Mit einem Bein im Knast?

Konzertmogule (1998)

Ich halte Festivals für eine kapitalistische Perversion. Die Veranstalter spekulieren auf einen Besucheransturm von bis zu 100.000 Menschen und kündigen dementsprechend mehr oder weniger bedeutende Pop-Formationen an. Es wird ein derartiges Angebot an Namen gemacht, dass auch dem letzten Skeptiker die Sicherung durchbrennt und er zwanzig bis dreißig Mark bezahlt. Bei 100.000 Besuchern sind das drei Millionen Umsatz.
Das schrieb im Jahre 1971 die Sozialistische Zeitschrift für Kunst und Gesellschaft in »Band 6: Popmusik – Profite für das Kapital«. Erstaunlich nicht nur, dass die Herausgeber dieses mit Schreibmaschine geschriebenen Heftchens im Westteil von Berlin arbeiteten und publizierten. Erstaunlicher noch, dass dieser Text nicht vom sechsköpfigen Redaktionskollektiv in zermürbenden Plena erarbeitet wurde, sondern es sich – glaubt man dem wild zusammenkopierten DIN A5-Heftchen – um ein Zitat von Fritz Rau, dem damaligen Boss des Konzertbüros Lippmann & Rau, handelt. Um starke Worte war die heutige graue Eminenz unter den Konzertveranstaltern in der Tat nie verlegen. Der Mann, den Udo Lindenberg in Johnny Controletti umtaufte (»...und da traf ich einen Herrn von der Mafia«), hat schon so manches Bonmot zu platzieren gewusst. Sein momentan populärstes ließ der heutige Seniorchef von Mama Concerts vor einiger Zeit über die Süddeutsche Zeitung verbreiten: »Wir stehen doch mit einem Bein im Gefängnis.« Und da der Prophet schon im eigenen Land bekanntlich nichts gilt, hat er im eigenen Hause offenkundig erst recht nichts zu sagen: Seinen Kompagnon Marcel Avram hat es bekanntlich inzwischen erwischt, da konnte auch ein Professor Salditt nichts mehr gegen tun – obwohl als Verteidiger von Peter Graf und Jürgen Schneider eigentlich ein Routinier in heiklen Gerichtsangelegenheiten.

Das Konzertbusiness ist, so hat es den Anschein, wohl eines der eher frivoleren Art. Und ein höchst lukratives dazu: Die Europäische Kommission schätzte im vergangenen Jahr den Jahresumsatz im Konzert- und Merchandisingbereich europaweit auf 4,44 Milliarden Mark; ein Drittel, so nimmt man an, entfalle davon auf Deutschland. Ein Geschäft mit immensen Gewinnmöglichkeiten, aber hohem unternehmerischen Risiko: Wer sich verspekuliert, fällt tief. Es ist beileibe kein Zufall, dass Tourneen zunehmend von Sponsoren mitfinanziert werden, das Engagement von Volkswagen bei den Rolling Stones oder Licher Pilsener bei den Unaussprechlichen minimiert für den Konzertveranstalter das Risiko, bei dem Gagenpoker den Kürzeren zu ziehen oder auf die Nase zu fallen, wenn Jagger einen langanhaltenden Schnupfen pflegt. Auch Festivals haben so ihre Tücken: Wenn sich ein Superstar einen gelben Schein holen sollte oder künstlerische Differenzen eine bereits gebuchte Supergroup auseinandertreiben, versendet sich das zwar notfalls durch die Mannigfaltigkeit des Billings. Die immensen Produktionskosten senkt das allerdings nicht unbedingt und die Launen Petrus’ zahlt keine Versicherung.

Glaubt man Fritz Rau, dann atmet auch Marek Lieberberg bald gesiebte Luft. Der Popimpresario schläft dennoch gut. Und eigentlich auch ausreichend: »Ich bin sechzehn Stunden wach pro Tag.« Und die verbringt Lieberberg selbstverständlich on the job. »Ja, Schatz, ich komme ja gleich« – das private Refugium befindet sich in unmittelbarer Nachbarschaft zur Agentur in Frankfurt. Das ist zwar ungemein praktisch, hat aber in notwendiger Konsequenz zur Durchmischung zweier – eigentlich sich feindlich gegenüberstehender – Lebensbereiche geführt. »Wie gehen wir eigentlich mit unserem Leben um?« fragt Lieberberg sich stellvertretend für die anderen Konzerttiere, nachdem er seine Frau gebeten hat, mal rasch das Telefon zu benutzen, um festzustellen, »ob es denn was Wichtiges gibt«. In diesem Job stünde man ständig »vor dem Kollabieren«. Und der Knast? »Vielleicht kommt man ja auf solche Gedanken, wenn man Nana Mouskuri macht.« Schon wieder ein kleiner Seitenhieb auf Rau, hinter dem mehr steckt als nur die Konkurrenzsituation der beiden größten Konzertveranstalter Deutschlands.

