So war’s in Reykjavík: Klitzeklein und voller Liebe

Iceland Airwaves 2015

Man weiß bei diesem Festival gar nicht, wen man mehr lieben soll: diese wundervolle Insel oder all die ganzen kreativ denkenden und musizierenden Menschen, die dort leben.
04.11. - 08.11.2015, Island, Reykjavík
 
Island – eine karge Insel im kalten Nordatlantik, auf halber Strecke zwischen Europa und Amerika. 150 Vulkane gibt es hier, ein Zehntel der Fläche – die gerade mal so groß ist wie damals das Gebiet der DDR – ist von Gletschern bedeckt. Knapp 300.000 Einwohner zählt die Insel, gerade einmal so viele Menschen wie in einer mittelgroßen, deutschen Stadt Platz finden. Feuer und Eis, Kraft und Leichtigkeit werden in Island vereint wie in keinem anderen Land der Welt. Und das jährlich im November stattfindende Iceland Airwaves Festival liefert den perfekten Soundtrack dazu.
 
Als könnten die Gesetze der Musik dabei helfen, die Übermacht der Natur zu bändigen, stand in diesem Jahr zwischen dem 5. und dem 8. November das wunderbare Reykjavík wieder ganz im Zeichen bezaubernder Live-Acts, die Gänsehaut heraufbeschwören, ohne dass.
 
In Zahlen bedeutet das: 200 Mainstage-Acts, 680 Off-Venue-Auftritte, 13 On-Venues, verteilt über den gesamten Stadtkern. Schon mittags kann man es sich bei den zahlreichen Off-Venue-Gigs in rund 40 Locations (darunter Bars, Cafés, Plattenläden, Kinos und Hotels) gemütlich machen und den 20-30 minütigen Sets lauschen, die übrigens auch von Musikliebhabern ohne Festivalticket besucht werden können. Am frühen Abend geht es nahtlos über zum offiziellen Programm.
 
Als Showcase-Festival angelegt, startete das Airwaves erstmals 1999 und will vor allem heimischen Künstlern eine Plattform bieten. In ungefähren Zahlen heißt das, dass sich das Line-up zu etwa zwei Dritteln aus isländischen Formationen und einem Drittel aus internationalen Künstlern zusammensetzt.
 
Über die Jahre hat sich das Festival von einer kleinen, beschaulichen Veranstaltung in einem Flugzeughangar zu einem Muss für Islandfans und Musikliebhaber gemausert. Mit der Verheißung, den Gästen nicht nur unvergleichliche Tage zu schenken, sondern sie auch in die Geheimnisse der Musiktrends der kommenden Jahre einzuweihen, greifen die Festivalmacher nicht zu hoch. Nicht selten hat die Vergangenheit schon gezeigt, dass Unbekanntes, das den Besuchern des Iceland Airwaves über den Weg lief, Monate oder Jahre später als DAS neue Ding auf dem internationalen Musikmarkt gehandelt wurde.
 
Neben großen Konzerten wie etwa John Grant samt isländischem Nationalorchester in der Harpa, Hot Chip bei der großen Abschlussshow am Sonntagabend in der Vodafone Hall oder unseren Alltime-Favourites von FM Belfast im Húrra, sind es vor allem die Konzerte von unbekannten Künstlern oder theoretisch bekannten Künstlern in unbekannten Formationen, die faszinieren.
 
Wir haben die fünf überraschendsten Must-Hears des diesjährigen Iceland Airwaves zusammengetragen:
 
Mr. Silla
Richtig, die kennt man doch! Durch ihr Mitwirken bei Múm, Snorri Helgasson, Mice Parade and Low Roar zählt Sigurlaug Gísladóttir längst zu den ganz bekannten Gesichtern des isländischen Musikmarktes. Das Soloprojekt der Künstlerin mutet vor allem durch vibrierenden Soul an, der sich geschmeidig zwischen zarte Melodien und Sigurlaug’s extrem gefühlsbetonte Stimme bettet. Ihr Set im wohl gemütlichsten Plattenladen Reykjaviks, dem legendären 12 Tónar, wird begleitet von Gitarrist Tyler Ludwig und sorgt schon den den frühen Nachmittagsstunden dafür, dass der Musikshop auf der Skólavörðustígur rappelvoll ist. Zurecht!
 
