Über die Elbphilharmonie, Premieren und Newcomer

Interview mit Alex Schulz vom Reeperbahn Festival

Mit dem Geschäftsführer des Reeperbahn Festivals Alex Schulz sprachen wir über neue Spielstätten, den Ausbau des Programms in den Bereichen Film und Installationen und den Helga! Award.
Interview: Helen von Daacke ,
Foto: Anatol Gottfried
In den letzten Jahren sind wichtige traditionelle Spielstätten wie das Molotow umgezogen oder weggefallen, dafür ist zum ersten Mal in diesem Jahr die Elbphilharmonie dabei. Empfinden Sie die Veränderung eher als enttäuschend oder freuen Sie sich darüber?

Das Molotow war ja nie wirklich weg, sondern ist nur umgezogen – uns hat also nie wirklich gefehlt. Vor einigen Jahren fiel die imageträchtige Hasenschaukel weg, die aber auch nicht so bedeutsam war, das kann man ja mal so offen sagen. Wir haben ja eher ein paar Spielstätten dazu bekommen mit dem Häkken und Kukuun.

Unsere Möglichkeiten haben sich mit der Elbphilharmonie als neuer Spielstätte durchaus erweitert. Das ist das zweite Mal, dass es seit der Eröffnung in einem Festivalkontext mit eingebunden wird. Das Haus gibt uns Möglichkeiten, die wir bisher in keinem anderen Spielort haben. Owen Pallett mit dem Stargaze Orchester – das geht nur da. Das ist eine große Chance – auch für das Haus – mal andere Besucher zu erreichen und das Ganze in einem Festivalkontext zu erleben. Owen Pallett hat seine Show zum Beispiel extra für diesen Rahmen konzipiert.

Es wird zwar eine Herausforderung die Menschen vom Kiez hin- und wieder herzuholen, weil der Spielort gibt so weit von unserem Kerngebiet entfernt liegt. Aber es gibt ja die Möglichkeit mit einem gültigen Ticket eine Veranstaltung zu reservieren, damit es nicht so wie in anderen Häusern ist, dass man den Weg auf sich nimmt und dann Einlassstopp ist.
Was gibt es neben der Elbphilharmonie als neuer Spielstätte sonst noch neues dieses Jahr?

Inhaltlich neu ist ein Musikfilmwettbewerb in Zusammenarbeit mit dem UNERHÖHRT! Musikfilmfestival, ganz platt übersetzt: Music Film Contest. 24 internationale Filme, die in Deutschland noch nicht gelaufen sind, sind im Wettbewerb, es läuft fünf Tage und beginnt am Dienstag, also einen Tag vor dem eigentlichen Beginn des Reeperbahn Festivals.

Wir werden mit Matthew Herbert eine Uraufführung am Samstagnachmittag präsentieren –live und parallel zum Heimspiel des FC St. Pauli. Außerdem gibt es auf dem Heiligengeistfeld eine Fläche, gleich am Millerntor, die wir bespielen werden. Ebenso neu ist das »Festival Village«: Dahin zieht das Ticketing und die Akkreditierung um. Daneben gibt es etwas aus den Bereichen Bildende Kunst, Street Art und eine Open Air Bühne. Wir bauen dort auch einen mobilen 360°-Kuppel-Dom auf mit einer Kapazität für 300 Leute, wo man sowohl Musik, als auch Filme, die wir nie in unserem Programm zeigen konnten sehen kann. Täglich wird es dort ein Programm mit dem Musiker Martin Kohlstedt unter dem Titel »currents« geben. Er und die zwei Multimedia-Künstler, mit denen er zusammen daran gearbeitet hat, entwerfen die Bilderwelten und Musik exklusiv für diese Aufführung.

Das Gebiet des Reeperbahn Festivals wächst und verändert sich also stetig.

Ja, das ist quasi automatisch. Die Feldstraße wird dann zu einem funktionalen Bindeglied und verbindet die Clubs auf dem Kiez und das Gebiet noch besser miteinander.

Was bedeutet das Reeperbahn Festival für die Stadt Hamburg?

Das müsste man mal die Stadt fragen (lacht). Das Reeperbahn Festival ist in Deutschland mittlerweile eine international relevante Musikwirtschaftsveranstaltung, die es seit die Popkomm nach Berlin gegangen ist, eigentlich nicht mehr in dieser Art in Deutschland gab. Anders als bei der Popkomm ist sie sowohl für sehr interessierte Fans als auch für Fachbesucher. Das ist das, was das Reeperbahn Festival ausmacht. Beide Besuchergruppen profitieren voneinander. Hamburg will ja Musikstadt sein, liest man hier und da. Deswegen passt das Reeperbahn Festival da gut rein als kultureller und internationaler Treffpunkt, um neues auszuprobieren.

Neue Musik zu entdecken ist ein wichtiges Stichwort beim Reeperbahn Festival. Viele Bands, die dort spielten, standen noch am Anfang ihrer Karriere und sind mittlerweile sehr erfolgreich. Auf welchen Act würden Sie in diesem Jahr spekulieren?

Es kommt ja nie so wie man denkt. Weil es bei uns so eine Vielzahl an Bands gibt, haben wir im letzten Jahr begonnen unter den ganzen Newcomern den kleinen Musikwettbewerb Anchor einzuführen, wo eine prominente Jury internationale Newcomer beurteilt. Auch in diesem Jahr sind unter den Nominierten welche, die gute Chance haben irgendwann mal groß zu werden. Der Vorjahressieger Albin Lee Meldau befindet sich auf einem sehr guten Weg. Um mal Namen zu nennen: aus dem Schwerpunktland Kanada – und weil ich das Video so liebe – Fast Romantics. Aber auch die deutsch-kanadisch-britische Künstlerin Alice Merton oder die dänische Formation First Hate und Pabst aus Deutschland. Auf die vier würde ich mich festlegen.

Der Festivalaward Der Helga! wird seit fünf Jahren als Teil des Reeperbahn Festivals vergeben und zeichnet die besten Festivals der Saison aus. Sehen Sie das Reeperbahn Festival und die Verleihung als einen Abschluss der Saison?

Absolut! Sowohl zeitlich als auch in der Ausrichtung ist es total schlüssig. Alle sind fertig mit den Open Airs. Also passt es beim Reeperbahn Festival ein Resümee zu ziehen. Wir haben ja nichts damit zu tun, es ist also eine unabhängige Sicht und Beurteilung, unter Einbeziehung der Votings von außen und dann zum Glück auch noch wunderbar unterhaltsam.
Was war Ihr Festival-Highlight dieses Jahr und welches Festival würden sie als »bestes Festival« wählen?

Das mach ich ganz egoistisch – darf ich ja (lacht)? Elbjazz im Hamburger Hafen. Weil wir es dieses Jahr zum ersten Mal maßgeblich mitgestaltet haben und es ein totaler Erfolg war: Die Besucherzahlen haben sich verdoppelt. Die Kulisse ist ganz besonders. Als Besucher kommt man ja nur einmal im Jahr auf dieses Werftgelände bei Blohm & Voss, das ist schon sehr stark.

Vielen Dank! Festivalguide freut sich schon auf Der Helga! und das Reeperbahn Festival!