Mama war ursprünglich eigentlich ein Kind von Lieberberg, »bevor Rau sich überhaupt mit Rock abgegeben hat.« Gemeinsam mit Marcel Avram (Mama ist ebenso ein Kürzel für die Vornamen Marek und Marcel wie eine »ironische Reflexion« auf Papa Rau) professionalisierte Lieberberg ­– als Sänger von Mike Lee & The Rangers zu Abitur- und Studienzeiten selbst begeisterter Musiker ­– nicht zuletzt die deutsche Open Air-Szene nach dem Vorbild der legendären British Rock Festivals: »Ich bin Konzertveranstalter der ersten Stunde«, sagt Lieberberg nicht ohne Stolz. »lch war der erste, der Festivals
organisiert hat. Damals mussten wir für Pink Floyd noch das Zeltdach aufschneiden, um die Lightshow unterzubringen.« Solcherlei Unprofessionalität ­– »das erschwerte die Hinwendung zur Musik« – kam später nicht mehr in die Tüte, ebenso wenig wie die Zusammenarbeit mit Avram: Ab 1986 gingen sie getrennte Wege, Avram machte Matthias Hoffmann, der seine Meriten durch die Organisation des Papstbesuchs in Speyer erworben hatte, zum Juniorpartner und fusionierte mit Widersacher Rau: Mama Concerts & Rau, geschätzter Jahresumsatz: weit über hundert Millionen Mark.

Das hätte die Herausgeberschaft der inzwischen dahingeschiedenen Sozialistischen Zeitschrift für Kunst und Gesellschaft sicher nicht gern gehört, lautet doch die handgeschriebene Widmung in der Neuauflage von ‘73: »Seid wachsam, haltet Euch tapfer; Grüße an meinen Freund Boris«. Was man sich damals unter Wachsamkeit vorstellte, demonstriert eine inzwischen bizarr anmutende Anekdote: Edgar Broughton hatte 1970 eine Reihe von »Free Concerts« versprochen. Bei der folgenden Deutschlandtournee lag der Eintrittspreis allerdings bei acht Mark. »Wir müssen ihn zur Rede stellen«, forderte daraufhin die Schülermitvertretung des Gymnasiums in Haldenrain und verteilte Flugblätter, die Aktionsgruppe Amboß rief zum gewaltfreien Widerstand auf. Der Mitveranstalter Star Club Bietigheim reagierte prompt: Er machte aufmerksam auf den WK-Preis von lediglich sechs Mark und legte tatsächlich eine Kostenrechnung auf den Tisch, um en detail zu beweisen, dass die erhobene Forderung, Edgar Broughton-Karten zum Preis von vier Mark anzubieten, unrealistisch sei. Lieberberg, damals mit Mama zu 15% an der Tournee beteiligt (Star Club Bietigheim: 5%)‚ erinnert sich nur ungern: »Edgar Broughton war ein Rattenfänger, der auf diese Weise seinen Misserfolg kaschierte.« Die Forderung, Kultur müsse frei sein, sei »pseudosozialistisch: Beim Buch fragt schließlich auch niemand nach einer Offenlegung der Bilanzen.«

