zu nutzen.

Die Initiative stößt auf fruchtbaren Boden. »Populismus und Fremdenfeindlichkeit gefährden die Werte des Lebens im Allgemeinen, nicht nur Werte von Festivals«, ist Arezzo Waveʼs Mauro Valenti überzeugt. »Jeder, der im gesellschaftlichen Bereich arbeitet, hat eine Verantwortung für das Publikum. Festivals sollten Sprachrohr sein, positive Werte verbreiten und integrativ handeln.« Musik habe eben keine Farbe und keine sexuelle Orientierung, sie ist das perfekte Instrument, um diese Message zu unterstreichen ‒ ob nun vor zwanzig Jahren oder in der aktuellen Situation. »Es war immer wichtig, seine Stimme zu erheben, jetzt mehr denn je. Aber jede historische Periode hat ihre Themen und Prioritäten. Gegen Trump, Brexit, LePen oder Orban einzustehen, ist für mich von grundlegender Bedeutung«, bekennt Valenti.

Codruta Vulcu, die von Rumänien aus als international erfolgreiche bildende Künstlerin startete und doch mit vollem Herzen im Livemusikbereich landete und diesen heute mit der Kunst verbindet, stößt ins selbe Horn: »Ich bin keine Person, die notwendigerweise eine politische Position vertreten muss, aber ich denke, dass es mehr denn je ein Muss ist, für universelle, gesunde Werte einzustehen. Ohne einen respektvollen, toleranten und integrativen Ansatz für andere Wesen und einen nachhaltigen und ganzheitlichen Umgang mit der Umwelt sehe ich keine gute Zukunft für unsere Gesellschaft.« Und so werde sie ihre Stimme unbedingt bei jeder Form von Ungerechtigkeit oder Machtmissbrauch erheben, selbst wenn ihr persönlicher Standpunkt einen scheinbaren Nachteil für das Festival bedeuten sollte.

Das Wacken Open Air und alle anderen Veranstaltungen aus ihrem Hause seien grundsätzlich unpolitisch, sagt Thomas Jensen. Doch auch in Wacken gilt: »Unsere Aufgabe ist es, Räume zu schaffen, in denen sich Menschen frei ausleben können. Solange dies im Einklang mit den Menschenrechten geschieht, die ich vollends vertrete, sehe ich da kein Problem.« Die Frage ist, wie man politisch definiert ‒ zumal, wenn man für Werte wie Freiheit, Offenheit, Toleranz und internationale Gemeinschaft steht. Denn auch Jensen ist sich sicher, dass das Erheben der Stimme, um politische Positionen zu vertreten, in einer funktionierenden Demokratie zu jeder Zeit wichtig ist. Das habe auch die Vergangenheit gezeigt.
Sziget Festival 2016 Budapest
Bild: Anatol Gottfried
Fruzsina Szép erkennt die politische Dimension ihres Handelns und das ihrer Festivalkollegen bereits sehr deutlich. »Wir sind perfekte Diplomaten für Musik und Kultur, unsere eigenen Visionen und Missionen. Wir können träumen und Träume wahr werden lassen. Das ist ein großer Luxus«, ist sie sicher. »Viele von uns sprechen in der Öffentlichkeit, in Diskussionsrunden, im Radio, im Fernsehen. Das ist schon politisch.« Ihr Job sei es nicht, eine Politikerin zu sein, aber ihre Aufgabe sei es, gute Beispiele und tolle Lösungen zu zeigen, wie man die Welt zu einem besseren Ort machen kann, ohne dabei eine politische Partei hinter sich zu haben. Da unterscheidet Szép auch nicht zwischen ihrer privaten Position und ihrer Arbeit, die sie im dritten Jahr für Lollapalooza Berlin und zuvor für das Sziget Festival in Budapest leistet: »In allem, was ich tue und woran ich glaube, werde ich alle Türen, alle Fenster und alle Tore für Populismus, Postfakt, Xenophopbie geschlossen halten. Und ja, Festivals haben eine große Verantwortung und jedes Festival sollte für sich selbst entscheiden, was und wie sie etwas tun können, um die positive Energie, die Utopie der Gemeinsamkeit und Buntheit auf ihrem Festival am Leben zu halten.« Gemeinsam könne man Veränderungen bewirken, Geist und Herzen öffnen und falsche, schlechte, negative Gedanken und Meinungen in eine gute Richtung lenken. »Festivals haben die Macht, das zu tun«, ist Szép überzeugt.

Zurück nach Düsseldorf, wo Baris Basaran nach fast anderthalb schwierigen Jahren wieder dort eine Heimat fand, wo er sich auskennt, in der Arbeit mit Musik, mit relevanten, innovativen Künstlern und Bands. Ermöglicht hat ihm dies nicht zuletzt sein Netzwerk von Freunden, und gleichgesinnten Kollegen aus der ganzen Welt, die denken wie Basaran selbst. »Die extreme Rechte, die in Westeuropa stärker und stärker wird, die Situation mit Trump in den USA – das sind alles absolut besorgniserregende Themen«, stellt er fest und nennt es die Pflicht von Akteuren der Musik und der Kunst, ihr Bestes zu tun, um das Bewusstsein für diese Themen zu stärken. Basaran weiß, wovon er spricht. Er hat seine Erfahrungen gemacht und ergänzt: »Lasst uns nicht vergessen, dass Musik die Menschen verbinde. Und lasst uns diese Kraft für das Gute nutzen.«