Vök
Unter Isländern längst kein Geheimtipp mehr: die Dream-Popper Vök. Leadsängerin Margrét Rán hat eine verführerisch tiefe, unbeschwert-sinnliche Stimme, aus welcher sich die pathetischen Songs der Band speisen. Die neueren Lieder des Trios (live aber stets zu Viert oder Fünft auf der Bühne) grenzen ein wenig enger an Pop als bisher, haben dadurch aber nicht das Geringste an Reiz verloren.
 
Gangly
Einer der Namen, der beim Durchstöbern des Line-ups erst einmal unbekannt scheint. Im ziemlich vollen Borg Brugghús wird dann aber schnell festgestellt: Die kennt man ja doch, aber eben einmal mehr aus ganz anderen Formationen. Gangly sind Sindri Már Sigfússon, oder auch Sin Fang, Jófríður Ákadóttir, kennt man von Samaris/Pascal Pinon und Úlfur Alexander Einarsson von Oyama. Gangly setzt sich deutlich von den anderen Projekten der Mitglieder ab, vereint ausufernde, elektronische Soundlandschaften mit einem Hauch R’n’B. Großartig und definitiv bereit für mehr.
 
Nao
Das erste Mal aufgefallen war diese wunderschöne, höchst talentierte, junge Frau vor gut einem Jahr, als der in Zusammenarbeit mit A.K. Paul entstandene Track „So good“ veröffentlicht wurde. Die gebürtige Londonerin bezaubert mit schlankem Falsett verwoben mit R’n’B und Soul. Mit eindeutigem Bezug auf 90’s-Einflüsse schafft Nao aber die Kurve zu etwas vollkommen Frischem.
 
Grísalapalisa
Besonders in Reykjavík ist Grísalapalisa eine der angesagtesten Bands. Zu Acht auf der Bühne liefern sie abgedrehten, ekstatischen Punk, der keine Grenzen kennt und das Publikum vollends mitreißt. In ultraengen Lederhosen kreischt sich Sänger Gunnar Ragnarsson die Seele aus dem Leib und das Hemd vom Leib. An manchen Tagen hat man Glück, wenn die Band vom Bühnenoutfit überhaupt etwas anbehält. Dreckig, laut, richtig nice!
 
Fazit
Ein Besuch auf dem Iceland Airwaves festigt eigentlich nur, was eh schon bekannt ist: Island ist (wahrscheinlich aufgrund seiner progressiven Kulturpolitik) ein scheinbar unerschöpflicher Quell der Newcomer. Künstler mit dem Potenzial auf eine internationale Karriere kommen von hier. Sígur Ros und Björk haben es vorgemacht, zuletzt hat Ásgeir uns mit dem wunderbaren »In the Silence«  vollkommen von den Socken gehauen. Und es braucht natürlich ein Publikum von außerhalb, denn bei aller Schönheit sind die Möglichkeiten innerhalb Islands doch begrenzt. Und genau deshalb ist das Iceland Airwaves ein beliebter Treffpunkt für ein internationales Publikum.
Dieses klitzekleine Land ist Heimat einer berauschenden und einzigartigen Landschaft, die Isländer sind wahre Herzensmenschen und womöglich gibt es auf der Insel tatsächlich mehr Bands als Familien (wie schon einmal von unsicheren Quellen behauptet wurde). Selten sieht man so viele talentierte und liebreizende Menschen auf einem Haufen. Wahre Liebe ist das, die das Iceland Airwaves empfinden lässt.