Publikum und Industrie haben nunmehr allerdings zu einem entspannten Miteinander gefunden: Stimmt die Leistung, bezahlt man gerne, einen Aufenthalt im musikalischen Freizeitpark gibt es nicht zum Nulltarif. Magenschmerzen bereiten Lieberberg nicht mehr wild gewordene SMVer: »Die Konzert-Zombies leben immer weiter«‚ sagt Lieberberg und meint damit konzertveranstaltende Hasardeure, die »bewusst die Crash-Landung in Kauf nehmen«, nach der Saison in Frieden Konkurs anmelden, ihre Außenstände nicht begleichen, im nächsten Jahr unter neuem Namen firmieren und das gleiche Spiel erneut durchziehen. Auch eine Art, Produktionskosten zu minimieren und die Konkurrenzsituation zu unterlaufen.
Stefan Reichmann hat solche Probleme nicht. Kunststück, von dem alljährlich veranstalteten Haldern Open Air kann und will der Freiberufler nicht leben. Mit Lieberberg eint ihn jedoch die Liebe zum Arbeiten bis der Arzt kommt (according to Lieberberg: »Wie gehen wir mit unserem Leben um? Ich hab’ heute noch gedacht: Ich rauche zu viel.«) und das Unbehagen, als ‘90 das CTS-Vorverkaufssystem eingeführt wurde. Mag es Lieberberg ein Dorn im Auge gewesen sein, dass sein ehemaliger Sozius – und jetziger Gegenspieler – Avram im CTS-Vorstand saß, konnte sich Reichmann mit den unpersönlichen Computerausdrucken nicht anfreunden. Ein Haldern-Ticket macht sich nicht nur an der Pinnwand recht hübsch, manchmal gibt es noch ein witziges Gimmick als Anhängsel: einen formschönen Trinkbecher aus unkaputtbarem Makrolon oder eine CD mit den Acts des Festivals. Eigentlich ist Reichmann Graphiker, Haldern bookt er, weil, nun ja, er irgendwann damit angefangen hat. Auch wenn sich das kleine Festival zuschauermäßig über die Jahre hinweg konsolidiert hat: Als ernstzunehmende Konkurrenz wird Haldern von den Großen der Branche nicht angesehen. Und wenn's Probleme gibt, reicht man auch schon mal eine helfende Hand, Stichwort Gebietsschutz: Üblicherweise werden Bands seitens des Veranstalters vertraglich verpflichtet, in einem angemessenen Zeitraum innerhalb eines bestimmten Gebietes nicht ein zweites Mal aufzutreten. Wird Haldern von solchen Regelungen betroffen, bringt man die Klauseln ganz leger einfach nicht zur Anwendung. Das kommt nicht von ungefähr: Kleine Festivals wie Haldern, so weiß man auch in den großen Agenturen, sind notwendig, um kleinere Acts aufzubauen.
So weit, so idyllisch. Sorgen macht Reichmann hingegen das Geschäftsgebaren angelsächsischer Agenten: »Die Zuverlässigkeit der Engländer lässt sehr zu wünschen übrig. Der musikalische Markt in Deutschland ist sehr stark geworden, das ignorieren die jedoch völlig. Wenn ich denen ein Fax mit dem bisherigen Billing schicke, wo z.B. Guano Apes, Vivid oder Fischmob draufstehen: Das interessiert die nicht.« Plattenverkäufe? Egal. Und so werden Termine und Zusagen verschleift, ob da jetzt was termingerecht in die Werbung muss oder nicht – who cares? »Da beschäftigt man sich lieber mit dem Wesentlichen – und das ist Fußball.« Mit Erstaunen registriert Reichmann zudem die Tendenz nicht nur englischer Konzertveranstalter und Agenten, Musik nur noch in der Terminologie von »hip« oder »das Thema ist durch« zu behandeln: »Die Qualität der Musik spielt keine Rolle.«

Anders bei den Umsonst & Draußen Festivals: Wenn man quasi ohne Budget arbeitet, muss man im Grunde nehmen, was man kriegen kann. However, fühlt sich nur eine bestimmte Klientel von Bands der Idee von Umsonst & Draußen so sehr verpflichtet, dass man ausnahmsweise nur für Spritgeld spielt. Daraus resultiert fast schon eine programmliche Homogenität. Lars Schulz vom Umsonst & Draußen Vlotho sind 22 solcher Festivals bekannt, Grund genug, eine Interessengemeinschaft ins Leben zu rufen. Schließlich haben alle Festivals in etwa die gleichen Probleme: Schwarzhändler brechen das Getränkemonopol, die einzige Einnahmequelle der Veranstalter. Und, so erklärt Schulz: »Je größer das Festival wird, desto weniger geben die Leute aus.« Bei sechsstelligen Produktionskosten geht einem da schon mal der Arsch auf Grundeis, auch wenn das natürlich relativ wenig ist: Personalkosten entstehen gar nicht erst, weil man sich – ähnlich wie beim Haldern – auf eine Vielzahl von Freiwilligen verlassen kann. Und auch die Besucherschaft fühlt sich verantwortlich für das Festival, das sie ganz schnell zu ihrem eigenen macht: Müll aufsammeln? Irgendwer muss es ja tun. Und wenn alle sich verantwortlich fühlen, dann braucht auch eine Masse von 70.000 Besuchern nicht durch Security-Kawensmänner und Hundestaffeln in Schach gehalten werden: »Da klaut niemand die Kasse.« Und so wird das Wirklichkeit, was eigentlich alle unter Gottes Himmel – Lieberberg, Reichmann und Schulz wie die sozialistischen Blattmacher von damals – wollen: 
Alle Menschen werden Brüder.